„Efterskalv“ oder das Nachbeben des Gefängnisses

„Der Eindringling“ des Regisseurs Magnus von Horn ist ein gutes Beispiel für die allzu häufige Umbenennung ausländischer Filme. Der Originaltitel „Efterskalv“ lässt sich nämlich vielmehr mit dem Wort Nachbeben übersetzen, was einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Films hat.

Der Teenager John (Ulrik Munther) kämpft nach der Entlassung aus dem Gefängnis mit seinem Umfeld, das ihn aufgrund seiner begangenen Tat stigmatisiert. Er wird nicht nur in der Schule ausgegrenzt, auch Zuhause sieht er sich mit dem zwiespältigen Verhalten seiner Familie konfrontiert. Zwar versucht sein Vater ihm anfangs die Rückkehr in sein altes Leben zu ermöglichen, angesichts der Ausgrenzung durch die dörfliche Gemeinschaft geht aber auch er zunehmend auf Distanz zu seinem Sohn.

Wenn im Titel nun von einem Eindringling die Rede ist, werden die Positionen von John und der Dorfgemeinschaft ins Negative verkehrt. So verschiebt sich der Fokus von den Folgen, die eine Haftstrafe auf den Bestraften haben kann, auf die vermeintliche Störung der Dorfgemeinschaft. John war bis zu seiner Straftat allerdings ein Teil eben dieser Gemeinschaft. Somit wird das zentrale Thema des Films deutlich: Der Umgang mit Schuld und Vergebung oder eben mit jenem Nachbeben, das auf einen Gefängnisaufenthalt folgt. Wie verhält sich die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen und welchen Einfluss hat eine Haftstrafe auf das Verhältnis zu den alten Freunden?

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Diesen Fragen geht Magnus von Horns in seinem Film mit viel Fingerspitzengefühl nach. Das Fehlen einer ansonsten allzu häufig im Übermaß verwendeten Musik sorgt für einen fast dokumentarischen Charakter des Films. In ruhigen Bildern und mit Bedacht zeichnet er Johns emotionale Welt nach und vermittelt so einen Eindruck davon, was es bedeutet, wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Es ist gerade diese unaufgeregte Form, die den Film besonders macht. Als Zuschauer taucht man in eine Welt ein, von der man hofft, sie nie erleben zu müssen.

„Efterskalv“ entstand als schwedisch-polnisch-französische Koproduktion unter der Führung der schwedischen Dependance von Lars von Triers Zentropa und orientiert sich an dem Dogma-Manifest von 1995. So verzichtet Magnus von Horn nicht nur auf den Einsatz von Musik, er siedelt die Handlung auch in einer unberührt wirkenden Umgebung an. Kein Anzeichen eines aufwändigen Szenenbildes – stattdessen dominiert das scheinbar Dokumentarische der einzelnen Motive. Als Zuschauer wird man in das karge Dorfleben hineingezogen und dazu ermutigt, sich selbst im Spiegel zu betrachten.

Das Debut „Efterskalv“, das im Jahr 2015 in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes seine Premiere feierte, läuft noch an weiteren Terminen im Rahmen von filmPOLSKA. Sollte man es in der kommenden Woche aber nicht mehr ins Kino schaffen — der Film wird vermutlich gegen Ende des Jahres in den deutschen Kinos anlaufen.

Weitere Vorführungen:
Montag, 25. April um 22 Uhr im FSK
Mittwoch, 27. April um 20:15 im Babylon


Trailer

 


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