„A Sunday in the Country“ – oder kann das Leben als FilmkritikerIn wirklich so schön sein?

 

In einem Film über „A Sunday in the Country“ müsste der See die Hauptrolle spielen. Denn der Schauplatz des diesjährigen Workshops war eine kleine Pension am Jezioro Bystrzyckie (Schlesiertalsperre) nahe Wroclaw. Dort bekamen Hannes Wesselkämper und ich die Möglichkeit das Team von filmPOLSKA zu vertreten und uns mit anderen jungen FilmkritikerInnen und JournalistInnen aus zehn Ländern in ruhiger Atmosphäre über Filme und die Arbeit als FilmkritikerInnen auszutauschen.

Das Konzept von „A Sunday in the Country“: fern von Festivaltrubel und anderen Ablenkungen wurde in dem Landhaus „Fregata“ gemeinsam gekocht, Filme gesehen und in der charmanten Atmosphäre miteinander diskutiert. Ein striktes Pflichtprogramm gab es nicht. Zwischendurch blieb die Zeit sich etwas im See abzukühlen.

Im Kinosaal der Pension wurden vier Filme gezeigt: All These Sleepless Nights von Michal Marczak, Actor Martinez von Mike Ott/Nathan Silver, Little Baby Jesus of Flandr von Gust Van den Berghe und Inertia von Idan Haguel. Die FilmemacherInnen schlossen sich der Gruppe ein paar Tage an. So hatten die TeilnehmerInnen ausreichend Zeit sich auch mit ihnen zu unterhalten.

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Als diesjährige Expertin war Dana Linssen vom niederländischen „NRC Handelsblad“ und „de Filmkrant“ eingeladen. Mit den jungen FilmkritikerInnen und JournalistInnen diskutierte sie über die gezeigten Filme und sprach mit ihnen über die Rolle der Filmkritik: Welche Verantwortung haben FilmkritikerInnen gegenüber dem Publikum oder den FilmemacherInnen? Und wie damit umgehen, wenn einem der Film nicht gefällt? Oder aber besonders begeistert?

In den Gesprächen mit der erfahrenen FilmjournalistIn und KritikerIn lernten die TeilnehmerInnen des Workshops wie wichtig es ist seine persönlichen Präferenzen außen vor zu lassen und sich jedem Film ausreichend tief zu widmen. Doch besonders im Gespräch mit den FilmemacherInnen konnten die TeilnehmerInnen einiges von Danas Interviewtechniken erfahren: kritisch und zugleich sehr emphatisch Fragen zu stellen ist eine Herausforderung. Wer Dana „in action“ beobachtet, kann sich einiges abgucken.

Und was nach dem Wochenende bleibt ist die Frage: kann das Leben als FilmkritikerIn wirklich so schön sein? Leider nicht immer. Wenn wir das nächste Mal auf einem Festival von Film zu Film hetzen – werden wir mit Wehmut an die Tage bei „A Sunday in the Country“ zurückdenken.

Kamerakünstlerin Karina Kleszczewska: „Manchmal braucht das Publikum eine Schock-Therapie“

 

Karina Kleszczewska gehört zu den wenigen Meisterinnen der Kamerakunst in Polen. FilmPOLSKA hat ihr und Jolanta Dylewska dieses Jahr einen Schwerpunkt gewidmet. Ein Gespräch über die manchmal notwendigen Schock-Momente im polnischen Kino und über das Selbstverständnis einer Kamerakünstlerin.

„Wie schwierig ist es als Frau in einem Männerberuf“? – Wie oft hören sie diese Frage und nervt Sie das? 

Ich spreche nicht gerne über dieses Thema, ich will nicht wie ein Opfer klingen. Es ist eben so. In der Filmbranche sind Kamerafrauen selten, auch oder besonders in Polen. Darüber aber nur zu reden würde auch nichts ändern.

Doch warum sind ihrer Meinung nach Kamerafrauen so selten? Was ist das größte Vorurteil?

Dass man körperlich stark sein muss, um eine Kamera bedienen zu können. Das ist aber nicht so. Das Filmen ist vielmehr eine Frage der Vorstellungs- und nicht der Muskelkraft.

Ein weiteres Vorurteil ist, dass das Filmen ein sehr technischer Beruf ist. 

Natürlich hat der Beruf als Kamerafrau viele technische Elemente. Aber ich selbst habe mich nie als Technikerin gesehen. Für mich war immer klar, dass ich Kunst machen möchte. Meine Arbeit habe ich immer kreativ verstanden.

Wie und warum haben Sie mit dem Filmen angefangen? 

Als ich etwa neun Jahre alt war, habe ich eine Fotokamera von meinem Vater geschenkt bekommen. Seitdem wollte ich immer Fotografin werden. Früher konnte man aber in Polen Fotografie nicht alleine studieren. Also musste ich quasi zum Film. Ich habe es aber nie bereut.

Aber Filmregisseurin wollten sie nie werden? 

Nein, daran hatte ich kein Interesse. Menschen, die Bilder machen, haben eine ganz andere Vorstellungskraft als die, die Geschichten erzählen. Regisseure sind eher Psychologen: sie spielen mit den Menschen, mit den Schauspielern, dem Team. Als Kamerafrau zu arbeiten ist für mich eine viel bessere Position. Ich erschaffe die Bilder, aber muss mich nicht mit den Produzenten oder den Schauspielern rumschlagen (lacht).

Welches Verhältnis haben Sie zu den Regisseuren? 

Das ist sehr unterschiedlich. In Polen haben die Kameramänner und -frauen eine sehr starke und wichtige Position. Aber das hängt sicher stark vom Regisseur oder auch vom jeweiligen Kamerakünstler ab. Wenn sich der Kameramann nicht so stark einbringen möchte in den kreativen Part, dann muss er das nicht. Dann kann er einfach tun, was ihm gesagt wird. Aber ich war nie so. Ich wollte mich schon immer von Anfang bis Ende in den Prozess einbringen.

In einem ihrer Filme „der Unbewegte Beweger“ geht es auch um eine Frau. Sie wird von einer Gruppe Männer vergewaltigt. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall, der in Polen als Sex-Skandal durch die Medien ging. Warum war Ihnen die Geschichte so wichtig? 

In Polen gibt es viele Menschen, die sagen, dass das Mädchen selbst Schuld an der Vergewaltigung ist. Sowas ist totaler Bullshit! Als in unserem Film die junge Frau auf der Polizeistation ist, um die Männer anzuzeigen, wirft man ihr auch vor, sie habe durch ihre freizügige Kleidung die Tat selbst provoziert. Wir wollten niemanden verurteilen, aber dem Publikum einen Spiegel vorhalten.

In dem Film nutzen Sie eine sehr explizite Bildsprache. Warum? 

Wir wollten die Menschen zum Nachdenken bringen. Dafür mussten wir das Publikum durch sehr eindeutige Bilder schocken. Die reale Geschichte ist so gewalttätig, darüber konnten wir keinen netten Film machen. Dabei sieht man die gewalttätigen Szenen gar nicht wirklich. Wir zeigen nur: Da ist ein Mädchen, sie wird vergewaltigt. Der Zuschauer sieht nur eine Nahaufnahme von ihrem Gesicht. Dabei stellen wir die Frage: Wie fühlst du dich, als du die Träne in dem Auge des Mädchens gesehen hast? Ich glaube anders hätte dieser Film nicht funktioniert. Dann wäre er nicht so energetisch.

Filmkritiker – der beste Job der Welt?

Als Filmkritiker auf einem Festival unterwegs – ein Traumjob! Stimmt, fast immer. Denn nach der filmPOLSKA-Festivalparty hieß es für uns vom Medienworkshop schnell ausnüchtern, ran an die Texte oder rein ins Studio. Mit der Hilfe von BLN.fm-Chef Tim Thaler entstanden so Hörfunkbeiträge und Rezensionen zu den Filmen „Polish Shit“, „Sirenengesang“ und „New World“.

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Unser Radioreporter Maciej in unserem kleinen Studio in der Hochschule der Populären Künste.

So gilt es an jedem Morgen einen neuen Text zu schreiben, um ihn pünktlich zur Deadline bis 12 Uhr an unseren Chefredakteur Detlef Kuhlbrodt abzuliefern. Nach einer kurzen Besprechung der Texte ab 14 Uhr geht es dann für die Radio-Gruppe im Eiltempo zur Bahn, um pünktlich um 16 Uhr zusammen mit Tim Thaler und seinen Studenten an neuen Beiträgen zu arbeiten. Schnell haben wir gemerkt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man einen Text für den Blog oder das Radio verfasst — in der Kürze steckt die Würze. Unter der Anleitung von Tim und seiner Lehr-Redaktion konnten wir an unseren Texten feilen und an unserer Aussprache arbeiten. Bis zum — teilweise fortgeschrittenen Abend — entstanden so ein paar Beiträge, die schließlich den Weg in unseren Blog oder auf BLN.FM gefunden haben.