Das Leben – eine Maskerade

„Ich beginne, an Träume zu glauben. Ich ziehe einsam durch die Straßen. Schaue ich die anderen an, kehrst du zurück. Überall unvollendete Umarmungen, ersehnte Blicke. Ich fühle mich wie hin- und hergerissen. Lass mich in Ruhe.“ So ein Tagebucheintrag Michał Waszyńskis aus den 1960er Jahren. Doch wer war dieser Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Wolhynien geboren wurde und 1965 als polnischer „Prinz“ in Italien starb?

Der neue Dokumentarfilm Der Prinz und der Dybbuk von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski geht dieser Frage auf den Grund – feinfühlig, kunstvoll, collagenhaft. Nach und nach wird ein Porträt Waszyńskis entworfen, dessen Spuren in die Ukraine, nach Polen, Israel, Italien, Spanien und in die USA führen. Geboren als Mosche Waks, konvertierte Waszyński zum Katholizismus, als er Ende der 1920er nach Warschau ging. Die 1930er Jahre sollten seine produktivsten Jahre werden, zahlreiche Filme entstehen unter seiner Regie. So auch Der Dybbuk, der jiddische Mythos eines Geistes, der seine erste Liebe heimsucht. Wie bei Waszyński selbst. Er kann sich seiner Vergangenheit nicht entziehen, auch wenn er sich in Italien, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg lebt und arbeitet, als polnischer Prinz ausgibt. Immer wieder vermischen sich Szenen aus dem Film mit dem dokumentarischen Material, auf Jiddisch gelesenen Passagen aus Wasyńskis Tagebucheinträgen und kunstvollen Licht- und Farbspielen.

Am Ende weiß man trotzdem nicht genau, wer Michał Waszyński war. Man erhält lediglich einen Eindruck über das Leben dieses Mannes, bekommt eine Idee von dem, was ihn auszeichnete und darüber, wer er gewesen sein könnte. Waszyńskis Maskenspiel war erfolgreich. Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski haben in Der Prinz und der Dybbuk versucht hinter diese Masken zu schauen und das Wesen ihres Protagonisten zu ergründen. Auch wenn hier kein geschlossenes Bild entstanden ist, stellt der Film dennoch einen wichtigen filmischen Beitrag über einen einzigartigen Menschen dar.

von Elisabeth Müller

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Den Steppenwolf freilassen

Das dokumentarische Drama über eine mongolische Famile ist beruhigend schön.

Die Mongolei hat eine Bevölkerungsdichte von 21 Menschen pro Quadratkilometer und ist damit eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Saal 2 im Wolf Kino hat an diesem Abend eine Sitzplatzdichte von 1 Mensch pro 40 Sitzen und ist damit einer der einsamsten Orte Neuköllns, der einstimmt auf ein zentrales Motiv des Films: das Alleinsein. Also erstmal in den Sessel gefläzt und die Käsemauken auf den Vordersitz gelegt. Riecht ja keiner.

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Es läuft Zud, ein Drama der polnischen Regisseurin Marta Minorowicz, das in der mongolischen Steppe spielt und mit Laienschauspielern gedreht wurde. Zud fühlt sich an wie ein Dokumentarfilm – ein Genre, das mitunter die besten Dramen erzählt. Und tatsächlich flechtet Minorowicz immer wieder ungestellte Originalaufnahmen in ihre ansonsten fiktionale  Geschichte ein. Die Naturgewalten lassen sich nicht inszenieren. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie sind hier fließend und der Realismus des Films wirkt magisch.

Mit respektvollem Abstand beobachten wir, wie Sukhbat, der Sohn der Familie, ein Pferderennen gewinnen soll -gewinnen muss – um die Familie finanziell zu retten. Es folgt eine Geschichte von Vater und Sohn, von Leistungsdruck und von der Zähmung der Widerspenstigen. Eine scheinbar uralte Geschichte, die so aber noch nie erzählt wurde, und die sich hier mit großer Langsamkeit entfaltet.

Achtsames Kino

Meine Auge ruhen sich aus und bestaunen die erdige Farbgebung, die Handkamera, die körnigen Bilder in Analogoptik. Meine Ohren hören sinnlich knisternden Schnee, ein knackendes Lagerfeuer, Wasser, das rinnt, und einmal, in einer der stärksten Szenen, den singenden Jungen, der das Pferd antreibt oder sich selbst. Mein Geist gibt sich dem gemächlichen Fluss der Geschichte hin, verweilt in langen Einstellungen. Endlich die Ruhe, die schmerzlich vermisste Ruhe. Eben auf dem Weg zum Wolf noch einen Verkehrsunfall miterlebt. Achtsames Kino im Anschluss eine Wohltat. Das ist hier aber nicht automatisch mit Schönem gleichzusetzen, denn es fließt Blut in diesem Film und eine der eindrücklichsten Szenen ist wohl die, in der eine Schlange eine Maus erwürgt und frisst. Der Lauf der Natur, in dem die Unterschiede zwischen Mensch und Tier nur noch marginal sind, ist eine der kraftvollsten Instanzen, die den Film trägt.

Es lohnt sich, ab und zu in einem Programmkino einen Film von 2016 anzusehen. Zum Runterkommen, zum Meditieren, zur Erinnerung, dass es noch ganz andere Welten gibt. Reizüberflutete in Berlin? Ab in die Einsamkeit der mongolischen Steppe!

von Sabrina Pohlmann

Zud: PL 2016, 85 Min., R: Marta Minorowicz

Die Anziehungskraft der Gewalt

Die perverse Faszination mit Gewalt und Tod hat schon so manchen Filmhelden und Zuschauer in ihren Bann gezogen. Scheinbar unschuldige und brave Musterschüler oder fürsorgliche Familienväter werden von einer inneren vorzivilisatorischen Animalität übermannt, die sich in Folge eines unerwarteten Gewaltaktes in ihnen rührt. Der Gedanke ans Töten kann sich zu einem Wunsch entwickeln und die Identifikation mit einem tatsächlichen Mörder endet nicht selten mit einem Identitätsverlust. Vor einem solchen Dilemma steht Karol Kremer, der Protagonist in Die Rote Spinne (Czerwony pająk), dem Spielfilmdebüt von Marcin Koszałka.

Polen, 1960er Jahre: Karol ist ein erfolgreicher Turmspringer, der beste in Krakau, seiner Heimatstadt. Er ist Medizinstudent, gutaussehend und hat ein geregeltes Leben. Eines Abends wird er Zeuge eines Mords an einem Jungen und beschließt, dem Mörder zu folgen. Statt zur Polizei zu gehen, ist Karol zunehmend fasziniert vom Täter und beginnt, ihn zu beobachten.

Die Rote Spinne hat wenige Dialoge, die Stärke des Films liegt in seinen Bildern. Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka untermalt die Handlung mit wunderschön komponierten Aufnahmen. Das graue Krakau ist herrlich anzusehen, die präzise Kadrierung der Bilder und die langsamen Kamerafahrten deuten das Grauen an, das sich unweigerlich nähert.

So fesselnd und schön die Bilder auch sein mögen, so verwirrend und unmotiviert erscheint die Charakterisierung der Figuren. Warum Karol dem Mörder folgt und ihn nicht anzeigt, ist noch die einzig nachvollziehbare seiner Handlungen. Seine Vorgehensweise zum Ende des Films hingegen bleibt ein Rätsel. Ist es sein Schuldgefühl, das ihn plagt? Wenn ja, wo kommt es plötzlich her und warum zeigt es sich so extrem?

Der Film verweigert sich bewusst üblicher Genrekonventionen. Leider entsteht dadurch weniger Spannung als es dem Film gutgetan hätte. Koszałka hat sich bei seinem Spielfilmdebüt mit der Rolle des Kameramanns, Regisseurs und Drehbuchautors sichtlich übernommen. Die Rote Spinne, übrigens inspiriert von dem realen Fall eines Serienmörders der 60er Jahre, der als der „Vampir von Krakau“bekannt wurde, stellt viele Fragen, und beantwortet wenige. Es liegt am Zuschauer, die Puzzleteile zusammenzufügen und sich sein eigenes Bild zu machen – aber es ist gut möglich, dass einige Teile nicht auffindbar sind.

Selbsttherapie unter Bäumen

Der extravagante Unternehmer Forst hat keinen Bock mehr. Er steigt aus. Nach einer nur sehr kurz geratenen Charakterisierung, werden die Beweggründe dafür vorerst nicht deutlich. Geld, Autos und Macht erfüllen ihn nicht mehr und so ändert er schlagartig sein Leben und zieht als Eremit in den Wald. Klingt zunächst wie ein gewöhnlicher Aussteiger-Film, doch Forest, 4 AM ist definitiv kein Survival-Drama à la Into the Wild.

Nachdem Forst jahrelang all seine Probleme mit Drogen und Sex runtergespült hat, steht er an einem Wendepunkt. Selbstmordgedanken bestimmen sein Leben. So ist der Umzug in den Wald eine selbsttherapeutische Maßnahme.

Forst schläft in einem Loch im Waldboden und es scheint, als hätte er sich bereits sein eigenes Grab gebuddelt. Er isst alles, was ihm in den Weg kommt – egal ob Tier oder Mensch. Außerdem hat er ein Problem mit den Geräuschen von Reißverschlüssen.

Jan Jakub Kolski

Jan Jakub Kolski, Regisseur von Forest, 4 AM.

Kult-Regisseur Jan Jakub Kolski inszeniert Forst als einen zugleich skurrilen und gebrochenen Mann. Es gibt nur wenige Dialoge. So müssen oftmals die Bilder für sich sprechen – ein Konzept, das nicht ganz aufgeht und so hinterlässt der Film viele offene Fragen.

Statt Ruhe und Einsamkeit findet Forst, Nata, eine Prostituierte, deren Revier der Waldrand ist. Nata erinnert, mit ihrer weißblonden Perücke und ihrer Herzlichkeit, an die Rolle der Vivian Ward aus Pretty Woman. Doch auch sie hat es nicht leicht, Forst zu knacken – er redet kaum mit ihr, aber die Gesellschaft tut ihm gut. Als sie nach einiger Zeit verschwindet, steht plötzlich die 13-jährige Jadzia vor seiner Tür. Er nimmt sich der Waisen an und nach und nach entwickeln die beiden eine Vater-Tochter-ähnliche Beziehung. Forst sorgt für Verpflegung und Jadzia kümmert sich liebevoll um den dreibeinigen Hund Kroko. Doch die Idylle trügt.

So muss sich Forst mit den Problemen eines pubertären Teenagers auseinandersetzen, dabei ist Zwischenmenschlichkeit nicht gerade seine Stärke.

Als eines Morgens der Zuhälter von der verschollenen Nata auftaucht und Jadzia mitnehmen will, erwachen Beschützerinstinkte in Forst und so ertränkt er den Russen kurzerhand im See. Konsequenzen fürchtet er nicht.

Die Erlebnisse mit Jadzia erinnert Forst an seine verstorbene Tochter und so muss er schlussendlich lernen, mit dem Schmerz zu leben und mit dem Kapitel abzuschließen.

Durch wenige Rückblenden versucht Regisseur Kolski gegen Ende des Films doch noch Licht indie düsteren Abgründe Forsts Leben zu bringen – es bleibt leider bei einem Versuch.

Hiob, oder Steppenwolf?

Las 4 Rano (Forest, 4am)

Tätowiert, massig, egoman, sportlich, sexuell aktiv, zugekokst. Der Boss einer Agentur lebt 2 Fast 2 Furious. Dann kommt der Crash. Forst gerät aus der Bahn, rasiert sich seine Designer-Frisur und reißt sich seinen fetten Ohrring aus. Er wird zum Eremit. Irgendwo im Wald lebt er mit seinem dreibeinigen Hund Kroko – wie Krokodil, erklärt er – unter wilden Tieren. Ihn verroht dieses Leben in der Wildnis. Er jagt wilde Hasen, Bieber und isst Kiefer-Eichel-Suppe. Eigentlich isst er alles. Sein kleiner Verschlag bietet alles Nötige für das einsame Leben. Eine Schlange windet sich zu seinen Füßen. Ein Eichhörnchen klettert auf ihm herum. Ein einsamer Wolf besucht ihn ab und zu.

Forest, 4 AM - Spiegel

Steppenwolf

Forst wird selbst zum Steppenwolf. Er ist dem Wahnsinn nahe, kämpft immer wieder mit Selbstmordgedanken. Wie in Herman Hesses Erzählung baut sich der Protagonist gedankliche Brücken, die ihn vor dem Selbstmord bewahren. Ein kleiner Lichtblick in seinem Leben ist die Prostituierte Nata. Die Beiden entwickeln ein freundschaftliches Verhältnis. Sie sind verspielt, beinahe kindlich miteinander. Sie teilen kurze Augenblicke, in denen sich ihr eigentliches Leben ganz weit entfernt. Diese kleinen Inseln sind die Höhepunkte des Films. Sie sind atmosphärisch stark und laden zum Träumen ein.

Forest, 4 am

Hiob

Jan Jakub Kolski ist bekannt dafür, existenzielle Themen zu behandeln. In Las 4 Rano (Forest, 4am) führt er nicht nur Regie sondern ist auch Kameramann und – zusammen mit dem Hauptdarsteller Krzystof Majchrzak – Co-Autor des Drehbuchs. Der Wald als Schauplatz ist gelungen inszeniert und atmosphärisch fotografiert. Die Kameraführung und Bildgestaltung überzeugen. Leider hinkt die Charakterzeichnung. In einem Augenblick ist Forst eine Hiobsfigur, im Nächsten wirkt er psychopathisch. Die Übergänge zwischen geduldiger Selbstaufgabe und Raserei sind nicht glaubhaft. Darunter leidet der Film. Hiob-Zitate als Zwischentitel wirken zu dick aufgetragen. Die psychologischen Motivationen der
Protagonist*innen sind wenig einleuchtend, dagegen sind die Kurzschlussreaktionen auf den Punkt und glaubhaft inszeniert. Viele gute Ideen machen Las 4 Rano zu einem sehenswerten Film.

I got over all my loves

Wenn ein Kunsthistoriker und Kurator moderner polnischer Kunst und Filme sich entschließt selbst Filme zu drehen, erwartet man einen Film wie diesen. Das zweite Werk Łukasz Rondudas im Jahre 2015 (Performer)erzählt die Liebesgeschichte zweier außergewöhnlicher Menschen.

Łukasz Ronduda porträtiert die beiden fiktiven polnischen Künstler Wojciech Bąkowski und Zuzanna Bartoszek. Wojciech ist Performancekünstler, Sounddesigner und Zeitlupen-Rapper. Er entdeckt die noch unbekannte Hobbykünstlerin Zuzanna im Publikum bei einem Auftritt in einem dunklen Warschauer Club. Noch bevor er Zuzanna anspricht und sie bittet, mit ihm nach Hause zu gehen, verrät die Bildsprache ihre Verbindung. Beide Figuren haben eine Glatze und tragen schwarze Kleidung, bei Aufnahmen von hinten sind sie manchmal nicht zu unterscheiden, bereits vor ihrem Zusammentreffen wirken sie wie Doppelgänger.

Die Erzählung spielt vor allem in der Enge ihrer Wohnung ab, Ausnahmen sind die wenigen Ausflüge in Shoppingcenter, Clubs oder die eigene Ausstellung. Der Regisseur konzentriert sich auf die beklemmend kleine Wohnung, die sinnbildlich die Enge der Beziehung zeigt. Zwischen Freizeit und Arbeit, Privatleben und Kunst gibt es für die beiden keine Grenzen, doch bald zeigen sich die Grenzen ihrer Liebesbeziehung. Wer kopiert den anderen? Wer hatte die Idee ursprünglich? Hat man auf jede Äußerung ein Patent? Letztendlich ist es Zuzanna, inzwischen anerkannte Künstlerin, die das symbiotische Zusammenleben beendet. Glücklich läuft sie allein durch die Shoppingcenter und lässt die Wohnung und Wojciech hinter sich. Wojciech, verletzt durch die Trennung, verarbeitet seinen Liebeskummer in einer Performance, die gegen Ende des Films gezeigt wird. I got over all my loves kreiert er aus den Erinnerungsstücken aller Verflossenen. Es entsteht eine laute Geräuschkulisse, die bis in den Abspann des Films zu hören ist.

So altbekannt die Geschichte eines Liebespaares und dessen Alltagsprobleme sind, so ungewöhnlich ist die Gestaltung des Films. Die Glatzen der beiden Hauptfiguren wirken wie ein Verfremdungseffekt, jede Handlung der beiden wie eine ihrer Kunstperformances. Der gesamte Film wirkt wie ein gemeinsames Kunstprojekt Wojciechs und Zuzannas, das von der besonderen Tonspur des Films unterlegt wird. A Heart of Love verfolgt die Höhen und Tiefen einer normalen Liebesbeziehung zwischen zwei ungewöhnlichen Menschen und lässt eine einzigartige Performance entstehen.

Ein unbequemer Blick auf die Verwurzelung – Office For Monument Construction

Karolina Bregula, die junge Video- und Aktionskünstlerin, stellt ihren zweiten Spielfilm vor. Gedreht in Glasgow, als Synonym für irgendeine Stadt, die dem demografischen Wandel der Menschen und Gebäude unterliegt.

Der Film wird im K18 gezeigt, einem kleinen gemütlichen Off-Kino in Friedrichshain, mit Sofaeinrichtung und einem Eingang durchs Fenster.

Auch dieser Film ist sehr gut besucht, die neuen Formen des Kinos finden Begeisterung im Berliner Publikum. Dort ist die Regisseurin mit ihrem künstlerischen Hintergrund zu Hause.

In surealem Metaphern Film zeichnet sie, eine Welt mit obdachlosen Menschen, die versuchen ihren Platz zu finden.

Eine ältere Dame, die leidenschaftlich menschliche Zähne sammelt, ein dicker Herr, der ein Ticket für den Bus zu einem Ort kaufen möchte, den es nicht gibt, sind zwei der eigenwilligen Charaktere, die aufeinander treffen. Dialoge, die in ihrer Entrücktheit mal Bezug aufeinander nehmen, mal nicht. Es ist ein Spiel aus Wirklichkeit und Traumwelt.

Auf der Tonspur sind laute Regengeräusche in verschiedenen Klangbildern zu vernehmen, die zunehmend intensiver werden und so auch den Zuschauer nerven können, was explizit beabsichtigt ist. Das Unbequeme, das die Figuren in ihren merkwürdig neu konstruierten und sinnhaft umfunktionierten Räumen erleben, soll auch der Zuschauer körperlich spüren.

Der Film zieht sich. Trotz eines fehlenden Spannungsbogens fesseln die Protagonisten, die allesamt Laienschauspieler sind. Sie agieren in teils grotesk-komischen Situationen, die Kamera atmet mit ihnen, die Perspektiven sind oft statisch. Die Räume oder Plätze wirken wie Theaterbühnen, auf denen in mehreren Akten die Neukreationen und Einrichtungsprozesse der Menschen beobachtbar sind.

Die Bilder sind farblich exzellent durchkomponiert. Zuweilen verschwinden die Darsteller fast in ihrer Umgebung.

Karolina Bregula, die 2015 den Filmtrailer von filmpolska Festival erstellte, bietet neuartige Perspektiven auf menschliche Bedürfnisse: die Konstruktion eigener Monumente, in von Veränderung geprägten Zeiten

A Heart of Love: Die Kunst zu leben

“Ich will du sein”, dichtete Rainer Maria Rilke einst für Lou Andreas Salomé. Dieser Wunsch, völlig im Gegenüber aufzugehen, gleich zu sprechen, gleich zu gehen, sich so weit es nur geht dem Anderen anzunähern, ist ein verbreitetes Motiv der Liebe –die körperliche und geistige Verschmelzung als ultimative erotische Form.

Dem Anderen in der Beziehung immer ähnlicher zu werden, passiert manchmal ganz nebenbei oder bei langjährigen Paaren dann aus einem gewissen“Alterspragmatismus” (Huch, da haben wir uns doch tatsächlich die gleichen Regenjacken gekauft). Nicht aber bei dem Künstlerpaar Wojcieck und Zuzanna in A Heart of Love (Originaltitel: Serce Miłości)von Regisseurs Łukasz Ronduda. Es ist der zweite Film des polnischen Kunstkurators und lief, wie zuvor sein Debütfilm The Performer, auch im Programm der Berlinale.

Minimalistisch, monochrom, kantig. Wojcieck und Zuzannas Beziehung folgt einer strengen ästhetischen Form, die sich beide bewusst auferlegen. Dieser Formalismus trägt sie durch Krankheit und Konflikte. Zumindest eine ganze Weile, bis die Ausbrüche den ordentlich gesteckten Rahmen sprengen. Auch die Kamera in A Heart of Love folgt den ästhetischen Regeln seiner Figuren, mit klaren Farben, harten Kontrasten und Standbildern, die sich gleich ausdrucken und in die nächste Galerie hängen ließen.

Wojcieck ist Performancekünstler. Ausnahmslos alles in seinem Leben versteht er als Material, das über kurz oder lang Teil der Arbeiten wird. Von Zuzannas Träumen bis zum mondänen Einkauf im Möbelkaufhaus – jedes Detail findet Verwertung in seinen Installationen und Performances. Zuzanna fühlt sich benutzt und in ihrer eigenen Ausdrucksweise beschnitten (“Du sägst meiner Karriere damit die Beine ab”). Die sehr eigene Dynamik des Paars und ihr fortwährendes Oszillieren zwischen Kunst und Alltag ist faszinierend. Das Casting der zwei Hauptfiguren ist passgenau. In den Close-Ups von Zuzannas (Justyna Wasilewskas) Gesicht, kann man sich verlieren – so ausdrucksstark ihr Blick, so geschmeidig die Bewegungen ihres kahlen Kopfes auf der Leinwand.

Bis auf ein paar Szenen, in denen immer wieder ähnliche Eigenschaften der Figuren illustriert werden, hat der Film ein angenehmes Tempo, das die Zuschauer durch ein urbanes Setting trägt. Ob die beiden Figuren sich lieben, oder nur das eigene Ich im Anderen suchen, ob das Leben ein Kunstwerk ist, ob Kunst doch irgendwie Konsum bleibt und was es mit dem Fetisch für Ganzkörper-Katzenkostüme auf sich hat, muss wohl jeder Kinobesucher selbst beantworten.

Verworren im Walde

Forst (Krzysztof Majchrzak) könnte auch gut vor einem Berliner Underground-Technoclub stehen. Piercings, Irokesen-Schnitt, Schädeltattoo und roter Fächer. Der erfolgreiche Unternehmer mag es extravagant. Auf dem Spiegel seines Motorrads zieht er noch schnell eine Line, bevor er seinen Arbeitstag damit verbringt, Autorennen und Boxen auf zwei Bildschirmen gleichzeitig zu schauen.

Eines Tages reißt sich Forst seine Piercings raus, rasiert sich eine Glatze und geht in den Wald. Dort lebt er in einer kleinen Baracke und jagt Kaninchen und Biber. Doch hier scheint es ihm nicht besser zu gehen als in seinem alten Leben: Er ist verwahrlost und schrammt immer wieder knapp am Suizid vorbei.

Mit der Prostituierten Nata (Olga Bołądź), die an der Straße um die Ecke auf Freier wartet, beginnt er eine väterliche Freundschaft. Ihrer kindlichen Art lockt sie eine zarte und verletzliche Seite aus dem verbitterten Mann hervor. Als Nata von rivalisierenden Zuhältern erschossen wird, gräbt sich Forst kurzerhand in den Waldboden seiner Baracke ein.

Da steht auf einmal die 13-jährige Jadzia (Marysia Blandzi) vor seiner Behausung. Zusammen mit dem dreibeinigen Hund Kroko führen sie nun eine Art Familienleben im Wald. Aber immer wieder holen Forst die Geister seiner Vergangenheit ein und es braucht mehrere Anläufe bis er den wahren Wert seiner Beziehung zu Jadzia erkennt.

Forest, 4 am ist ein ungewöhnlicher Film über Familie und väterliche Liebe. Sein Hauptcharakter bringt durch sein merkwürdiges Verhalten eine bittere Komik in die dramatische Story. Doch die schauspielerische Leistung von Krzysztof Majchrzak kann den wenig nachvollziehbaren Plot leider nicht kompensieren.

Die Gründe für Forsts Ausstieg bleiben fast vollkommen im Dunkeln. Unklar ist auch, wie der schrille Unternehmer die nötigen Fähigkeiten erlernt hat, um völlig autark im Wald zu überleben. Es ist sehr unrealistisch, dass ein junges Mädchen ohne jegliches Zögern bei einem nicht gerade einladend aussehenden älteren Mann einzieht, der außerdem just aus einem Loch in der Erde gekrochen kommt. Nach dem Film bleiben viele Fragen offen. Diese regen jedoch nicht zum Nachdenken oder Fantasieren an, sondern erzeugen ein unbefriedigendes Gefühl. Mit wenig Dialogen und viel Verwirrung verschwendet der Regisseur Jan Jakub Kolski einen großartigen Schauspieler an eine vollkommen verworrene Geschichte.

 

Schreien, krampfen und kämpfen

Durch den Kinosaal hallen Schreie, Tonlage irgendwo zwischen einer Gebärenden und einem Tasmanischen Teufel. Doch nicht der Tasmanische Teufel, sondern Satan höchstpersönlich ist vermeintlich für all das verantwortlich und muss ausgetrieben werden. Dafür stehen gottseidank Profis zur Verfügung, die nach einem überarbeiteten Regelwerk von 1999 dem Bösen fachkundig den Garaus machen. In Polen gibt es derzeit rund 130 Exorzisten.

In der Dokumentation The Battle with Satan begleitet der Regisseur Konrad Szolajski drei polnische junge Frauen bei ihrem Kampf gegen das Böse in ihnen. Die Symptome der Besessenheit sind vielfältig. Basia etwa kann sich in ihrem Studium einfach nicht mehr konzentrieren. Da muss eindeutig der Teufel seine Finger im Spiel haben. Karolina hingegen plagen ihre homosexuellen Begierden, pikanterweise ist gerade eine Nonne Objekt ihrer Fantasien. Agnieszka glaubte früher nicht an Gott. Plötzlich entwickelte sie eine Angst vor ihrer Religionslehrerin und leidet nun, wie die beiden anderen jungen Frauen, an dämonischen Anfällen.

Wie absurd dies für einige Menschen auch klingen mag, der Leidensdruck ist groß. Mit ihren Exorzismusritualen verschaffen die Geistlichen Linderung, allerdings nur für wenige Tage. Dann kehrt das Böse zurück und muss von neuem ausgetrieben werden.

Die neuen Regeln verlangen, dass auch Psychologen zur Rate gezogen werden, um auszuschließen, dass es sich nicht doch um eine profane Krankheit handelt. Wissenschaft und Kirche haben sich gekreuzt, so ziehen nun Psychologen auch Priester hinzu und Priester bedienen sich der Psychologie. Im Prinzip gäbe es keinen Unterschied, erklärt ein Geistlicher, was in den Büchern stehe, sei gleich.

Nicht nur für Menschen, die an evidenzbasierte Medizin glauben, ist diese Vermischung schwer zu ertragen. Die Psychologin attestiert Besessenheit, doch selbst als Laie lässt sich vermuten, dass eine psychische Krankheit hinter dem Leiden der jungen Frauen steckt. Durch den Verlass auf den Exorzismus bleiben diese unbehandelt.

Eine Linderung verschafft dann möglicherweise die starke Ritualisierung ihres Alltagslebens. Es sind regelmäßige Abläufe und eine Lebensaufgabe, in diesem Fall der Kampf gegen den Teufel, die psychisch Kranken eine Art Stabilität geben können.  Das Weihwasser wird zur Allzweckwaffe, mit der auch mal der nicht funktionierende Fernseher bestrichen wird.

Die Besessenheit bietet sich als eine einfache Erklärung für Menschen an, deren Umfeld eine psychische Krankheit als eine größere Schande empfindet. Die jungen Frauen sprechen über ihre Anfälle, als gehörten diese nicht zu ihnen. Fast amüsieren sie sich wie viele Männer sie festhalten müssen, wenn „es“ sie mal wieder befällt. Die Annahme einer Besessenheit befreit die Familie von der unangenehmen Frage, ob das Leiden der Tochter nicht doch etwas mit der Kindheit zu tun haben könnte. Doch die jungen Frauen müssen weiter schreien, krampfen und kämpfen.

The Battle with Satan hält die Kamera immer noch drauf, wenn es schon richtig unangenehm ist. Ein wichtiger Film über verzweifelte junge Frauen, die in den religiösen Praktiken einer immer noch patriarchal geprägten katholischen Kirche Erlösung von ihren Qualen suchen.