Fernweh nach Warschau

Das Foyer ist voll. Junge Menschen in Bomberjacken, mit kleinen Mützen und kaputten weißen Sneakern, mit Bier oder Club Mate in der Hand, unterhalten sich in Grüppchen. Ist das hier wirklich das Kinofoyer? Falsche Tür vielleicht? Passiert in Kreuzberg ja schnell. Doch, ja! Versteckt hinter dem hippen Kreuzberger Partypulk geht eine Tür auf – „Kinosaal 1 – All these sleepless nights“.

Mit überraschtem Gesicht („Oh wie toll voll!“) begrüßt Monika Wajtylla die ZuschauerInnen. „Es ist eine sehr verwackelte Kamera.“ warnt sie. „Fast so, als würdet ihr selbst Freitagabend ausgehen.“

Sie hat Recht. Die Aufnahmen wirken wie ein Traum oder Rausch. Den Morgen danach mit Kater und schlechter Laune gibt es hier nicht. Michał Marczak lässt einen zu elektronischer Musik und ästhetischen Bildern von durchtanzten Nächten träumen. Der Regisseur und Kameramann zeigt in eindrucksvollen Aufnahmen den jungen Kunststudenten Krzysztof in schlaflosen Nächten. Krzysztof tanzt sich mit seinem Mitbewohner Michał durch die Undergroundclubs Warschaus, durch WG Parties und Open Air Festivals. Sie trinken, nehmen Drogen und führen sinnfreie Gespräche. (Lachen im Publikum. Die Hälfte der Zuschauer scheint diese Gespräche auf MDMA wohl zu kennen.) Sie verlieben sich. Kris verliebt sich in Eva, die Exfreundin Michałs. Es entsteht eine Dreiecksgeschichte und die einzige Schwachstelle des Films. Zu lang und zu klischeehaft zieht sich die Geschichte eines jungen Dreiergespanns durch den Kinoabend. (Klonk. Es fällt mal wieder eine Bierflasche um im Kinosaal) Dass Krzysztof und Eva sich trennen, ist eine Erleichterung. Endlich zieht er wieder alleine los – in die traumhaften Clubs Warschaus. Einsam und auf der Suche. Wonach? Das weiß er nicht. Ein Stereotyp der Generation Y.

All these sleepless nights ist ein Spielfilm über einen (Sinn-)Suchenden Twenty-Something und eine Dokumentation über die schlaflosen Nächte einer jungen Musikbewegung. Es ist jedoch keine Dokumentation der Generation Y. Nicht alle StudentInnen Mitte 20 tanzen von einer Party zu nächsten und führen Gespräche im Rausch. Die Frage „warum?“ stellt sich für viele ganz anders: Warum Brexit? Warum Trump? Warum Kaczynski und wtf AfD? Verklärt man den Film also nicht zum Spiegelbild einer Generation, bleibt er ein gelungener, sehenswerter Spielfilm. Die Leistung aller Beteiligten ist außergewöhnlich. Mehr noch: Er wird zur Besonderheit für das FilmPolska Festival. Allein die Sprache verrät, in welcher Stadt sich Michał und Krzysztof befinden. Die WG-Parties, Clubnächte und Open Air Festivals hätten genauso in Berlin stattfinden können. Der Film zeigt polnische Twenty-Somethings, die den Berliner Twenty-Somethings unglaublich ähnlich sind. Er zeigt Gemeinsamkeiten mit unserem Nachbarland und weckt ganz nebenbei Reiselust. Fernweh nach Warschau.

Black. Abspann. Der Film endet und die Credits wird von sanfter elektronischer Musik begleitet. Nicht, dass sich viele für den Abspann interessieren – die Bomberjacke schnell angezogen, Mütze aufgesetzt und raus aus dem Kino in die eigene schlaflose Nacht.


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