Selbsttherapie unter Bäumen

Der extravagante Unternehmer Forst hat keinen Bock mehr. Er steigt aus. Nach einer nur sehr kurz geratenen Charakterisierung, werden die Beweggründe dafür vorerst nicht deutlich. Geld, Autos und Macht erfüllen ihn nicht mehr und so ändert er schlagartig sein Leben und zieht als Eremit in den Wald. Klingt zunächst wie ein gewöhnlicher Aussteiger-Film, doch Forest, 4 AM ist definitiv kein Survival-Drama à la Into the Wild.

Nachdem Forst jahrelang all seine Probleme mit Drogen und Sex runtergespült hat, steht er an einem Wendepunkt. Selbstmordgedanken bestimmen sein Leben. So ist der Umzug in den Wald eine selbsttherapeutische Maßnahme.

Forst schläft in einem Loch im Waldboden und es scheint, als hätte er sich bereits sein eigenes Grab gebuddelt. Er isst alles, was ihm in den Weg kommt – egal ob Tier oder Mensch. Außerdem hat er ein Problem mit den Geräuschen von Reißverschlüssen.

Jan Jakub Kolski

Jan Jakub Kolski, Regisseur von Forest, 4 AM.

Kult-Regisseur Jan Jakub Kolski inszeniert Forst als einen zugleich skurrilen und gebrochenen Mann. Es gibt nur wenige Dialoge. So müssen oftmals die Bilder für sich sprechen – ein Konzept, das nicht ganz aufgeht und so hinterlässt der Film viele offene Fragen.

Statt Ruhe und Einsamkeit findet Forst, Nata, eine Prostituierte, deren Revier der Waldrand ist. Nata erinnert, mit ihrer weißblonden Perücke und ihrer Herzlichkeit, an die Rolle der Vivian Ward aus Pretty Woman. Doch auch sie hat es nicht leicht, Forst zu knacken – er redet kaum mit ihr, aber die Gesellschaft tut ihm gut. Als sie nach einiger Zeit verschwindet, steht plötzlich die 13-jährige Jadzia vor seiner Tür. Er nimmt sich der Waisen an und nach und nach entwickeln die beiden eine Vater-Tochter-ähnliche Beziehung. Forst sorgt für Verpflegung und Jadzia kümmert sich liebevoll um den dreibeinigen Hund Kroko. Doch die Idylle trügt.

So muss sich Forst mit den Problemen eines pubertären Teenagers auseinandersetzen, dabei ist Zwischenmenschlichkeit nicht gerade seine Stärke.

Als eines Morgens der Zuhälter von der verschollenen Nata auftaucht und Jadzia mitnehmen will, erwachen Beschützerinstinkte in Forst und so ertränkt er den Russen kurzerhand im See. Konsequenzen fürchtet er nicht.

Die Erlebnisse mit Jadzia erinnert Forst an seine verstorbene Tochter und so muss er schlussendlich lernen, mit dem Schmerz zu leben und mit dem Kapitel abzuschließen.

Durch wenige Rückblenden versucht Regisseur Kolski gegen Ende des Films doch noch Licht indie düsteren Abgründe Forsts Leben zu bringen – es bleibt leider bei einem Versuch.

Labyrinth der Illusionen

Als einziger deutschsprachiger Film im Festivalprogramm des filmPOLSKA ist Tiere schon fast ein Exot. Der Film feierte auf der diesjährigen Berlinale seine Premiere. Schon bei der Berlinale polarisierte Greg Zglinskis Mysterythriller – die einen verglichen ihn mit den Filmen von David Lynch und Alfred Hitchcock, andere konnten nichts damit anfangen. Zugegeben – Tiere macht es einem nicht leicht. Die Handlung beginnt wie ein durchschnittlicher ZDF-Thriller und verläuft sich immer mehr in einem Labyrinth der Illusionen.

Ein junges Ehepaar möchte ihre wiener Wohnung für ein halbes Jahr verlassen, um sich an der frischen Schweizer Luft ihren Leidenschaften zu widmen. Nick will für ein schweizer Kochbuch recherchieren und Anna schreibt an einem Roman. Sie führen eine triefend stereotype Ehe. Nick trägt für Anna schon lange nicht mehr die Koffer nach oben und betrügt sie stattdessen mit der Nachbarin Andrea, von der er sich aufgrund seines Auslandsaufenthalts in der Schweiz aber trennen muss. Anna ist verzweifelt und verliert nach und nach den Verstand. Um ihre Wiener Wohnung soll sich in ihrer Abwesenheit Mischa kümmern, die Andrea merkwürdigerweise zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein Doppelgängermotiv, welches sich durch den ganzen Film zieht.

Auf der Autobahn Richtung Schweiz, spielen Anna und Nick ein Spiel namens „Tiere“, in denen so viele Tiere wie möglich mit dem gleichen Anfangsbuchstaben genannt werden sollen. Mit Tieren scheinen die beiden es allerdings nicht so zu haben – zuerst stirbt ein Goldfisch, dann überfahren sie ein Schaf und anschließend begeht ein Vogel in ihrem Haus „Selbstmord“. Es ist genauso skurril, wie es klingt. Bei dem Autounfall mit dem Schaf erleidet Anna eine Gehirnerschütterung, Nick bleibt unverletzt. Doch plötzlich beginnt Annas Welt zusammen zu brechen – hat sie wirklich schon seit zwei Wochen nicht mehr geschrieben? Es kam ihr doch so vor, als wäre es gestern gewesen. Was treibt Nick mit der Eisverkäuferin und warum sieht diese auch aus wie die Nachbarin Andrea? Spätestens als eine Katze anfängt mit Anna zu sprechen, ist sie sich sicher, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Weder die Protagonisten noch die Zuschauer wissen, ob es sich dabei um Träume, Erinnerungen oder Zukunftsvisionen handelt, da der Plot zunächst auf zeitlicher Ebene, später aber auch in räumlicher Ebene bricht – postkinematografische Strukturen, die an „Inception“ oder „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ erinnern. Diese manipulativen plot-twists generieren eine intensive Spannung und die Grenzen von Realität und Illusion verschwimmen. Steckt hinter all den Ereignissen eine Verschwörungstheorie oder macht Annas Roman das Portal zu den Fantasien auf? Eine Quintessenz bleibt aus.

Schmuggelware aus dem Osten – Das 12. filmPOLSKA-Festival ist eröffnet!

Lange Schlangen an der Bar, herzliche Umarmungen und lautes Gelächter – das waren die ersten Eindrücke bei der Eröffnung von filmPOLSKA am Mittwochabend. Im alten Programmkino Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße läutete die Dokumentation You Have No Idea How Much I Love You von Pawel Lozinski das 12. Ausgabe des Festivals ein. In einem vollen Saal eröffnete die Kulturkolumnistin Jenni Zylka als Moderatorin den Abend unter dem Motto „Berlin sieht Polnisch“. Alles was im polnischen Film Rang und Namen hat, war vor Ort und so kamen die zahlreichen Gäste aus dem Applaudieren nicht mehr heraus. Auch die diesjährigen Jury-Mitglieder Bernd Buder und der Filmemacher Marcin Malaszczak waren anwesend. In einem deutschpolnischen Sprachmix gelang eine sehr persönliche Atmosphäre, die immer wieder deutlich machte, wie bedeutend der polnische Film auch für die deutsche Kulturlandschaft, aber vor allem wie wichtig Zusammenarbeit und Austausch ist. FilmPOLSKA ist das größte polnische Filmfestival außerhalb Polens. Dieses Jahr wurden gleich zwei Ehrenpreise vergeben, für besonderes Engagement im polnischen Film – einer ging an den deutschen Filmkritiker und Radiomoderator Knut Elstermann, der sich schon seit seiner Jugend für den polnischen Film begeistert. Der andere Ehrenpreis ging an das Ehepaar Erika und Ulrich Gregor, die 1963 Mitbegründer der Freunde der Deutschen Kinemathek waren. Besonders durch ihre sympathische Anekdote brachten sie die Zuschauer zum Lachen. So berichteten sie vom West-Berlin der 60er Jahre und über die Schwierigkeiten, an die interessanten Filme aus dem Nachbarland Polen zu gelangen. Das Ehepaar initiierte damals einen Filmclub an der Freien Universität Berlin und hatte beinah keinen Zugang zu den Filmen, die sie in Cannes feierten. So schlichen sie sich zu der polnischen Militärmission und baten die Anwesenden um „Schmuggelware“ aus dem Osten. Nach einem großen Schluck Wodka, selbstverständlich standesgemäß mit dem Strohhalm aus der Flasche, war die Freundschaft besiegelt und nach weiteren Absprachen erhielten die beiden regelmäßig Filme, die sie sogar in der Uni zeigen durften – sowohl das damalige Publikum als auch die Zuschauer im Kino waren berührt. Anschließend berichtete Kornel Miglus, Festivalleiter und Kurator des filmPOLSKA, über die Zusammenstellung des diesjährigen Programms. So habe er sich vorwiegend auf Nachwuchs-Regisseure fokussiert, in denen er Potential sieht.

Zum Eröffnungsfilm You Have No Idea How Much I Love You war auch extra Regisseur Pawel Lozinski angereist und sprach mit Jenni Zylka über die Entstehung zur Idee des Film und seine Therapieerfahrungen. Die Zuschauer waren mitgerissen und so wurde im Anschluss noch bei einem Glas Wein ausführlich über den Film diskutiert. Das Festival findet noch bis zum 10. Mai statt – Empfehlung des Abends von Knut Elstermann war The Last Family von Jan P. Matuszynski.