22:30, Bleibt wach!

Ich war schon im FSK Kino. Das erste Mal im Winter, da saß ich in meiner Daunenjacke alleine in Kino 1 – mein Stammplatz: 3. Reihe außen rechts – und sah mir einen schwedischen Film an.

Jetzt ist Donnerstag, halb 11, dunkel, 12 Grad und ums Kottbusser Tor ist alles in Bewegung. Ganz selbstverständlich gehe ich davon aus, auch heute alleine mit meiner Jacke zu sein.

Als ich mit meinem Rad auflaufe, stehen unter der missverständlichen Neonanzeige FSK schon mehrere Grüppchen. Lachend und rauchend diskutiert man das Programm. Ich frage nach: die meisten sind schon seit dem frühen Abend hier. Beinahe Klassentreffenatmosphäre. Eine Gruppe älterer Damen in Kleid versucht mich einzubinden, aber während ich bei ihnen stehe, fallen sie immer wieder ins Polnische zurück, lachen, entschuldigen sich. Das hier sind noch echte Damen. Eine von ihnen raucht mit Zigarettenspitze. Fasziniert versuche ich zu verstehen, wie es ihr gelingt, dabei kaum affektiert zu wirken.

„Polnisch ist nicht schwer“, sagen sie. Die Vorstellung mir hier auf dem Bürgersteig ein paar Brocken ihrer Sprache beizubringen, amüsiert sie, aber wie bei jedem Festival ist die Zeit knapp bemessen, also winke ich ab, wünsche einen schönen Abend.

Das Innere von Kino 1 fühlt sich an wie das Innere einer Pappschachtel. Auch mit eingeschaltetem Licht ist es noch dunkel. Die Moderatorin des Abends wirkt müde, sie reibt sich die Augen. Wir sollen nicht einschlafen, der Film – „Zum starken Engel“, der lohnt sich, sagt sie, so als müsse man die eingeschworene Gemeinschaft noch überzeugen zu bleiben.

Kaum dass der Film losgeht, beugt sich die Frau mit der Zigarettenspitze zu mir nach vorne und legt mir die Hand auf die Schulter. Sie hält mir eine kleine Pillendose mit rosa Bonbons hin. Direkt aus Polen, flüstert sie, lächelt verschwörerisch. Ihr Bonbon ist süßer als purer Industriezucker. Mein Mund zieht sich zusammen. Wie abgesprochen legt meine fremde Dame mir noch weitere Bonbons in die Hand. Kleine helle Punkte im schwarzen Raum. „Zucker hält dich wach“, sagt sie. Ich nicke bloß. Ein Mal mehr fällt mir nicht ein, wie man sich auf Polnisch bedankt. Aber ich habe im Saal eine Verbündete. Ein bisschen Thelma und Louise.

Text: Emily Grunert