Therapietango

Für Hobby-Psychoanalytiker ist die Sache klar: Das gestörte Verhältnis der erwachsenen Tochter zu Ihrer Mutter, die sich von ihrem Mann trennte als das Kind noch Kind war, ist ein Fall von Ödipuskomplex. Die Tochter gibt der Mutter, mit der sie sich schon immer in Bezug auf die Beziehung zum Vater in einem Konkurrenzverhältnis befand, die Schuld für die Trennung. Auch wenn der Vater ein Idiot ist, wie es im Film heißt, ändert das nichts an den unbewussten Zuneigungen einerseits und Beschuldigungen andererseits. Freud wäre stolz. Nur leider gestaltet sich die Mutter-Tochter-Beziehung im diesjährigen Eröffnungsfilm des filmPOLSKA Festivals ein bisschen komplexer.

In durchgehenden Nahaufnahmen (streckenweise möchte man von Detailaufnahmen sprechen) führt der Regisseur Paweł Łaziński durch mehrere intime Therapiesitzungen und begleitet die beiden Protagonistinnen über eine morsche Brücke von Verfeindungen und gegenseitigem Unverständnis hin zu einer stabileren Beziehung. Der bereits 21. Film des 51-jährigen Regisseurs ist eine Mischung zwischen der Serie In Treatment mit Gabrial Byrne und dem Stummfilmklassiker Johanna von Orléans des Dänen Carl Theodor Dreyer. Die Nahaufnahmen, aus denen der komplette Film besteht, rufen unweigerlich Erinnerungen an die Leiden der Jeanne d’Arc hervor, und die Funktion dieser Stilistik ist in beiden Filmen die gleiche: Schaffung von Intimität. Durch die Konzentration auf die ungeschminkten Gesichter und ihre Mimik, einen neutralen und weißen Hintergrund und das Fehlen jeglicher Musik entsteht ein beklemmendes Gefühl von Nähe. Ein schmerzliches und teils unangenehmes Gefühl, das man nicht missen will, ja sogar mehr davon will, und das Hand in Hand geht mit einem unbestimmten Schuldgefühl des Voyeurismus.

Als Dokumentarfilmer steht man immer vor dem (moralischen) Dilemma was man zeigen kann/soll/darf. Die Fragen, wie weit man beim Filmen von privatem Leben und Intimität gehen kann, welche Verantwortung der Filmemacher dabei trägt und inwiefern die Dokumentation tatsächlich mit Authentizität gleichzusetzen ist haben bereits Krzysztof Kieślowski beschäftigt.  Kieślowski begründete seinen Wechsel zum fiktionalen Spielfilm tatsächlich mit moralischen Bedenken – und der Feststellung, dass die Anwesenheit der Kamera bei Dokumentarfilmen der Authentizität abträglich ist. Łaziński hat keinerlei moralische Bedenken und zeigt seine Protagonistinnen emotional nackt. Das ist bewegend und fesselnd auch wenn am Ende mit der Enthüllung, dass es sich um zwei Darstellerinnen handelt, das Gespräch an Glaubwürdigkeit verliert. Nicht weil es nicht echt und authentisch ist, einfach nur, weil über die gesamte Laufzeit des Films die naive Vorstellung herrschte, es handle sich um eine reale Therapiesitzung. Das Gefühl von Bedrückung, manchmal gar Schuldgefühl, das sich beim Schauen einstellt und das Gefühl von Erleichterung am Ende, dass es sich bei Tochter und Mutter um Darstellerinnen handelte, führen einen gut choreographierten Tango auf.


Ein Kommentar

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