Kinder sind die besseren Erwachsenen –Der Dokumentarfilm Komunia bricht Zuschauern das Herz

Ein modernes Aschenputtel. Nur der Prinz ist nicht in Sicht. Eigentlich gibt es auch keine böse Stiefmutter, nur eine überforderte und abwesende leibliche Mutter. Das Aschenputtel im polnischen Film Komunia (dt. Kommunion) heißt Ola Kaczanowska. Ola fegt die verdreckte Wohnung, heizt den Ofen an und schreibt Briefe für ihren Vater ans Sozialamt. Der kauft zwar ab und zu ein billiges Geschenk für sein Töchterchen, doch meist sitzt er in der engen Sozialwohnung und trinkt. Und sonst? Kriegt auch er nicht viel auf die Kette. Höchstens Zigaretten. Statt mit bösen Stiefschwestern teilt Ola ihren Alltag mit ihrem autistischen Bruder Nikodem. Der will alles, nur kein Mensch sein. Viel lieber wäre er ein Tier. Ein Löwe oder ein Bär. Aber das geht nur im Märchen und dieser Film ist kein Märchen. Denn in Märchen gibt es Wünsche, Träume, Hoffnungen und in Komunia gibt es nichts als die triste Realität und mittendrin zwei Kinder, die so haltlos und so verloren und dabei so unendlich stark sind. Olas Kindheit wurde vom Stundenplan gestrichen, als die Mutter die Familie verließ. Jetzt muss Ola die Mama spielen, mit all den Aufgaben und Verpflichtungen und Überforderungen, die ihr kranker Bruder Nikodem ihr unbewusst auferlegt. Ola liebt ihre Mutter trotzdem noch aus der Ferne. Am Telefon versucht das Mädchen, sie immer wieder zu überzeugen, ihre alte Familie zu besuchen. Auf die Absagen reagiert Ola mit erwachsenen Worten “Du warst immer zuhause und Vater hat gearbeitet. Jetzt musst du auch mal an dich denken und an dein Baby.” Doch wer denkt eigentlich an Ola und Nikodem? Die Kamera begleitet die zwei aufmerksam in der Einöde einer polnischen Kleinstadt und fängt so intime und geladene Momente ein, dass die Nähe beim Zusehen fast unerträglich wird. Komunia zeigt aber nicht nur ein besonderes Familienschicksal und eine besondere Alltagsheldin. Das Erstlingswerk der Regisseurin Anna Zamecka hält gleichzeitig den Finger auf das kaputtes System eines Landes, in dem Institutionen wie Kirche oder Jugendamt nicht mehr als leere Hüllen sind. Sie sind die Fassaden eines Polens, das janusköpfig auf der einen Seite den Wert der Familie hochhält und auf der anderen Seite seine verlorenen und ungewollten Kinder nicht aufzufangen weiß. Zurecht wurde Komunia auf Filmfestivals wie Locarno ausgezeichnet und zurecht wird dieser feine, leise und hoch emotionale Film nun im Rahmen des filmPolska Filmfestes auch in Berliner Kinos gezeigt.


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