Die Anziehungskraft der Gewalt

Die perverse Faszination mit Gewalt und Tod hat schon so manchen Filmhelden und Zuschauer in ihren Bann gezogen. Scheinbar unschuldige und brave Musterschüler oder fürsorgliche Familienväter werden von einer inneren vorzivilisatorischen Animalität übermannt, die sich in Folge eines unerwarteten Gewaltaktes in ihnen rührt. Der Gedanke ans Töten kann sich zu einem Wunsch entwickeln und die Identifikation mit einem tatsächlichen Mörder endet nicht selten mit einem Identitätsverlust. Vor einem solchen Dilemma steht Karol Kremer, der Protagonist in Die Rote Spinne (Czerwony pająk), dem Spielfilmdebüt von Marcin Koszałka.

Polen, 1960er Jahre: Karol ist ein erfolgreicher Turmspringer, der beste in Krakau, seiner Heimatstadt. Er ist Medizinstudent, gutaussehend und hat ein geregeltes Leben. Eines Abends wird er Zeuge eines Mords an einem Jungen und beschließt, dem Mörder zu folgen. Statt zur Polizei zu gehen, ist Karol zunehmend fasziniert vom Täter und beginnt, ihn zu beobachten.

Die Rote Spinne hat wenige Dialoge, die Stärke des Films liegt in seinen Bildern. Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka untermalt die Handlung mit wunderschön komponierten Aufnahmen. Das graue Krakau ist herrlich anzusehen, die präzise Kadrierung der Bilder und die langsamen Kamerafahrten deuten das Grauen an, das sich unweigerlich nähert.

So fesselnd und schön die Bilder auch sein mögen, so verwirrend und unmotiviert erscheint die Charakterisierung der Figuren. Warum Karol dem Mörder folgt und ihn nicht anzeigt, ist noch die einzig nachvollziehbare seiner Handlungen. Seine Vorgehensweise zum Ende des Films hingegen bleibt ein Rätsel. Ist es sein Schuldgefühl, das ihn plagt? Wenn ja, wo kommt es plötzlich her und warum zeigt es sich so extrem?

Der Film verweigert sich bewusst üblicher Genrekonventionen. Leider entsteht dadurch weniger Spannung als es dem Film gutgetan hätte. Koszałka hat sich bei seinem Spielfilmdebüt mit der Rolle des Kameramanns, Regisseurs und Drehbuchautors sichtlich übernommen. Die Rote Spinne, übrigens inspiriert von dem realen Fall eines Serienmörders der 60er Jahre, der als der „Vampir von Krakau“bekannt wurde, stellt viele Fragen, und beantwortet wenige. Es liegt am Zuschauer, die Puzzleteile zusammenzufügen und sich sein eigenes Bild zu machen – aber es ist gut möglich, dass einige Teile nicht auffindbar sind.


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