Schreien, krampfen und kämpfen

Durch den Kinosaal hallen Schreie, Tonlage irgendwo zwischen einer Gebärenden und einem Tasmanischen Teufel. Doch nicht der Tasmanische Teufel, sondern Satan höchstpersönlich ist vermeintlich für all das verantwortlich und muss ausgetrieben werden. Dafür stehen gottseidank Profis zur Verfügung, die nach einem überarbeiteten Regelwerk von 1999 dem Bösen fachkundig den Garaus machen. In Polen gibt es derzeit rund 130 Exorzisten.

In der Dokumentation The Battle with Satan begleitet der Regisseur Konrad Szolajski drei polnische junge Frauen bei ihrem Kampf gegen das Böse in ihnen. Die Symptome der Besessenheit sind vielfältig. Basia etwa kann sich in ihrem Studium einfach nicht mehr konzentrieren. Da muss eindeutig der Teufel seine Finger im Spiel haben. Karolina hingegen plagen ihre homosexuellen Begierden, pikanterweise ist gerade eine Nonne Objekt ihrer Fantasien. Agnieszka glaubte früher nicht an Gott. Plötzlich entwickelte sie eine Angst vor ihrer Religionslehrerin und leidet nun, wie die beiden anderen jungen Frauen, an dämonischen Anfällen.

Wie absurd dies für einige Menschen auch klingen mag, der Leidensdruck ist groß. Mit ihren Exorzismusritualen verschaffen die Geistlichen Linderung, allerdings nur für wenige Tage. Dann kehrt das Böse zurück und muss von neuem ausgetrieben werden.

Die neuen Regeln verlangen, dass auch Psychologen zur Rate gezogen werden, um auszuschließen, dass es sich nicht doch um eine profane Krankheit handelt. Wissenschaft und Kirche haben sich gekreuzt, so ziehen nun Psychologen auch Priester hinzu und Priester bedienen sich der Psychologie. Im Prinzip gäbe es keinen Unterschied, erklärt ein Geistlicher, was in den Büchern stehe, sei gleich.

Nicht nur für Menschen, die an evidenzbasierte Medizin glauben, ist diese Vermischung schwer zu ertragen. Die Psychologin attestiert Besessenheit, doch selbst als Laie lässt sich vermuten, dass eine psychische Krankheit hinter dem Leiden der jungen Frauen steckt. Durch den Verlass auf den Exorzismus bleiben diese unbehandelt.

Eine Linderung verschafft dann möglicherweise die starke Ritualisierung ihres Alltagslebens. Es sind regelmäßige Abläufe und eine Lebensaufgabe, in diesem Fall der Kampf gegen den Teufel, die psychisch Kranken eine Art Stabilität geben können.  Das Weihwasser wird zur Allzweckwaffe, mit der auch mal der nicht funktionierende Fernseher bestrichen wird.

Die Besessenheit bietet sich als eine einfache Erklärung für Menschen an, deren Umfeld eine psychische Krankheit als eine größere Schande empfindet. Die jungen Frauen sprechen über ihre Anfälle, als gehörten diese nicht zu ihnen. Fast amüsieren sie sich wie viele Männer sie festhalten müssen, wenn „es“ sie mal wieder befällt. Die Annahme einer Besessenheit befreit die Familie von der unangenehmen Frage, ob das Leiden der Tochter nicht doch etwas mit der Kindheit zu tun haben könnte. Doch die jungen Frauen müssen weiter schreien, krampfen und kämpfen.

The Battle with Satan hält die Kamera immer noch drauf, wenn es schon richtig unangenehm ist. Ein wichtiger Film über verzweifelte junge Frauen, die in den religiösen Praktiken einer immer noch patriarchal geprägten katholischen Kirche Erlösung von ihren Qualen suchen.

 


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