I got over all my loves

Wenn ein Kunsthistoriker und Kurator moderner polnischer Kunst und Filme sich entschließt selbst Filme zu drehen, erwartet man einen Film wie diesen. Das zweite Werk Łukasz Rondudas im Jahre 2015 (Performer)erzählt die Liebesgeschichte zweier außergewöhnlicher Menschen.

Łukasz Ronduda porträtiert die beiden fiktiven polnischen Künstler Wojciech Bąkowski und Zuzanna Bartoszek. Wojciech ist Performancekünstler, Sounddesigner und Zeitlupen-Rapper. Er entdeckt die noch unbekannte Hobbykünstlerin Zuzanna im Publikum bei einem Auftritt in einem dunklen Warschauer Club. Noch bevor er Zuzanna anspricht und sie bittet, mit ihm nach Hause zu gehen, verrät die Bildsprache ihre Verbindung. Beide Figuren haben eine Glatze und tragen schwarze Kleidung, bei Aufnahmen von hinten sind sie manchmal nicht zu unterscheiden, bereits vor ihrem Zusammentreffen wirken sie wie Doppelgänger.

Die Erzählung spielt vor allem in der Enge ihrer Wohnung ab, Ausnahmen sind die wenigen Ausflüge in Shoppingcenter, Clubs oder die eigene Ausstellung. Der Regisseur konzentriert sich auf die beklemmend kleine Wohnung, die sinnbildlich die Enge der Beziehung zeigt. Zwischen Freizeit und Arbeit, Privatleben und Kunst gibt es für die beiden keine Grenzen, doch bald zeigen sich die Grenzen ihrer Liebesbeziehung. Wer kopiert den anderen? Wer hatte die Idee ursprünglich? Hat man auf jede Äußerung ein Patent? Letztendlich ist es Zuzanna, inzwischen anerkannte Künstlerin, die das symbiotische Zusammenleben beendet. Glücklich läuft sie allein durch die Shoppingcenter und lässt die Wohnung und Wojciech hinter sich. Wojciech, verletzt durch die Trennung, verarbeitet seinen Liebeskummer in einer Performance, die gegen Ende des Films gezeigt wird. I got over all my loves kreiert er aus den Erinnerungsstücken aller Verflossenen. Es entsteht eine laute Geräuschkulisse, die bis in den Abspann des Films zu hören ist.

So altbekannt die Geschichte eines Liebespaares und dessen Alltagsprobleme sind, so ungewöhnlich ist die Gestaltung des Films. Die Glatzen der beiden Hauptfiguren wirken wie ein Verfremdungseffekt, jede Handlung der beiden wie eine ihrer Kunstperformances. Der gesamte Film wirkt wie ein gemeinsames Kunstprojekt Wojciechs und Zuzannas, das von der besonderen Tonspur des Films unterlegt wird. A Heart of Love verfolgt die Höhen und Tiefen einer normalen Liebesbeziehung zwischen zwei ungewöhnlichen Menschen und lässt eine einzigartige Performance entstehen.

Ein Sonntag im Wolf

Für 13 Uhr ist der Wolfsbrunch angesetzt. Genau die richtige Zeit, um gemütlich in den Sonntag zu starten. Die Kaffeemaschine knattert schon und aus der offenen Küche riecht es nach Pfannkuchen. Polnischer Brunch soll es heute geben, passend zum filmPOLSKA Festival, das auch im Wolf Filme zeigt. Viele Gäste sind es noch nicht, 13 Uhr ist wohl doch zu früh für einige Berliner. Doch früh aufstehen lohnt sich: Die polnischen Pfannkuchen und der heiße Kaffee schmecken und stimmen auf die heute gezeigten Filme ein. Ab 16 Uhr laufen gleich drei Filme hintereinander. Man könnte einfach den ganzen Sonntag hier verbringen.

Polnisches Frühstück

20 Uhr, Kinosaal 1. Inzwischen herrscht ein buntes Treiben im Wolf Café, das gleichzeitig das Foyer des Kinos ist. Der Brunch ist vorbei und es herrscht Bar-Atmosphäre. Gedämpfte Lichter und fröhliche Gespräche prägen die Stimmung. Das Foyer ist minimalistisch und modern eingerichtet. Kein unnötiger Schnickschnack. Man sieht: Es ist noch neu. Keine Sticker oder Gekritzel auf den Klotüren. Hoffentlich hat der Kinosaal keine unbequemen, hippen Stühle. Beim Betreten des Saals die Erleichterung: Hat er nicht. Der gemütliche Kinosaal hat dicke, rote Kinosessel, in die man sich gern länger als zwei Stunden kuschelt. Doch nach 98 Minuten A Heart of Love ist es Zeit zu gehen. Das leise Stimmengewirr im Foyer wird langsam lauter, alle Hocker an der Bar sind belegt und vor der Tür sammeln sich die Raucher. Es ist 22 Uhr, der Sonntag im Wolf ist fast vorbei. Viele bleiben noch ein bisschen nach dem Film. Denn genau das ist das Besondere des Wolfs: Es ist nicht nur ein Kino, sondern ein Ort zum Verweilen. Man trifft sich vor dem Film auf einen Kaffee, bleibt danach noch auf ein Bier und genießt gemeinsam Filmkultur.

Wolf-Kino

Dieser Papagei ist nicht mehr. Er hat aufgehört zu existieren.

„Ist hier irgendwo noch ein Sitzplatz frei?“ Nein, der Film ist ausverkauft. Mehr als das: Die Zuschauer drängen sich in den Saal um ein Fleckchen Sitzfläche auf den Treppen zu erwischen. Dass der Film als Highlight des Festivals gilt, hat sich wohl rumgesprochen. Hoffentlich sind die Erwartungen nicht zu hoch – das soll gute Filme ja schon kaputt gemacht haben.

The Last Family erzählt die außergewöhnliche Geschichte der Familie Beksiński. Der Vater ein berühmter Maler surrealistischer Bilder, der Sohn bekannter Filmübersetzer (u.a. Monthy-Python- oder James-Bond-Filme) und Kultradiomoderator. Dazwischen: Die Mutter. Im Zimmer nebenan: Zwei sterbende Großmütter.

Der Film beginnt 1977, nach dem Umzug der Familie von Sanok in einen WarschauerPlattenbau. Der neurotische, lebensmüde Sohn wohnt eine Platte weiter, man ist schnell bei ihm. Das rettet ihm so einige Male das Leben.

„Alle sind da. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist“, fasst die Großmutter den Kerninhalt des Films treffend zusammen. Man lernt die Beksińskis kennen und begleitet sie bis zum Tod des letzten Familienmitglieds. Man verfolgt ihr Leben und Sterben aus zwei Perspektiven: Der des Regisseurs und der von Zdzisław Beksińskis selbst. Seit der Geburt seines Sohnes filmte er Ereignisse in seiner Umgebung. Die Reinszenierung des Archivmaterials in Verbindung mit den nachgestellten Aufnahmen der Handkamera Beksińskis gelingt dank der herausragenden Leistung der Schauspieler.

Mit schwarzem Humor verfolgt das Spielfilmdebüt Jan P. Matuszyńskis das tragische Schicksal der Familie und erreicht damit seine Idealvorstellung eines guten Films: „Es muss diese Spannung haben. Es muss sonnige Augenblicke und tragische Momente haben“, erklärt er in einem Interview.

Als die Lichter im Saal angehen scheint es, als hätte er damit auch die Erwartungen der Kinobesucher erfüllt. Einige verlassen mit ergriffenem Blick den Vorstellungsraum. Ob das nun an zwei Stunden auf dem Boden sitzen oder dem emotionalen Ende des Films liegt, ist schwer zu erkennen. Der Kinoabend hinterlässt ein Stechen im Rücken, das man für diesen außergewöhnlichen Film gerne in Kauf nimmt

Fernweh nach Warschau

Das Foyer ist voll. Junge Menschen in Bomberjacken, mit kleinen Mützen und kaputten weißen Sneakern, mit Bier oder Club Mate in der Hand, unterhalten sich in Grüppchen. Ist das hier wirklich das Kinofoyer? Falsche Tür vielleicht? Passiert in Kreuzberg ja schnell. Doch, ja! Versteckt hinter dem hippen Kreuzberger Partypulk geht eine Tür auf – „Kinosaal 1 – All these sleepless nights“.

Mit überraschtem Gesicht („Oh wie toll voll!“) begrüßt Monika Wajtylla die ZuschauerInnen. „Es ist eine sehr verwackelte Kamera.“ warnt sie. „Fast so, als würdet ihr selbst Freitagabend ausgehen.“

Sie hat Recht. Die Aufnahmen wirken wie ein Traum oder Rausch. Den Morgen danach mit Kater und schlechter Laune gibt es hier nicht. Michał Marczak lässt einen zu elektronischer Musik und ästhetischen Bildern von durchtanzten Nächten träumen. Der Regisseur und Kameramann zeigt in eindrucksvollen Aufnahmen den jungen Kunststudenten Krzysztof in schlaflosen Nächten. Krzysztof tanzt sich mit seinem Mitbewohner Michał durch die Undergroundclubs Warschaus, durch WG Parties und Open Air Festivals. Sie trinken, nehmen Drogen und führen sinnfreie Gespräche. (Lachen im Publikum. Die Hälfte der Zuschauer scheint diese Gespräche auf MDMA wohl zu kennen.) Sie verlieben sich. Kris verliebt sich in Eva, die Exfreundin Michałs. Es entsteht eine Dreiecksgeschichte und die einzige Schwachstelle des Films. Zu lang und zu klischeehaft zieht sich die Geschichte eines jungen Dreiergespanns durch den Kinoabend. (Klonk. Es fällt mal wieder eine Bierflasche um im Kinosaal) Dass Krzysztof und Eva sich trennen, ist eine Erleichterung. Endlich zieht er wieder alleine los – in die traumhaften Clubs Warschaus. Einsam und auf der Suche. Wonach? Das weiß er nicht. Ein Stereotyp der Generation Y.

All these sleepless nights ist ein Spielfilm über einen (Sinn-)Suchenden Twenty-Something und eine Dokumentation über die schlaflosen Nächte einer jungen Musikbewegung. Es ist jedoch keine Dokumentation der Generation Y. Nicht alle StudentInnen Mitte 20 tanzen von einer Party zu nächsten und führen Gespräche im Rausch. Die Frage „warum?“ stellt sich für viele ganz anders: Warum Brexit? Warum Trump? Warum Kaczynski und wtf AfD? Verklärt man den Film also nicht zum Spiegelbild einer Generation, bleibt er ein gelungener, sehenswerter Spielfilm. Die Leistung aller Beteiligten ist außergewöhnlich. Mehr noch: Er wird zur Besonderheit für das FilmPolska Festival. Allein die Sprache verrät, in welcher Stadt sich Michał und Krzysztof befinden. Die WG-Parties, Clubnächte und Open Air Festivals hätten genauso in Berlin stattfinden können. Der Film zeigt polnische Twenty-Somethings, die den Berliner Twenty-Somethings unglaublich ähnlich sind. Er zeigt Gemeinsamkeiten mit unserem Nachbarland und weckt ganz nebenbei Reiselust. Fernweh nach Warschau.

Black. Abspann. Der Film endet und die Credits wird von sanfter elektronischer Musik begleitet. Nicht, dass sich viele für den Abspann interessieren – die Bomberjacke schnell angezogen, Mütze aufgesetzt und raus aus dem Kino in die eigene schlaflose Nacht.

Outside society is where I want to be!

Die Stille des Kinosaals vor der letzten Abendvorstellung wird durch ein leises Plätschern des Springbrunnens vor der Leinwand des FSK Kinos und irritierten Kommentaren der Besucher unterbrochen. „Bleibt der jetzt den ganzen Film lang an?“– Nein, er verstummt, noch ehe wir Olga Hepnarovás Mutter „Aufstehen, Mädchen!“ rufen hören.

Já, Olga Hepnarová erzählt das Leben einer Massenmörderin, die 1973 in Prag mit einem Laster in eine Menschenmenge fährt und dabei acht Menschen umbringt. Überfliegt man den letzten Satz, fühlt man sich sofort an die Terroranschläge in Nizza, Berlin und London erinnert. Doch dieser Film spielt in Prag in den 70er Jahren und fokussiert sich auf die Darstellung der Täterin statt auf die ihrer Tat. Mit langen Einstellungen nimmt er die Perspektive Olgas auf ihre Mitmenschen ein, die fast jeden näheren menschlichen Kontakt als Angriff oder Beleidigung empfindet. Schritt für Schritt bereitet die Erzählung auf den Anschlag Olgas vor. Sie wächst in einer gefühlskalten Familie auf und kommt nach ihrem ersten Selbstmordversuch in eine Jugendpsychiatrie, in dem sie von den anderen Mädchen verprügelt wird. „Wenn du dich umbringen willst, musst du einen starken Willen haben.“ sind die Worte, die ihre Mutter Olga mitgibt. Olga wird Lastwagenfahrerin und langsam deuten ihre Aussagen der eingespielten Therapiesitzungen ihre Entscheidung an. „Es wäre zu einfach, diese Welt als unbekannte Selbstmörderin zu verlassen. Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, zu Recht. Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode.“ schreibt sie in einem Brief, den sie vor ihrer Tat verfasst. Der Film konfrontiert uns nicht mit spektakulären oder brutalen Szenen der Gewalt einer Massenmörderin. Er konfrontiert uns mit der komplexen Geschichte einer Außenseiterin, die die Gesellschaft für die eigene Ausgrenzung bestraft. Statt ihre Tat vor Gericht zu leugnen, legt sie ein Geständnis ab und fordert das Gericht auf, sie zur Todesstrafe zu verurteilen, um ein Exempel für die Außenseiter dieser Gesellschaft zu statuieren.

Den tschechischen Regisseuren Tomáš Weinreb und Petr Kazda gelingt gemeinsam mit der grandiosen Schauspielerin Michalina Olszanska die facettenreiche Zeichnung der Figur einer introvertierten jungen Frau, die sich in Rauch aufzulösen scheint. Eine verschwindend dünne Kettenraucherin, die sich im Nebel des Zigarettenrauchs versteckt. Eine Lesbe, die im sozialistischen Prag der frühen 70er Jahre Schwierigkeiten hat, ihre Sexualität auszuleben. Olga, eine heranwachsende Frau mit Persönlichkeits-störung oder überdurchschnittlicher Intelligenz? Ein Opfer oder eine Täterin? Die Regisseure positionieren sich nicht und es bleibt die ethische Frage: Ist Olga das Opfer einer bestialischen Gesellschaft oder eine bestialische Täterin? Das Gericht entscheidet für Letzteres und verurteilt Olga zum Tod durch Erhängen. Im wahrsten Sinne des Wortes muss die Familie nun die Suppe auslöffeln, sieht man sie doch in der letzten Einstellung nach Olgas Tod beim gemeinsamen Suppe essen. Der stille Abspann des Films wird unterbrochen von dem leisen Plätschern des Brunnens und der geflüsterten Frage: „Ich hab‘ das Ende nicht ganz verstanden?“