„United States of Love“ oder „Die Krux des Begehrens“

Wenn der gelegentliche Kinogänger mit dem Wort „polnischer Film“ konfrontiert wird, dürften sich in seinem Kopf einige Assoziationen bilden. Dazu gehören farblose Bilder, triste Landschaften, trüb dreinschauende Akteure und die allgemeine Schwere des Seins. „United States of Love“ von Tomasz Wasilewski gehört zu den wenigen Filmen im Programm des diesjährigen filmPOLSKA-Festivals, der diesen Erwartungen entspricht. Hinter der Fassade aus entsättigten Farben und grauen Gemäuern wartet jedoch ein hypnotisches Kaleidoskop aus perfekt geschriebenen und inszenierten Emotionen.

„United States of Love“ oder „Zjednoczone stany milosci“ ist ein Triptychon. Angesiedelt ist er im Polen des Jahres 1990. Einem Jahr, das ob seiner antiquierten Standards viel weiter weg scheint, als es eigentlich ist. Wasilewski lässt uns in den Alltag dreier Frauen blicken. Agata ist in einer Ehe gefangen, die keinen der Partner glücklich oder zufrieden macht. Das wahre Objekt ihrer Zuneigung kreuzt regelmäßig ihren Weg, könnte aber genau so gut auf einem anderen Planeten sein.

Iza ist die Direktorin der ansässigen Schule. Sie ist eine resolute Frau, die von Kollegen und Freunden gleichermaßen respektiert wird. Ihre einzige Achillesferse scheint ihr Herz zu sein. Ein Mann, mit dem sie eine jahrelange Affäre führte, ist kürzlich zum Witwer geworden. Seine emotionale und körperliche Verfügbarkeit lässt dadurch jedoch weiter nach und Iza steigert sich in eine Raserei aus Herzensleid hinein. Hier illustriert Wasilewski höchst eindrucksvoll, wie sehr sich die Fassade eines Menschen vom Inneren unterscheiden kann.

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In der letzten und tragischsten Episode lernen wir Renata kennen. Eine liebe- und würdevolle ältere Dame. Wie ihre beiden Vorgängerinnen lebt auch sie in einem Käfig. Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht verschweigt sie, die Suche nach Nähe mündet in Enttäuschung und Einsamkeit. Ein radikaler Unterton schwingt in diesem letzten Kapitel des Films mit. Wir sehen einen Menschen, der sich allmählich und entgegen jeder Bemühung damit abfinden muss, den Rest des Lebens alleine zu verbringen.

Zwar wird Wasilewskis Dreigestirn nacheinander erzählt, trotzdem sind die Leben der einzelnen Frauen auf eine subtile Art und Weise verknüpft. Sie bauen nicht aufeinander auf, beeinflussen sich nicht direkt und ergeben sich auch nicht auseinander. Durch einen flüchtigen Blick oder einen unpersönlichen Gruß zwischen den Protagonistinnen spannt „United States of Love“ einen Kosmos, dessen Summe weitaus mehr ist als seine Teile. Die Themen des Films sind so universell und fundamental, dass sie Faktoren wie Geschlechterrollen oder politisches und soziales Umfeld übersteigen. Die Leidenswege der drei Frauen ergeben sich weniger aus einem brutalen Patriarchat und mehr aus den emotionalen Unzulänglichkeiten des Miteinanders. Wenn Julia Kijowskas Agata beim Beischlaf voller Verzweiflung „Berühr mich. Schau mich an.“ seufzt, erschließt sich nicht nur die Absicht des Films, sondern vielleicht auch ein Stück weit der Mechanismus der menschlichen Seele. Ein schwindelerregendes, herzbrechendes Meisterwerk.

Weitere Vorführungen:

Sonntag, der 24. April um 20:00 Uhr im Babylon

 

Retrospektive: „Moonlighting“

Ein Film über polnische Schwarzarbeiter im Ausland sollte es werden. Heraus kam ein Film, wie er zum Zeitpunkt des Erscheinens aktueller nicht hätte sein können. Wie so oft im Leben sind es Zufälle, die den Dingen eine besondere Wendung geben. So auch bei Jerzy Skolimowskis Film „Moonlighting“, der innerhalb der Retrospektive des filmPOLSKA Festivals gezeigt wurde.

Die Story des Films ist simpel: Anfang Dezember 1981. Vier Polen landen in London, nur der Vorarbeiter Nowak (Jeremy Irons) spricht Englisch. Sie haben den Auftrag, innerhalb eines Monats für einen Parteibonzen ein Haus zu renovieren. Kurz nach der Ankunft der Arbeiter in England wird in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Nowak beschließt, den anderen nichts von den politischen Vorgängen in der Heimat zu erzählen. Für den Vorarbeiter beginnt ein Spießrutenlauf. Die Baustelle muss fertig werden. Das Geld wird knapp. Und seit Wochen keine Verbindung zur Heimat, da die Telefonverbindung in die Volksrepublik gekappt wurden. Erst nachdem die Wohnung pünktlich zum 5. Januar fertiggestellt wird, sagt er seinen Arbeitern die Wahrheit.

Die Wahrheit verschweigen, um Andere zu schützen? Für Jerzy Skolimowski ein Thema, das ihn auch selbst betraf. Er lebte bereits einige Zeit im Londoner Exil, als er beim Brötchen holen auf eine Gruppe aufgeregter Polen stieß. In der Nacht zuvor hatte Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen, wodurch den Reisenden der Rückweg nach Polen versperrt war. Um sich für unbestimmte Zeit in ein Hotel einzumieten, fehlte das Geld; sie waren verzweifelt. Skolimowski begann, die Gestrandeten bei seinen polnischen Freunden unterzubringen. Als dort alle Plätze verteilt waren, suchte er im Telefonbuch nach polnischen Namen und fragte nach Unterkünften. Auch er nahm jemanden auf, Herrn Genio. Um ihn nicht zu beunruhigen, ertappte sich der Regisseur immer wieder selbst dabei, wie er die englischen Nachrichten in geschönter Weise ins Polnische übersetzte.

Als das geschah, hatten die Dreharbeiten für „Moonlighting“ bereits begonnen. Beeinflusst durch die eigenen Erlebnisse änderte Skolimowski das Drehbuch. Beim Filmfestival in Cannes 1982 konnte er schließlich einen absolut aktuellen Film präsentieren und wurde für sein Drehbuch ausgezeichnet. Einige Kritiker hielten den Film sogar für Skolimowskis bis dato bestes Werk.

Ein Film mit klaren Bildern, wenig Musik oder Dialogen. Er ist beklemmend und lässt die triste Situation der Arbeiter und den Zwiespalt Nowaks mitfühlen. Zwischendrin finden sich aber immer wieder komische Szenen, mit denen Skolimowski dem Film eine ganz eigene Dynamik gibt.

 

„Efterskalv“ oder das Nachbeben des Gefängnisses

„Der Eindringling“ des Regisseurs Magnus von Horn ist ein gutes Beispiel für die allzu häufige Umbenennung ausländischer Filme. Der Originaltitel „Efterskalv“ lässt sich nämlich vielmehr mit dem Wort Nachbeben übersetzen, was einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Films hat.

Der Teenager John (Ulrik Munther) kämpft nach der Entlassung aus dem Gefängnis mit seinem Umfeld, das ihn aufgrund seiner begangenen Tat stigmatisiert. Er wird nicht nur in der Schule ausgegrenzt, auch Zuhause sieht er sich mit dem zwiespältigen Verhalten seiner Familie konfrontiert. Zwar versucht sein Vater ihm anfangs die Rückkehr in sein altes Leben zu ermöglichen, angesichts der Ausgrenzung durch die dörfliche Gemeinschaft geht aber auch er zunehmend auf Distanz zu seinem Sohn.

Wenn im Titel nun von einem Eindringling die Rede ist, werden die Positionen von John und der Dorfgemeinschaft ins Negative verkehrt. So verschiebt sich der Fokus von den Folgen, die eine Haftstrafe auf den Bestraften haben kann, auf die vermeintliche Störung der Dorfgemeinschaft. John war bis zu seiner Straftat allerdings ein Teil eben dieser Gemeinschaft. Somit wird das zentrale Thema des Films deutlich: Der Umgang mit Schuld und Vergebung oder eben mit jenem Nachbeben, das auf einen Gefängnisaufenthalt folgt. Wie verhält sich die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen und welchen Einfluss hat eine Haftstrafe auf das Verhältnis zu den alten Freunden?

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Diesen Fragen geht Magnus von Horns in seinem Film mit viel Fingerspitzengefühl nach. Das Fehlen einer ansonsten allzu häufig im Übermaß verwendeten Musik sorgt für einen fast dokumentarischen Charakter des Films. In ruhigen Bildern und mit Bedacht zeichnet er Johns emotionale Welt nach und vermittelt so einen Eindruck davon, was es bedeutet, wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Es ist gerade diese unaufgeregte Form, die den Film besonders macht. Als Zuschauer taucht man in eine Welt ein, von der man hofft, sie nie erleben zu müssen.

„Efterskalv“ entstand als schwedisch-polnisch-französische Koproduktion unter der Führung der schwedischen Dependance von Lars von Triers Zentropa und orientiert sich an dem Dogma-Manifest von 1995. So verzichtet Magnus von Horn nicht nur auf den Einsatz von Musik, er siedelt die Handlung auch in einer unberührt wirkenden Umgebung an. Kein Anzeichen eines aufwändigen Szenenbildes – stattdessen dominiert das scheinbar Dokumentarische der einzelnen Motive. Als Zuschauer wird man in das karge Dorfleben hineingezogen und dazu ermutigt, sich selbst im Spiegel zu betrachten.

Das Debut „Efterskalv“, das im Jahr 2015 in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes seine Premiere feierte, läuft noch an weiteren Terminen im Rahmen von filmPOLSKA. Sollte man es in der kommenden Woche aber nicht mehr ins Kino schaffen — der Film wird vermutlich gegen Ende des Jahres in den deutschen Kinos anlaufen.

Weitere Vorführungen:
Montag, 25. April um 22 Uhr im FSK
Mittwoch, 27. April um 20:15 im Babylon


Trailer

 

„Demon“ und die seltene Kunst des perfekten Genremixes

Ein besonders spannender Trend des jungen polnischen Kinos ist die effektive Vermischung von Filmgenres, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. In „Sirenengesang“ hat Agnieszka Smoczynska alles in den filmischen Topf geworfen, was sie gefunden hat. Und die Rechnung ging auf. Ihr Landsmann Marcin Wrona nimmt sich mit „Demon“ etwas Ähnliches vor. Auch hier werden Elemente des Horrorfilms mit einem sehr amüsanten Humor kombiniert.

Dabei sieht man „Demon“ seine Gerissenheit zu Beginn keineswegs an. Piotr kehrt aus England nach Polen zurück, um dort seine geliebte Zanetka zur Frau zu nehmen. Das nahende Wochenende wird eine ausgelassene Hochzeitszeremonie plus anschließenden Empfang bieten. Zaneta, ihre Familie und die gesamte Gesellschaft sind voller Vorfreude. Piotr nicht. Irgendetwas stimmt mit ihm überhaupt nicht, selbst nach vollzogener Trauung sind seine Stresslevel auf dem Maximum. Allmählich wird seiner frischgebackenen Frau und vor allem seinen Schwiegereltern klar, dass hier etwas weitaus Fieseres am Werk ist, als eine Überdosis Vodka. Piotr ist vom Geist einer Frau besessen und wird in ein Delirium aus Wahnsinn und Zerfall getrieben.

Was macht man also, wenn der Bräutigam am Tag der Eheschließung von einem schalkhaften Dämon besessen wird, dessen Intentionen sich nicht ganz erschließen? Aus dieser Frage zieht Marcin Wrona die ungeheure Vielseitigkeit seines Films. Während einige Charaktere sich sorgenvoll und verzweifelt zeigen, geht es Anderen hauptsächlich darum, den Bräutigam möglichst diskret aus dem Rampenlicht zu befördern. In einem Raum psychologische Höllenqualen, im Nebenzimmer humoristisch inszenierte Lakonik. Dieses Bild könnte man im Lexikon neben den Begriff „polnischer Humor“ stellen. Dabei ist das wahre Kunststück der Regieleistung, dass Wrona beide Räume so inszeniert, dass sie für sich perfekt wirken können, sich aber niemals ins Gehege kommen.

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Die wunderbare Photographie, die man heute in beinahe jedem polnischen Film beobachten kann, gerät dabei fast in den Hintergrund. So traurig das auch sein mag, es ist verständlich. Denn neben dem gleichermaßen spannenden wie unterhaltsamen Genre-Spagat ist es vor allem die Leistung des Hauptdarstellers Itay Tiran, die den Film bestimmt. Seine Verkörperung des geplagten, zerrissenen Piotr gehört zu den besten, die das Genre jemals hervorgebracht hat.

Neben „Cosmos“ ist „Demon“ bereits der zweite von mir rezensierte Film, dessen Regisseur nicht mehr am Leben ist. Doch während Andrzej Żuławski auf eine lange und illustre Karriere zurückblicken konnte, stand Marcin Wrona am Anfang eines sehr vielversprechenden Lebenswerks, als er sich kurz nach der Premiere von „Demon“ das Leben nahm. Ein unschätzbar trauriger Verlust für das polnische Kino und die weltweite Gemeinde aus Cineasten und Filmschaffenden.

Weitere Vorführungen:

Montag, den 25. April um 20:00 Uhr im ACUDKino
Mittwoch, den 27. April um 20:30 Uhr im Babylon

Retrospektive: „Deep End“ – Die Swinging Sixties sind vorbei

Während der Eröffnungsveranstaltung der Jerzy Skolimowski-Retrospektive am Donnerstag sprach ein Zuschauer den Ehrengast direkt an. Der Film Deep End habe ihn über viele Jahre begleitet und so nachhaltig geprägt, dass er sich einfach persönlich bedanken müsse. Skolimowski quittierte das überschwängliche Lob mit einem höflichen Lächeln und äußerte die Hoffnung, dass es anderen auch so gehe.

Am gestrigen Samstag ging es vielen so: Der Film lief in der Reihe zu Ehren des polnischen Regisseurs im angenehm gefüllten Saal des Zeughauskinos. Seit seinem dürftigen Kinostart vor 45 Jahren, entwickelte sich Deep End im Laufe der Siebzigerjahre durch persönliche Empfehlungen und mithilfe engagierter KinomacherInnen zu einem Klassiker der Mitternachtsvorstellungen. Abseits ernsthafter Kassenzwänge gab es den nötigen Raum für solch morbide Schönheit und absurden Witz.

Anhand des 15-jährigen Mike, der nach seinem Schulabschluss in einen Job bei der örtlichen Badeanstalt stolpert, zeichnet Skolimowski ein gebrochenes Bild des Swinging London der 60er. Der Beginn einer neuen Dekade eröffnet den Blick auf eine übersexualisierte und durchtriebene Gesellschaft. So wird Mike gleich an seinem ersten Tag in der Badeanstalt von einer wasserstoffblonden Dame heftig bedrängt. Nachdem sie zum Orgasmus gekommen ist, schickt sie den verängstigten Jugendlichen mit den Worten „You’re no use for me now“ vor die Tür. Über die zehn Pfund Trinkgeld kann sich Mike nicht recht freuen.

Lediglich seine Mitarbeiterin Susan strahlt zunächst ein positives Bild von körperlicher Liebe aus. Sie umgarnt Mike und verbindet jugendlichen Leichtsinn mit selbstbewusster Sexualität. Jedoch muss er sich sowohl gegen ihren Verlobten als auch seinen alten Sportlehrer durchsetzen. Letzterer pflegt seit Jahren eine Affäre zur deutlich jüngeren Susan. Als Mike sie zusammen in der Umkleide sieht, weiß er sich nur noch mit dem Feueralarm zu helfen.

Auch jenseits der Badeanstalt ist Skolimowskis London ebenso durchtrieben. Eine Prostituierte mit Gipsbein, die ihr Zimmer mit allerhand Seilen und Flaschenzügen fernsteuert, hat es auf Mikes ersten Lohn abgesehen. Im Kino läuft ein absurder Aufklärungsfilm für Erwachsene, den Mike sich mit johlenden Männern anschaut, obwohl er eigentlich nur Augen für Susan in der Reihe vor ihm hat.

Die deutschen Krautrocker Can untermalen diesen abseitigen Strudel mit ausufernden Flächen, die Cat Stevens‘ Titellied, das von jugendlicher Unbedarftheit erzählt, schnell vergessen machen. Deep End ist Skolimowskis zweiter Farbfilm und nutzt gerade die Psychologie der Farben sehr bewusst. Während sich Mike immer tiefer in sexuelle Fantasien und realen Schund verwickelt, überstreicht ein alter Mann das abblätternde Grün des Schwimmbads mit grellem Rot. Es ist dasselbe Rot, das Mike aus Susans Ausschnitt blitzen sieht. Und ebenso ist es das rote Blut, das schließlich das Becken füllt und dem abseitigen Strudel ein drastisches Ende setzt.

Retrospektive: „Le Départ“ – Radikale Filmkunst mit Pop-Appeal

Am Donnerstag startete im Zeughauskino die große Retrospektive des Gesamtwerks Jerzy Skolimowskis. Der Regisseur sei nach wie vor eine Kraftquelle für das polnische Kino, so Jörg Frieß in seinem Grußwort zu Beginn des Abends. Damit nimmt der Leiter des geschichtsbewussten Kinos Bezug auf Skolimowskis neuen Film 11 Minutes, der die elfte Ausgabe des filmPOLSKA-Festivals am Mittwoch eröffnete.

Wie passend diese Metapher der Kraftquelle tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die 13 verschiedenen Skolimowski-Filme, die das Zeughauskino im Rahmen von filmPOLSKA bis Mitte Mai zeigt. Bis in die frühen Sechzigerjahre reicht Skolimowskis Œuvre zurück, als er Drehbücher für Andrzej Wajda und Roman Polanski verfasst. Noch vor seinem ersten Regiestück schreibt sich der damals 22-jährige tief in die polnische Filmgeschichte ein.

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Der wortwörtliche Start der Retrospektive, Le Départ von 1967, ist Skolimowskis vierter Film als Regisseur. Wie der Altmeister selbst auf dem Podium erklärt, wurde er nach ersten Erfolgen in Polen vom Herausgeber eines belgischen Automagazins finanziert. Skolimowski nähert sich dessen Liebe für schnelle Rennwagen im Film auf eine ganz spezielle Weise: filmisch. So paart sein Film schmeichelnde Zentralperspektiven auf 911er Porsche und Ford Mustang mit einer radikalen Montage, die die Geschwindigkeit dieser Autos erfahrbar macht.

In Jump-Cuts folgen Seitenspiegel im Detail, aufflackernde Lichter des nächtlichen Brüssels, quietschende Reifen, spritzender Straßendreck aufeinander. Und am Lenkrad dieser wilden Fahrt: Jean-Pierre Léaud als manischer Hedonist. Zu dieser Zeit bereits als Nouvelle Vague-Liebling bei Truffaut und Godard bekannt geworden, spielt er hier einen den kleinkriminellen Frisör und Autofreak Marc. Obwohl er Mädchen wie teuren Autos chancenlos hinterherjagt, prägt ihn eine aufbrausende Egomanie. Mit jeder Wand, gegen die er rennt, holt er weiter Anlauf.

Erst als die junge und wesentlich reifere Michèle ihm nach langem, hahnenhaften Getue tatsächlich Nähe signalisiert, bricht Marc zusammen. Sein Geschwindigkeitswahn und die teuren Autos, die kriminellen Spielchen und auch sein adoleszentes Umwerben erscheinen sich ihm plötzlich als pure Oberfläche, mit der er tatsächlich kollidiert und sich so schnell nicht erholt.

Skolimowski spielt dazu permanent mit der oberflächlichen Haltung des Films selbst. Während einer Autoshow laufen minutenlang Bikinimodels zu laszivem Jazz auf die Kamera zu. Die Models verwandeln sich in reine Körperlichkeit, werden zu stumpfen Physiognomien im Detail der Einstellung. Parallel dazu zeigen sich die entrüsteten Gesichter älterer Damen im Publikum, von dauergewelltem Haar gesäumt. Skolimowski karikiert Werbekultur und Spießigkeit gleichermaßen. Oder er verbindet sie in den vielen perfekten Automobilfamilien, die von allgegenwärtigen Werbeplakaten auf die Straße lächeln.

Mit seinen vielen Extremen entwickelt sich Marc als personifizierter Kommentar auf die dargestellte Welt. Sein geklauter Porsche soll Michèle beeindrucken, wie es ihm die Welt des Konsums beigebracht hat. Das Objekt seiner Begierde weist ihn aber mal spielerisch, mal kühl ab. Im Hintergrund dieser Szene: eine belgische Dreikinderfamilie auf glücklicher Ausflugsfahrt. Marc ist, das legt nicht nur die beeindruckende Parallelmontage dieser Szene nahe, in der unauflösbaren Paradoxie von Hedonismus und Spießigkeit der Werbekultur gefangen.

Erst zum Ende hin zeigt ihm Skolimowski, der zusammen mit Andrzej Kostenko das Drehbuch verfasste, einen Ausweg aus der widersprüchlichen Lage: die eigene Schüchternheit. Das Autorennen ist nicht mehr wichtig und Michèle, die er endlich ins Bett gekriegt hat, bekommt lediglich einen zärtlichen Kuss auf die Hand.

Aus einer beeindruckend rasanten Inszenierung von Autos und Lifestyle – nicht zu Unrecht bleibt später der Begriff Swinging Sixties hängen – entwickelt sich Le Départ zu einer Parabel über Konsumkultur, die schließlich die Zärtlichkeit des Privaten zelebriert. Dabei verliert Skolimowski jedoch nie den begeisterten Blick für die durchaus attraktive Welt der Geschwindigkeit und der Schönheiten in Bikinis, die auf absurde Art und Weise Autos bewerben. Aber er bewahrt sich in seinem ersten Film außerhalb Polens auch den weitsichtigen, ungehetzten Blick osteuropäischer Prägung, der sich nicht allzu sehr von kurzlebigem Konsum blenden lässt.

Den Abend der Eröffnung beschließt ein eher schmuckloses Q&A mit dem Regisseur. Hinter dunkler Brille erläutert er knapp, aber nicht unfreundlich, einige Details bezüglich des Films. Beispielsweise habe er immer noch nicht seinen Goldenen Bären bekommen, den Le Départ 1967 in West-Berlin gewonnen hat. Und auch die sozialistische Presse zeigte sich damals positiv gestimmt ob der kritischen Anklänge des Films. Dass Skolimowski bereits damals beide Pole mit einem bahnbrechenden Film verband und auch ein westliches Filmfestival für sein Werk begeistern konnte, nahm sie ihm aber übel.

Filmkritiker – der beste Job der Welt?

Als Filmkritiker auf einem Festival unterwegs – ein Traumjob! Stimmt, fast immer. Denn nach der filmPOLSKA-Festivalparty hieß es für uns vom Medienworkshop schnell ausnüchtern, ran an die Texte oder rein ins Studio. Mit der Hilfe von BLN.fm-Chef Tim Thaler entstanden so Hörfunkbeiträge und Rezensionen zu den Filmen „Polish Shit“, „Sirenengesang“ und „New World“.

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Unser Radioreporter Maciej in unserem kleinen Studio in der Hochschule der Populären Künste.

So gilt es an jedem Morgen einen neuen Text zu schreiben, um ihn pünktlich zur Deadline bis 12 Uhr an unseren Chefredakteur Detlef Kuhlbrodt abzuliefern. Nach einer kurzen Besprechung der Texte ab 14 Uhr geht es dann für die Radio-Gruppe im Eiltempo zur Bahn, um pünktlich um 16 Uhr zusammen mit Tim Thaler und seinen Studenten an neuen Beiträgen zu arbeiten. Schnell haben wir gemerkt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man einen Text für den Blog oder das Radio verfasst — in der Kürze steckt die Würze. Unter der Anleitung von Tim und seiner Lehr-Redaktion konnten wir an unseren Texten feilen und an unserer Aussprache arbeiten. Bis zum — teilweise fortgeschrittenen Abend — entstanden so ein paar Beiträge, die schließlich den Weg in unseren Blog oder auf BLN.FM gefunden haben.

Knut Elstermann – Der Missionar der Filme

Es ist Mittwochabend und das 11. Festival des polnisches Films, filmPOLSKA, eröffnet unter der Moderation des langjährigen Filmkritikers Knut Elstermann. Im Rampenlicht des Berliner Babylon-Kinos steht der immer arbeitsame Elstermann, der für zahlreiche Hörfunk- und Zeitungsredaktionen dieses Landes Filme sichtet und beurteilt. Auch wenn er viele, viele Filmfestivals im Jahr besucht, hat filmPOLSKA für ihn einen ganz besonderen Reiz. Die Festivaleröffnung samt Verleihung der Ehrenpreise ist für ihn weniger Arbeit, als vielmehr ein Freundschaftsdienst: „Elf Jahre zeigen, wie gut sich dieses Festival etabliert hat und verdeutlicht, dass Polen weiterhin eine blühende Film-Landschaft ist.“

Am Morgen danach hält der Alltag wieder Einzug in Elstermanns Tagesablauf. Früh aufgestanden erstellt der 55jährige erste Beiträge für das Radio und findet bei einem Kaffee seines Lieblingsbistros Zeit für junge Filmkritiker, die sich in seinem neuen Radiostudio, ganz in der Nähe des Fernsehturms, eingefunden haben: „Schon als Jugendlicher haben mich die großen Fragen des polnischen Films interessiert. Als Kind der DDR fesselte mich vor allen Dingen das ‚Kino der moralischen Unruhe‛, geprägt von großen Regisseuren wie Wajda oder Polanski. Polnische Filme waren schon zur damaligen Zeit viel unideologischer als die heimische DEFA-Produktion.“

Nach der Wende musste sich Elstermann, zuvor Nachrichtenredakteur beim ND, umorientieren und begann seine Arbeit als Filmkritiker zu professionalisieren. Sein Weg führte ihn bis auf die Couch im Warschauer Wohnhaus von Andrzej Wajda, wo Elstermann den Ur-Vater des polnischen Films ganz persönlich treffen konnte. Ein Schlüsselmoment in seiner Beziehung zum Kino des östlichen Nachbarlands: „Es gibt heute noch zu viele Vorurteile gegenüber den Filmen aus Polen. Dabei sind die dortigen Produzenten viel mutiger als zum Beispiel ihre deutschen Kollegen, die vor allen Dingen Filme mit Fernsehästhetik produzieren. In Polen findet sich eine reiche Poesie wieder, die den Zuschauer visuell überrascht – schließlich erwarten die Zuschauer packendes, unterhaltsames Kino und keinen archaischen Museumsbesuch.

Knut Elstermann, Interview

Knut Elstermann lebt das Kino

In den Redaktionen deutschen Medien wird das Dasein von Filmkritikern immer wieder in Frage gestellt. Junge Filmkritiker müssen neue, mitunter sehr umständliche Wege gehen, um gehört zu werden. Und doch ist der Blick von Knut Elstermann in die Zukunft der Filmkritiker-Zunft optimistisch, wenn Filmkritiker weiterhin mit der nötigen Ernsthaftigkeit ans Werk gehen. Die Filmkritik sollte hierbei einzig und allein an das Publikum adressiert werden und nicht für den Regisseur oder Drehbuchautor formuliert sein. Der Begriff Beruf hat seinen Ursprung schließlich in Berufung und so ist es Elstermanns Mission gute Filme bekannt zu machen: „Ich möchte ein verlässlicher Ansprechpartner im Film-Dschungel sein und souveräne Urteile für das Publikum fällen – dazu gehören für mich auch Urteile über wenig bekannte Filme aus kleineren Produktionen.“ Krisen seines Berufs sieht er nur in dem immer weniger werdenden Austausch zwischen Leser (bzw. Hörer) und dem Filmkritiker. Die zunehmende Verschiebung zwischen Print- und Online-Journalismus hat für ihn dabei nicht nur Schattenseiten: „Ein eigener Internet-Blog mit Filmkritiken kann, wenn er gut gemacht ist, eine unfassbare Reichweite bekommen. Dass zeigen auch die Zugriffszahlen auf meinen Online-Podcast der zurückliegenden Radiosendungen.“

Knut Elstermann, immer mit einem Lächeln und dem zeitgleichen kritischen Blick bewaffnet, kann jedoch auch sehr wehmütig wirken. Nämlich dann, wenn Elstermann an die Zukunft des polnischen Kinos denkt: „Die aktuelle Lage in Polen bedrückt mich. Es gib eine neue Generation an polnischen Filmemachern, die sich nicht mehr als Opfer sehen will und im Stande ist neue Akzente zu setzen. Die restriktiven Mediengesetze in Polen machen es dieses kreativen Köpfen jedoch nicht besonders leicht.“ Elstermann hofft, dass er auch im kommenden Jahr das 12. Festivaljahr der filmPOLSKA mit einem breiten Lächeln eröffnen kann. Hoffen wir mit ihm.