Leben in einer Traumwelt

Michał Waszyński. In der Zwischenkriegszeit bekannt als einer der bedeutendsten Regisseure des polnischen Kinos, danach Produzent der größten Hollywoodfilme in Italien. Doch wer war er abgesehen von seinen filmischen Errungenschaften?

Ein Friedhof. Eine sonore Stimme, die Yiddisch spricht. Ein junger Mann, der sich langsam in einen Geist verwandelt. Szenen aus dem Film Dybbuk, einem der Meilensteine des polnischen Kinos aus dem Jahr 1937. Regie: Michał Waszyński. Wer nun eine Bestandsaufnahme über die goldene Zeit des polnischen Kinos erwartet, der irrt.
In den folgenden 82 Minuten geht es nur bedingt um die Filmwelt. Es geht auch nicht um ein Leben für den Film, sondern vielmehr um das Kino als Abbild eines Lebens. Des Lebens von Michał Waszyński, genannt „Der Prinz“, einem Mann, der laut Zeitzeugen ebenso geheimnisvoll wie aufregend war, und dessen Vergangenheit bis jetzt nie beleuchtet wurde. Die Regisseure Rosołowkski und Niewiera decken in Der Prinz und der Dybbuk diese Vergangenheit auf. Von Zeitzeugen, die von Waszyńskis Tagen beim Film berichten bis hin zu Bewohnern seines vermeintlichen Heimatdorfes. Die Spurensuche führt nach Italien, in die Ukraine, nach Polen und Israel. Während dieser Erkundungen wird Waszyńskis filmisches Werk immer mehr zur Parallele seines eigenen Lebens. War er wie der Mann in seinem Film Der unbekannte aus San Marino? War der Film Der Dybbuk sein Bekenntnis für das Ringen mit den Geistern seiner eigenen Vergangenheit? In fast essayistischer Weise nähert sich der Dokumentarfilm diesen Fragen an. Unterstützt von Einträgen aus Waszyńskis Tagebuch zeichnet sich zunehmend das Bild eines Mannes ab, der tief im Inneren immer versuchte, etwas zu verbergen: seine Herkunft, seine Heimat oder sogar seine Sexualität.

Der Prinz und der Dybbuk präsentiert sich als hypnotisches, zum Teil sogar surreales Machwerk, dass das Publikum in Fragmenten zu einer geheimnisvollen Biografie führt, ohne dabei zu ausführliche Antworten zu liefern. Dabei entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Film gestaltet sich als unterhaltsame und interessante Reise in die frühe Zeit des Films, hin zur komplexen Persönlichkeit Waszyńskis. Ein früherer Wegbegleiter beteuert im Film: „Keiner wusste wie er wirklich war.“ Der Prinz und der Dybbuk gibt zumindest eine Idee davon, wer Michał Waszyński gewesen sein könnte.

von Oliver Sami

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski