Berlin: Tag 5 – Vogelkacke auf der Schulter

Sonntag, vorletzter Tag des Workshops. Das Wetter heute ist bombe, ein bisschen befürchte ich sogar, Sonnenbrand zu bekommen. Ich wundere mich, dass ich mich wundere, dass es im Mai so warm ist. Im Mai, dem Monat vor Juni, der für mich Sommer bedeutet. Das Wetter spielt Russisch Roulette. Wie Christopher Walkens Figur in The Deer Hunter hat es jeglichen Bezug zur Realität verloren. Ozonloch und Klimawandel schweben wie ein Damoklesschwert über der Menschheit, denke ich mir und bin etwas stolz auf diese Metapher.

Dieser Tagebucheintrag wird trotz des schönen Wetters nachdenklicher, ernster.

Ich sitze konzentriert und nichts Böses ahnend in der Sonne und schreibe an einem weiteren Text. Da bekomme ich von oben plötzlich ein Zeichen. Im Augenwinkel habe ich etwas gesehen, ganz kurz nur, aber lang genug um meine Aufmerksamkeit zu wecken. Ich drehe mich nach rechts und sehen auf meiner Schulter Vogelkacke. Für einen Moment komme ich mir vor wie in einem schlechten Adam Sandler Film (gibt’s auch einen guten? Ja, Punch-Drunk Love). Womit habe ich das verdient? Ist das die Rache dafür, dass ich mich in meinem ersten Tagebucheintrag über Vogelkacke lustig gemacht habe? Die Kack-Rache der Vögel – Hitchcock lässt grüßen. Manche sagen, es bringe Glück, von einem Vogel angekackt zu werden. Ich habe nur Glück, dass ich es gleich bemerkt habe und der Mist nicht genug Zeit hatte, sich in meine Kleidung zu fressen.

Heute Abend gehe ich ins Arsenal Kino am Potsdamer Platz, um mir Die rote Spinne anzusehen. Wie gestern, beschließe ich, zu Fuß zu gehen und bei der Gelegenheit etwas von der Stadt zu sehen. Ich mache einen kleinen Schlenker und begutachte den Bundestag. Selfie. Ich gehe weiter und komme am Brandenburger Tor vorbei. Selfie. Weiter die Ebertstraße runter steht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Spontan entscheide ich mich, „hinein“ zu gehen. Ich bin berührt und trotz 22 Grad überfällt mich ein kleiner Schauer. Das Mahnmal besteht aus 2711 Beton-Stelen auf einer Fläche von 19.000 cm2. Die Stelen an und für sich sind nicht was mich rührt, es ist ihre Anzahl.

Ich mache kein Foto, und bestimmt kein Selfie. Kommt mir nicht richtig vor. Und während ich das denke, sehe ich zwischen den Stelen eine Schulklasse, die posiert und sich gegenseitig fotografiert. Ob sie überhaupt wissen, wo sie hier stehen? Wäre es Ignoranz, wenn sie es nicht wüssten? Wäre es Respektlosigkeit, wenn sie es wüssten? Und warum spiele ich mich hier überhaupt als moralische Instanz auf? Das sind Jugendliche. Und nicht nur das: es sind Jugendliche in einer Gruppe, da herrscht das eiserne Gesetz des Gruppenzwangs. Ich war früher nicht anders.

Die rote Spinne hat dramaturgische Schwächen und lässt mich mit vielen Fragen dastehen. Dafür war die Kameraarbeit superb, tolle Aufnahmen von Krakau der 60er Jahre.

Ich realisiere, dass morgen der Workshop zu Ende geht und ich wieder nach Hamburg muss. Schade. Ein nachdenklicher, aber wichtiger Tag geht zu Ende. Mit einem Bier und einer Folge Rick & Morty lasse ich den Tag ausklingen. Das Leben geht weiter.


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