Warschau 44

Für mehr als zwei Stunden schauen die Zuschauer des Films “Warschau 44” das an, was der Verlauf des Warschauer Aufstandes im Sommer 1944 sein soll. Man sieht zerstörte Gebäude, unterschiedliche Waffen und Militärfahrzeuge, und vor allem sehr viel Blut. Nicht viel mehr. “Warschau 44” ist einer der teuersten Filme in der polnischen Filmgeschichte, das beweisen unter anderem die knapp zwei Minuten laufenden Titel der Sponsoren am Anfang. Aber mit welchem Zweck wurde dieser Film gemacht?

Von der ersten und bis zur hundertsiebenundzwanzigsten Minute des Films hat man ein starkes Gefühl von Künstlichkeit. Die Schauspieler – athletische Frauen mit rosigen Wangen und bewegungslosen Frisuren, muskulöse, körperhaarlose Männer mit perfektem Lächeln – tragen endlose Variationen vielfarbiger Klamotten, was mehr an eine Modekollektion erinnert als an die Bewohner einer zerbombten Stadt während des Krieges.

Auch die Handlung selbst scheint nicht viel mit der realen Welt zu tun zu haben. Die Kampfszenen wirken wie die traumhafte Fantasie eines von der Realität enttäuschten Filmemachers geht. Fliegende Kugeln in Slow-Motion – ist das ein Auszug aus dem neuen James Bond Film? – heldenhafte Rettungen von hungrigen Juden und weinenden Babys, alles ist da. Von Zeit zu Zeit ändert sich der Stil radikal: Plötzlich befinden sich die Figuren in einem Pop-Musikvideo mit langsam schwebenden Blütenblättern, dann nehmen sie an einem gewalttätigen Computerspiel teil, manchmal sind sie auch in einem Zombiefilm zu finden. Wer in der Produktion hat das erlaubt.

Alles, was die Protagonisten machen, ist so heroisch, so perfekt, so künstlich. Wollte der Regisseur einfach einen eigenen “Saving Private Ryan” machen? Ein anderer Grund für die Produktion dieses Films ist nicht zu finden. Aber die extreme Künstlichkeit sorgt für einen sehr großen Abstand zu der eigentlichen Geschichte. Alles ist einfach so unglaubwürdig, dass man sich während des ganzen Films fragt, welche Verbindung – wenn überhaupt – der Film mit der richtigen Realität hat.

Brauchen die Ereignisse während des Aufstandes einen grandiosen, heroischen Film, um existiert zu haben? “Warschau 44” stellt – vielleicht gar nicht so absichtlich – wichtige Fragen in Bezug auf die Geschichtsschreibung. Was ist im Laufe des Warschauer Aufstandes eigentlich passiert? Angesichts der langjährigen Recherche vor den Dreharbeiten sollte der Film diese Frage beantworten, oder zumindestens einige neue Daten präsentieren. Aber weißt man, nach dem Film mehr über den Warschauer Aufstand? Die traurige Antwort ist nein. Kann man überhaupt etwas sagen, außer dass mehrere Menschen gestorben sind? Auch hier – nein.

Der Filmemacher und sein riesiges Team hatten vielleicht die Absicht, einen Mythos für das polnische Volk zu erschaffen, oder den polnischen Beteiligten des Aufstandes eine Hommage zu schenken. Aber was sagt dieser Film? Warum sollte man ihn anschauen? Fünf Minuten nach dem Ende bleibt in den Köpfen der Zuschauer nicht mehr so viel übrig. Ein Tag danach einfach nichts mehr.

Schade.

Warschau 44; PL 2014; R: Jan Komasa; 127 Minuten

(Text: Itamar Gov)