Tag 1: Berlin – Traum und Realität

4:30 morgens, Wecker klingelt.

Schlaf aus den Augen reiben, Zähne putzen, noch ein letzter Gähner vorm Spiegel und auf geht’s zum Bahnhof.

Es ist Mittwoch, Strecke Hamburg – Berlin. Eine Jungfernfahrt.

Kaum am Berliner Hbf angekommen spüre ich den Vibe, von dem ich schon so viel gehört habe.

Die Sonne scheint 24/7, Hippster everwhere, die Stadt die niemals schläft, die Stadt, in der Vogelkacke die Autos reinigt, Leitungswasser wie Champagner schmeckt und die Penner den Passanten Geld aufdrücken. Der Himmel ist nicht über Berlin, Berlin ist der Himmel. Ich sollte die Sarkasmusschraube etwas lockern.

Ich bin in Berlin wegen dem filmPOLSKA, der sich nun in seinem 12. Jahr befindet. Genauer gesagt bin ich in Berlin, weil ich an einem Filmkritiker-Workshop teilnehme, der im Rahmen der Festivals angeboten wird. Der Workshop findet im Polnischen Institut Berlin statt, einem hübschen Gebäude an der Spree mit einem noch hübscheren Ausblick auf die Museumsinsel. Kaffee gibt’s dort gratis und auch Wasser, polnisches Wasser wohlgemerkt. Warum? Keine Ahnung, wird wahrscheinlich subventioniert, um die polnische Mineralwasserwirtschaft zu unterstützen.

Wir sind zu 7 im Worshop: Heike, Christina, Leon, Sophia, Katharina, Katja und ich, Tomasz. Alles Lokalmatadoren, einige auch hier aufgewachsen, aber alle leben sie hier. Ich komm wir vor wie ein Fremdkörper, die Coolness der Hauptstadt stößt mich ab. Ich wollte die Schraube doch lockern…

Nach der Einführung in das Festival, das Programm und den Workshop und der obligatorischen Vorstellungsrunde beginnt der Scheiß. Zuerst ein Überblick über Interviewtechniken mit Denis Demmerle, inklusive erneuter Vorstellungsrunde. Danach Mittagspause, zu kurz. Anschließend eine weitere Vorstellungsrunde gefolgt von einem Gespräch mit dem Filmkritiker Jan Schulz-Ojala über Formen, Formate und Funktionen der Filmrezension. Sehr spannende Sache, viele gute Impulse. Um 18 Uhr, kurz vor der feierlichen Festivaleröffnung, hatten wir noch ein Kollektivinterview mit Knut Elstermann, der uns den Beruf des freien Filmkritikers/-journalisten sehr schmackhaft macht. Ich habe Blut geleckt, die etwas idealisiert Darstellung des Jobs hat mir gefallen, ich muss aktiver an die Vermarktung meiner Texte gehen.

Endlich Festivaleröffnung. Natürlich stehen wir auf der Gästelist, ist ja eine geschlossene Gesellschaft. Das Motto dieses Jahr ist Freiheit, das spiegelt sich auch auf den Eintrittskarten wieder: freie Platzwahl. Ich liebe Freiheit! Bevor es mit dem Eröffnungsfilm losgeht mühselige Grußworte, langweilig. Mit einem Höhepunkt allerding: der unterhaltsamen Anekdote des Ehepaares Erika und Ulrich Gregor, die erzählten wie sie in den 60ern polnische Filme in Westberlin zeigten. Sie gewannen einen Ehrenpreis für die Förderung der polnischen Filmografie in Deutschland, genauso wie Knut Elstermann.

Der Film beginnt, es ist You have no Idea how much I love You (Nawet nie wiesz, jak bardzo cię kochem) von Paweł Łoziński. Ein Dokumentarfilm. Er gefällt mir. Der Workshopgruppe ebenfalls.

Es ist spät geworden, es war ein langer Tag. Wir verabschieden uns, Küsschen links, Küsschen rechts. Ich gehe in mein Hostel, beziehe mein Bett, putze mir die Zähne, gähne nochmal theatralisch in den Spiegel und lege mich hin. Facebook und Instagram gecheckt, Wecker gestellt. Das Schnarchen meines Zimmergenossen wiegt mich in den Schlaf. Ich träume von angetrockneter Vogelkacke am Auto, von Fusseln im Leitungswasser, von Obdachlosen, die um ein paar Cent betteln…die Realität hat mich eingeholt.


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