Das Glück der Erde oder der Äther des Weiblichen

Manchmal, vielleicht ein, zwei Mal im Jahr, läuft ein Film im Kino, der so vielschichtig und so reich an Details ist, dass die Zuschauer komplett in den Tiefen einer neuen sinnlichen Welt versinken können. Das Glück der Erde ist ohne Zweifel so ein Film.

Ein altes Mietshaus, mit einer bis zuletzt unbekannten Anzahl an Apartments, steht irgendwo im Nirgendwo. Dieses Nirgendwo, bis heute eine Art Unort, ist das Schlesien der Vorkriegszeit, und damals noch ein Schmelztiegel deutscher, polnischer und jüdischer Kultur. Allein der Anblick der Hausfassade und der Szenerie drumherum lassen sofort den ein oder anderen Wes Anderson Streifen vor dem inneren Auge aufblitzen.

Dann erst betritt man die einzelnen Wohnungen des Hauses, Räume einer verlorenen Ära, die vom Regisseur Michał Rosa und seinen Austatter*innen bis auf letzte Tiegelchen, bis aufs kleinsten Tischdeckchen mit originalgetreuer Requisite ausstaffiert wurden. Wer ein Faible für detailversessene Filmausstattung und atemberaubende Kostüme hat, kommt in diesem Film mehr als auf seine Kosten.

Im fliegenden Wechsel lernt man die teils schrulligen, teils herzerwärmenden Bewohner des Hauses kennen. Und allen voraus, die verführerische Róża. Sie wird zum Dreh- und Angelpunkt für ihre Nachbarn (vor allem für die männlichen), sie füllt das Leben ihrer Mitmenschen mit Licht und Wärme und mit kleinen Glücksmomenten, die noch lange nach dem Krieg, diese Leute nicht loslassen. Natürlich überleben nicht alle Mieter den Krieg, so sehr man sie im Verlauf des Film lieben lernt und so wenig man bereit ist, ihre Wohnungen leer und leblos zu sehen.

In Das Glück der Erde entwickelt der Regisseur einen Mikrokosmos, in dem es ihm in wenigen, präzisen Szenen gelingt, die Besonderheiten der Charaktere in Geräuschen, Gesten, Musik und Bildern festzuhalten und so in die Imagination des Zuschauers zu dringen. Die eigentliche Leitgeschichte des Films, die von der Suche nach dem namenlosen Autor eines fantastischen Reiseführers in Schlesien handelt, gerät in den Hintergrund, während die anderen Ebenen des Films sich Blütenblatt für Blütenblatt behutsam entfalten. Dieser Film verdient es, mehr als einmal gesehen zu werden.