Wenn die Famile zur Kunst wird

Das Kino ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das war zu erwarten, bei einem Film, der in den letzten Monaten international für Furore sorgte und bereits zig Preise gewann. Ich gehöre zu denen, die auf dem harten und unbequemen Boden Platz nehmen müssen. Gemütlich wird das nicht.

Zdzisław Beksiński ist vor allem durch seine teils verstörend surrealen Bilder bekannt. Darüber hinaus war er auch Photograph, Bildhauer, Grafiker und Designer. All dies spielt im international gefeierten Spielfilmdebüt The Last Family (Ostatnia rodzina) von Jan P. Matuszyński nur eine marginale Rolle. Stattdessen konzentriert sich der erst 33 Jahre alte Regisseur auf das alltägliche private Leben des Künstlers und seiner Familie.

Auf kleinstem Raum entfaltet sich die Geschichte, die, verteilt auf zwei Wohnungen, in einer Plattenbausiedlung in Warschau spielt und die letzten 28 Jahre des Malers portraitiert. Dass es sich bei dem Bewohner um den erfolgreichen Künstler Beksiński handelt, gerät in Anbetracht der Enge und wenig glamourösen Erscheinung der kleinen Wohnung, in der die Familie zwischen 1977 und 2005 lebt, leicht in Vergessenheit. Der Fokus liegt bei den zwischenmenschlichen Problemen und Herausforderungen, mit denen die Familie einander konfrontiert. Allen voran ist es Tomasz, der psychisch labile und suizidgefährdete Sohn Beksińskis, der immer wieder das Epizentrum der familiären Katastrophen darstellt. Zu Weihnachten bekommt der Künstler von seinem Sohn eine Videokamera geschenkt, die seitdem seintreuster Begleiter wird. Beksiński scheint von ihr besessen zu sein, ständig hat er sie in den Händen, unaufhörlich filmt er nicht nur sich (und das sehr gerne), sondern auch seine Umgebung. Wenn Tomasz wütend in die Küche stürmt und diese demoliert, läuft die Kamera. Bei der Beerdigung seiner Mutter läuft die Kamera. Als seine Frau Zofia tot in der Küche liegt, kann er sich nur von ihr verabschieden, indem er seine Kamera auf sie richtet und flüstert: „Leb wohl, meine Zofia.“ Das mag für den Zuschauer befremdlich und makaber wirken, aber Beksiński ist keinesfalls gefühlskalt. Als Zofia aufgrund ihrer unheilbaren Krankheit nur noch wenige Monate zu leben hat und Tomasz abermals fluchend und um sich schlagend in die Wohnung stürzt, wird er von seinem Vater unverzüglich herausgeworfen; eine von wenigen autoritären Handlungen, die der Künstler seinem Sohn jemals zu teil werden ließ. Es ist beeindruckend mit welchem Feingefühl der Regisseur seine Geschichte erzählt. Matuszyński gelingt eine ausgewogene Gratwanderung zwischen Komik und Tragik. Das intelligente Drehbuch von Robert Bolesto (der auch das Drehbuch für Sirenengesang schrieb, der letztes Jahr im Programm des filmPOLSKA Festivals lief) mit seinen vielen bissigen Dialogen ist großartig. Die ausgewogene Bildkomposition des Kameramannes Kacper Fertacz ist unaufdringlich, beobachtend und lässt den fantastischen Darstellern Möglichkeiten zur Entfaltung. Und diese werden genutzt: Andrzej Seweryn (der u.a. auch in Spielbergs Schindlers Liste zu sehen war) spielt Zdzisław Beksiń ski mit einer Überzeugung und Intensität, die nur noch von Dawid Ogrodnik (Ida) getoppt wird. Ogrodniks Darstellung des Tomasz ist dermaßen mitreißend, liebevoll, voller Energie und Liebe zum Detail, dass es unmöglich ist, seinen Blick abzuwenden. Eine Offenbarung.

Als zum Abspann der wunderschön melancholische „Song to the Siren“ von This Mortal Coil erklingt, weiß ich, dass ich gerade etwas Besonderes gesehen habe. Der harte und unbequeme Boden ist vergessen, weich wie eine Wolke kommt er mir jetzt vor. Ich will gar nicht mehr aufstehen.

Dieser Papagei ist nicht mehr. Er hat aufgehört zu existieren.

„Ist hier irgendwo noch ein Sitzplatz frei?“ Nein, der Film ist ausverkauft. Mehr als das: Die Zuschauer drängen sich in den Saal um ein Fleckchen Sitzfläche auf den Treppen zu erwischen. Dass der Film als Highlight des Festivals gilt, hat sich wohl rumgesprochen. Hoffentlich sind die Erwartungen nicht zu hoch – das soll gute Filme ja schon kaputt gemacht haben.

The Last Family erzählt die außergewöhnliche Geschichte der Familie Beksiński. Der Vater ein berühmter Maler surrealistischer Bilder, der Sohn bekannter Filmübersetzer (u.a. Monthy-Python- oder James-Bond-Filme) und Kultradiomoderator. Dazwischen: Die Mutter. Im Zimmer nebenan: Zwei sterbende Großmütter.

Der Film beginnt 1977, nach dem Umzug der Familie von Sanok in einen WarschauerPlattenbau. Der neurotische, lebensmüde Sohn wohnt eine Platte weiter, man ist schnell bei ihm. Das rettet ihm so einige Male das Leben.

„Alle sind da. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist“, fasst die Großmutter den Kerninhalt des Films treffend zusammen. Man lernt die Beksińskis kennen und begleitet sie bis zum Tod des letzten Familienmitglieds. Man verfolgt ihr Leben und Sterben aus zwei Perspektiven: Der des Regisseurs und der von Zdzisław Beksińskis selbst. Seit der Geburt seines Sohnes filmte er Ereignisse in seiner Umgebung. Die Reinszenierung des Archivmaterials in Verbindung mit den nachgestellten Aufnahmen der Handkamera Beksińskis gelingt dank der herausragenden Leistung der Schauspieler.

Mit schwarzem Humor verfolgt das Spielfilmdebüt Jan P. Matuszyńskis das tragische Schicksal der Familie und erreicht damit seine Idealvorstellung eines guten Films: „Es muss diese Spannung haben. Es muss sonnige Augenblicke und tragische Momente haben“, erklärt er in einem Interview.

Als die Lichter im Saal angehen scheint es, als hätte er damit auch die Erwartungen der Kinobesucher erfüllt. Einige verlassen mit ergriffenem Blick den Vorstellungsraum. Ob das nun an zwei Stunden auf dem Boden sitzen oder dem emotionalen Ende des Films liegt, ist schwer zu erkennen. Der Kinoabend hinterlässt ein Stechen im Rücken, das man für diesen außergewöhnlichen Film gerne in Kauf nimmt

Kunst-t-raum im Plattenbauflair

In seinem Film The Last Family porträtiert Jan P. Matuszynski die Familiengeschichte des berühmten polnisches Malers und Grafikdesigners Beksinski. Dieser wurde durch seine sadomasochistischen Bondage-Motive in Öl international berühmt. Die Geschichte der Familie ist vielen Menschen in Osteuropa bekannt. Nicht nur, dass sich der Sohn, ein Kult-Radiomoderator und DJ, das Leben nahm, auch das des Vaters endet durch eine Gewalttat.

Der junge Regisseur Matuszynski (geb. 1984) ist nach einigen Dokumentarfilmarbeiten für sein Spielfilm Debüt Ostania Rrodzina international ausgezeichnet worden.

Hier erwartet uns nun ein Film, der mit sehr viel dokumentarischem Material die Familien-Geschichte erzählt. Für die Verfilmung erhielt der Regisseur Zugang zu dem reichhaltig vorhandenem Filmmaterial, denn Beksinski war nicht nur Maler sondern auch Fotograf und Videokünstler. Als Zuschauer begleitet man die Familie von 1977 bis 2005.

Die Szenen spielen im häuslichen Umfeld der Plattenbausiedlung und in erster Linie in den kleinen Räumen. Fahrstühle bewegen sich grundsätzlich nach oben, Regen- und Schnee unterstreichen das trostlose Bild. Die Wohnung ist wunderbar der Zeit nachgestellt.

Matuszynski bedient sich zudem der Kammeraführung von Beksinski. Diese verfolgt schonungslos jede emotionale Regung der Familie, so extrem, dass es in seiner Konsequenz Komik entwickelt. Bei einer seiner Videopatrouillen kontrolliert Beksinski, ob eine seiner Großmütter noch atmet. Als Zuschauer stellt man auch fest: sie ist tot.

Die Dichte des Filmes erzielt  er durch die schnellen Bewegungen innerhalb der Wohnräume und es entsteht dabei das Gefühl, fast schon zur Seite treten zu müssen, wenn wieder durch den Flur gerannt wird. Die Nähe zu den Menschen wird durchgehend gehalten.

 

Die Szenen einer Familie

Von den Versuchen mit therapeutischen Maßnahmen Psychosen beizukommen, Sommerausflügen, Begräbnissen, bis zum Weihnachtsfest. Diese, mit regelmäßigen Seitenhieben auf die katholische Kirche gespickt, sorgen für den speziellen Humor, der sicher die Probleme in manch polnischer Familie widerspiegelt. Die Hausfrau, die funktioniert, gläubig ist, die Geliebten des Sohnes, mit denen er, auf der Suche nach sexuellem Glück, leider empfindliche Störungen überwinden muss, die Großmütter, die die Bedrohung der Gestapo in verwirrten zuständen wieder erleben, der Vater, der zwischen all dem sein Atelier und eine Spinnenphobie hat.

Wir wachsen mit dieser Familie, mit dem Erfolg des Vaters und des Sohnes und einer Mutter die zunehmend mehr Tabletten nimmt.

Mit viel Situationskomik ist hier ein Stück Zeitgeschichte porträtiert, die Ära der Jahrtausendwende im Plattenbau miterlebbar gemacht.

Die Werke Beksinski werden in Ihrer Düsternis passend szenisch eingearbeitet. Das blutrote Eingangsbild im kleinen Flur, welches als erstes seiner Werke im Film zu sehen ist, wird den Bogen am Ende schließen.

Trotzt aller Schicksalsschläge ein warmer Film über eine extrem besondere und doch so menschlich schlichte, nahe Familie.

von Heike Brunner

Die strahlende Königin des Radiums

„Können Pferde den Nobelpreis bekommen?“„Nein, nur Männer. Und deine Mutter“, erklärt Pierre Curie (Charles Berling) seiner kleinen Tochter Irène an einem Morgen im Jahr 1903. Seine Ehefrau Marie Curie (Karolina Gruszka) hat gerade als erste Frau den Nobelpreis erhalten. Auch nach diesem Erfolg arbeitet das Paar unermüdlich an der Erforschung des Elements Radium, das große Erfolge in der Krebstherapie verspricht.

Als Pierre von einem Fuhrwerk überrollt und getötet wird, stürzt sich Marie Curie noch tiefer in ihre Arbeit. Nur so fühlt sie sich ihrem verstorbenen Mann nah. Ohne seine Unterstützung ist sie dem frauenfeindlichen Milieu der pariser Akademiker nun allein ausgeliefert. Obwohl sie wohl die beste Kandidatin für seinen nun vakanten Lehrstuhl an der Sorbonne ist, muss sich die junge Wissenschaftlerin diesen hart erkämpfen. Diese Diskriminierung und die harte Arbeit hinterlassen ihre Spuren innerlich und äußerlich, wie die ständig entzündeten Fingerspitzen vom Kontakt mit dem radioaktiven Material.

Erst der ehemalige Schüler ihres Mannes, Paul Langevin, bringt ein wenig Leichtigkeit in ihr Leben zurück. Aus einem Flirt im Labor entwickelt sich eine Affäre zwischen dem verheirateten Langevin und der „strahlenden Königin des Radiums“, ein Skandal.

Schnell erfährt nicht nur die Ehefrau, sondern auch die Öffentlichkeit von dieser Beziehung. Die Boulevard-Presse sieht die Gelegenheit die ihr sowieso suspekte, zu intellektuelle Frau zu diffamieren. Sie wird als Hure, Ausländerin und Jüdin beschimpft. Ihr Streben als erste Frau in die Académie des sciences aufgenommen zu werden scheitert. Der schwedische Botschafter bittet sie, auf ihren nun zweiten Nobelpreis zu verzichten. Doch Marie Curie fährt nach Stockholm und empfängt in Begleitung ihrer Tochter Irène den Preis.

Unterlegt von klassischer, oft fast spieluhrgleicher Musik erzählt die französische Regisseurin Marie Noëlle die Geschichte der in Warschau geborenen Maria Salomea Skłodowska. Von Sonnenlicht, zumeist durchs Fenster, beschienen, scheinen die Schauspieler wie aus einem Gemälde von Jan Vermeer. In dieser glühenden Lichtstimmung zeigt der Film eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin, und auch Liebhaberin.

Hier offenbart sich seine Schwäche: Obwohl er versucht, die sexistische Diskriminierung der Protagonistin aufzuzeigen, verwendet er doch viel zu viel Zeit darauf, das Beziehungsleben Marie Curies zu inszenieren. Ihre Genialität und ihr Kampf, sich im akademischen Milieu gegen die sexistische Wissenschaftselite durchzusetzen, werden auf Kosten der Romantik an den Rand gedrängt.

Der Zuschauer muss genau hinsehen, um den feministischen Kern des Films zu entdecken. Besonders am Schluss wird klar, Marie Curie kämpft gegen den Sexismus in der Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen, sie will bessere Voraussetzungen für ihre Töchter, die sie leidenschaftlich fördert.

Auch heute sind Frauen vor allem in den Naturwissenschaften Diskriminierung ausgesetzt. Die Botschaft lautet daher an etablierte Wissenschaftlerinnen, Frauen in ihren Fachbereichen zu fördern. Marie Curie behandelt damit ein noch immer aktuelles Thema und inspiriert, sich mit einer Vorreiterin für Frauen in der Wissenschaft zu beschäftigen.