Rezension: „Nachbarn“ („Sąsiady“)

Wie wirft man einen Kohleneimer auf den Kopf von Jemandem, wenn der Zucker alle ist und der Mann schwanger ist?

Ein Mann versucht, einen Karpfen für Ostern zu kaufen… (Das ist seltsam, da man normalerweise in Polen Karpfen zu Weihnachten kauft.)  Doch noch einmal zurück, ein Mann versucht einen Karpfen für Ostern zu kaufen. Der Fisch entpuppt sich als Hase und wenn man ihn in die Badewanne steckt, legt er Ostereier…

Der Film „Nachbarn“ („Sąsiady“) beginnt verwirrend. Gedreht wurde er (nach zwanzig Jahren Pause) von Grzegorz Królikiewicz, der als Meister der Avantgarde in Polen gilt. Der Streifen spielt in der Industrie- und Filmstadt Łódź, wo Królikiewicz seit mehr als dreißig Jahren als Professor an der Filmhochschule tätig ist. Noch genauer gesagt, der Spielort ist ein zerfallenes Mietshaus aus rotem Backstein in einem Elendsviertel. Die Hauptdarsteller, sind die Bewohner dieses Hauses und wir sehen, wie deren „grauer“ Alltag aussieht. So wie das Mietshaus in einzelne Wohnungen geteilt ist, so teilt sich der Film, teils in Kurzgeschichten und episodische Szenen. Das ist aber erst der Anfang.

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Es ist schwierig zu sagen, in welcher Zeit „Nachbarn“ spielt. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um Polen zur Zeit des Sozialismus handelt. Lange Warteschlangen, leere Einkaufsläden erinnern an die 80er Jahre. Manchmal aber taucht auch modernste Technik auf, wie zum Beispiel eine Drone mit einer Kamera. In einer Episode geht es darum, dass ein Nachbar ein neues Auto gekauft hat. Es handelt sich dabei um eine alte polnische Karosse (Syrena) aus den 60er, 70er Jahren. Einer von vielen Charakteren sagt: „Ich bin irgendwo zwischen 1945 und 2000 etwas“ ,Weihnachten und Ostern finden gleichzeitig statt. Alles ist sehr verwirrend. Die meisten Szenen scheinen auf den ersten Blick keinen Sinn zu machen. Die einzelnen Geschichten sind kaum miteinander verbunden; eine wirkt absurder, skurriler, abstrakter als die andere. Ein Motiv taucht allerdings häufig auf: zwei aufeinander rückende Mauern. In der Spalte zwischen diesen Mauern sind die Nachbarn gefangen, in einer Welt „zwischen 1945 und 2000 etwas“; Einer Welt in der die Zeit rückwärts gehen kann und Männer schwanger werden. Die Schließung eines Krankenhauses wird frenetisch gefeiert. Man wirft sich gegenseitig die Kohle auf dem Kopf. Bei einer Frau entdeckt man, dass sie zwei Herzen hat. In der Stadt verschwindet plötzlich der ganze Zucker. Der in Polen bekannte Bodybuilder Mariusz Pudzianowski (die polnische Antwort auf Arnold Schwarzenegger?) ist Priester und besucht die Bewohner, um mit ihnen zu beten. Ist es die Wirklichkeit oder ist es ein Traum? Ist die Spalte zwischen den Wänden, ähnlich wie das Kaninchenloch in „Alice in Wunderland“, das zu einer anderen fantastischen Welt führt?

Schon in seinen anderen Filmen zeigte sich der Altmeister Grzegorz Królikowski als ein radikaler Avantgardist, der offene Fragen liebt. Nicht anders verhält es sich mit „Nachbarn“, wo man verzweifelt nach Antworten sucht. Man kann natürlich die gute schauspielerische Leistung, die Bilder und die Musik loben. Aber eigentlich versteht man den Film nicht und kann ihm nicht folgen. Es ist also kein Film für ein breites Publikum. Als Zuschauer versucht man nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Wenn man die vom Regisseur erschaffene Welt akzeptiert, kann man vielleicht auch Komik in diesen Mietshausszenen entdecken. Diese Komik ist typisch polnisch, denn in Polen muss nicht jeder Witz mit einer Pointe enden.


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