Outside society is where I want to be!

Die Stille des Kinosaals vor der letzten Abendvorstellung wird durch ein leises Plätschern des Springbrunnens vor der Leinwand des FSK Kinos und irritierten Kommentaren der Besucher unterbrochen. „Bleibt der jetzt den ganzen Film lang an?“– Nein, er verstummt, noch ehe wir Olga Hepnarovás Mutter „Aufstehen, Mädchen!“ rufen hören.

Já, Olga Hepnarová erzählt das Leben einer Massenmörderin, die 1973 in Prag mit einem Laster in eine Menschenmenge fährt und dabei acht Menschen umbringt. Überfliegt man den letzten Satz, fühlt man sich sofort an die Terroranschläge in Nizza, Berlin und London erinnert. Doch dieser Film spielt in Prag in den 70er Jahren und fokussiert sich auf die Darstellung der Täterin statt auf die ihrer Tat. Mit langen Einstellungen nimmt er die Perspektive Olgas auf ihre Mitmenschen ein, die fast jeden näheren menschlichen Kontakt als Angriff oder Beleidigung empfindet. Schritt für Schritt bereitet die Erzählung auf den Anschlag Olgas vor. Sie wächst in einer gefühlskalten Familie auf und kommt nach ihrem ersten Selbstmordversuch in eine Jugendpsychiatrie, in dem sie von den anderen Mädchen verprügelt wird. „Wenn du dich umbringen willst, musst du einen starken Willen haben.“ sind die Worte, die ihre Mutter Olga mitgibt. Olga wird Lastwagenfahrerin und langsam deuten ihre Aussagen der eingespielten Therapiesitzungen ihre Entscheidung an. „Es wäre zu einfach, diese Welt als unbekannte Selbstmörderin zu verlassen. Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, zu Recht. Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode.“ schreibt sie in einem Brief, den sie vor ihrer Tat verfasst. Der Film konfrontiert uns nicht mit spektakulären oder brutalen Szenen der Gewalt einer Massenmörderin. Er konfrontiert uns mit der komplexen Geschichte einer Außenseiterin, die die Gesellschaft für die eigene Ausgrenzung bestraft. Statt ihre Tat vor Gericht zu leugnen, legt sie ein Geständnis ab und fordert das Gericht auf, sie zur Todesstrafe zu verurteilen, um ein Exempel für die Außenseiter dieser Gesellschaft zu statuieren.

Den tschechischen Regisseuren Tomáš Weinreb und Petr Kazda gelingt gemeinsam mit der grandiosen Schauspielerin Michalina Olszanska die facettenreiche Zeichnung der Figur einer introvertierten jungen Frau, die sich in Rauch aufzulösen scheint. Eine verschwindend dünne Kettenraucherin, die sich im Nebel des Zigarettenrauchs versteckt. Eine Lesbe, die im sozialistischen Prag der frühen 70er Jahre Schwierigkeiten hat, ihre Sexualität auszuleben. Olga, eine heranwachsende Frau mit Persönlichkeits-störung oder überdurchschnittlicher Intelligenz? Ein Opfer oder eine Täterin? Die Regisseure positionieren sich nicht und es bleibt die ethische Frage: Ist Olga das Opfer einer bestialischen Gesellschaft oder eine bestialische Täterin? Das Gericht entscheidet für Letzteres und verurteilt Olga zum Tod durch Erhängen. Im wahrsten Sinne des Wortes muss die Familie nun die Suppe auslöffeln, sieht man sie doch in der letzten Einstellung nach Olgas Tod beim gemeinsamen Suppe essen. Der stille Abspann des Films wird unterbrochen von dem leisen Plätschern des Brunnens und der geflüsterten Frage: „Ich hab‘ das Ende nicht ganz verstanden?“