Keine Fragezeichen grade biegen

„Es ist eben nicht gleichgültig, ob eine Person lebt oder tot ist, wenn man über sie einen Film dreht“, sagt Elwira Niewiera auf der Eröffnung der 13. Ausgabe des 7- tägigen polnischen Filmfestivals filmPOLSKA am Mittwochabend im Babylon Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie wird ihren Film Der Prinz und der Dybbuk zeigen, den sie zusammen mit Co-Regisseur Piotr Rosołowski gedreht hat: Ein Biopic der suchenden Art, nach Wahrheiten und Antworten. Eine fragmentarische Auseinandersetzung mit dem Leben eines Menschen, der nicht in die Vergangenheit zurückkehren wollte, weil er es nicht konnte. Die Deutschlandpremiere des Filmes setzt an diesem ersten Festivalabend ein Zeichen gegen das Vergessen. Der Prinz und der Dybbuk hilft dabei auch zum Verständnis über eine komplizierte Identität beizutragen, über die Protagonist Michał Waszyński Zeit seines Lebens selbst nie sprechen konnte.

Der Festivalabend wird neben der Ehrung des Filmproduzenten und Shoa-Überlebenden Artur Brauner begleitet von der Aktion „Kippa tragen“ gegen die gegenwärtige antisemitische Gewalt auf der Welt, vor allem aber in Berlin und dem Rest Deutschlands. Neben den Zuschauenden tragen sowohl Festivalkurator Kornel Miglus, als auch Elwira Niewiera an dem Abend die Kippa. Es ist die Gleichzeitigkeit von Festivalauftakt und Aktion, von einem filmischen Porträt und dem solidarisch gesetzten Zeichen gegen Antisemitismus und Ignoranz, die diesen Filmabend zu einem wichtigen kulturellen Ereignis während des Festivals macht.

Michał Waszyński war Filmemacher und Produzent und machte sich mit Filmen wie Der Unbekannte von San Marino (1947) einen Namen. Als „polnischer Prinz“ war er international bekannt, und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien und Spanien realen historischen Geschichten und Heldenlegenden. Seine private Vergangenheit vor dem Zweiten Weltkrieg verschwieg er oder verdrehte Fakten, als Regisseur drehte er in Polen mehr als ein Dutzend Filme. Der Prinz und der Dybbuk des Regieduos Niewiera und Rosołowski will genau davon erzählen. Hart sind die Schnitte zwischen Filmsequenzen aus Michał Waszyńskis eigenen Filmen zu Archivmaterial und neu gedrehten Szenen über den Filmemacher, rasch die Überleitung von Waszyńskis Nachkriegsgegenwart zu seiner vergessenen Vergangenheit.

Der Prinz und der Dybbuk ist auch eine Hommage an Michał Waszyńskis beinahe vergessenen Film Der Dybbuk (1937), eine Liebestragödie in jiddischer Sprache und gleichzeitig die Geschichte einer Legende. Nach Ausbruch des Krieges konvertierte Waszyński zum Katholizismus und schloss sich der Armee der polnischen Exilregierung an. Seine Familie überlebte den Krieg nicht, und eine Erinnerung an sie wurde kaum festgehalten. Nur ein Foto, das Waszyński mit seiner mutmaßlichen Mutter Cilia Waks zeigt, wird während der filmisch dokumentierten Recherche durchgereicht. Es landet unter Lupen, wird den auf der Parkbank sitzenden Babushki in der heutigen Ukraine gezeigt und findet schließlich auch seinen Weg unter einen Vergrößerungsbildschirm eines Zeitzeugen und Bekannten aus seiner damaligen polnischen Heimat Kowel.

„Sprytna życiowa“ wird mit Waszyński assoziiert – „Lebensweisheit“. Und doch transportiert die deutsche Übersetzung lang nicht den Klang des polnischen Wortes, dessen Artikulation durch die vielen Konsonanten nicht nur eine gewisse Schnelligkeit transportiert, sondern auch etwas Raffiniertes, manchmal auch Undurchschaubares.

Undurchschaubar ist auch die Figur des Dybbuks, die Erscheinung einer geliebten Person der Protagonistin. Während die Imagination des Mannes sich langsam auflöst, erklingen im Hintergrund Worte aus Waszyńskis Tagebuch. Die hier auf jiddisch artikulierten Zeilen enden oft mit Fragezeichen und geben Einblick in sein Denken und Fühlen zu dieser Zeit.

Was Niewiera und Rosołowski in Der Prinz und der Dybbuk filmisch schaffen, ist eine Verbindung von Einzelteilen zu einem großen Kunstwerk. Sie schaffen einen nicht aufhörenden Versuch, einige der biografischen Fragezeichen Waszyńskis grade zu biegen. Nicht alle Fragezeichen lassen sich jedoch zu Ausrufezeichen formen, was am Ende des Filmes deutlich wird. Manche bleiben, und das ist auch gut so. Sonst wären wir doch bei einer abgeschlossenen Gleichgültigkeit angekommen, wenn es letztlich keine Fragen mehr gibt und wir alles von einem Menschen zu wissen glauben.

von Paula Sawatzki

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Moshe, Michał, Mike, Mischa

Wer war Michał Waszyński? Dieser Frage geht der Dokumentarfilm von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski nach. Collagenhaft fügen sie Szenen aus Waszyńskis Filmen und Gespräche mit Zeitzeugen aus Polen, der Ukraine, Israel, Italien und Spanien zusammen, die durch Tagebucheinträge des polnischen Regisseurs ergänzt werden. Nach und nach kommen neue Puzzleteile hinzu und eröffnen damit immer neue Blicke auf einen Menschen, der verschiedene Leben in mehreren Ländern und mit unterschiedlichen Identitäten führte.

1904 wurde Michał Waszyński als Moshe Waks im polnischen Kowel, das heute in der Ukraine liegt, als Sohn eines jüdischen Schmieds geboren. In Warschau änderte Waks seinen Namen in Michał Waszyński und konvertierte zum Katholizismus. Dort arbeitete er als Schauspieler und Regieassistent und drehte 1929 seinen ersten Film. 1937 drehte er Der Dybbuk, einen bedeutenden jiddischen Film über eine alte jüdische Legende: Eine Frau wird vom Geist einer unerwiderten Liebe heimgesucht. Sequenzen dieses Films werden immer wieder in den Film Der Prinz und der Dybbuk montiert. Zusammen mit Waszyńskis Tagebucheinträgen, die eine Stimme aus dem Off spricht, ermöglichen sie einen Einblick in das Seelenleben eines unglücklichen Mannes mit vielen Gesichtern. Immer wieder holte Michał Waszyński seine jüdische Vergangenheit in seinen Träumen ein.

Stück für Stück kommt Moshe, Michał, Mike oder Mischa dem Publikum näher und bleibt doch immer rätselhaft. Zeitzeugen erinnern sich – oft mit einem Augenzwinkern – daran, dass Waszyński sich als polnischer Prinz ausgab, eine reiche, alte italienische Gräfin heiratete und homosexuell war, dies aber nur im Verborgenen auslebte. Waszyńskis Chauffeur erzählt, der Regisseur habe in einer Traumwelt gelebt, und ein Graphologe meint, anhand von Waszyńskis Handschrift erkennen zu können, dass er Mythomane gewesen sei – jemand, dem es schwerfällt, Realität und Imagination auseinanderzuhalten. Waszyński, der in Spanien und Italien als Regisseur und Produzent von mehr als 40 Filmen arbeitete, starb 1965 in Italien an den Folgen eines Herzinfarktes.

„Es tut gut, nicht zu wissen, wer ich bin“, sagte Waszyński einmal. Der Satz könnte als Motto für diesen Film stehen, der nur eine Annäherung an einen Mann sein kann, der seine Spuren verwischen wollte. Letztendlich bleibt Michal Waszyński nicht nur im Leben, sondern auch im Film ein Geheimnis, das sich nicht ergründen lässt.

von Stefanie Borowsky

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Das Leben – eine Maskerade

„Ich beginne, an Träume zu glauben. Ich ziehe einsam durch die Straßen. Schaue ich die anderen an, kehrst du zurück. Überall unvollendete Umarmungen, ersehnte Blicke. Ich fühle mich wie hin- und hergerissen. Lass mich in Ruhe.“ So ein Tagebucheintrag Michał Waszyńskis aus den 1960er Jahren. Doch wer war dieser Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Wolhynien geboren wurde und 1965 als polnischer „Prinz“ in Italien starb?

Der neue Dokumentarfilm Der Prinz und der Dybbuk von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski geht dieser Frage auf den Grund – feinfühlig, kunstvoll, collagenhaft. Nach und nach wird ein Porträt Waszyńskis entworfen, dessen Spuren in die Ukraine, nach Polen, Israel, Italien, Spanien und in die USA führen. Geboren als Mosche Waks, konvertierte Waszyński zum Katholizismus, als er Ende der 1920er nach Warschau ging. Die 1930er Jahre sollten seine produktivsten Jahre werden, zahlreiche Filme entstehen unter seiner Regie. So auch Der Dybbuk, der jiddische Mythos eines Geistes, der seine erste Liebe heimsucht. Wie bei Waszyński selbst. Er kann sich seiner Vergangenheit nicht entziehen, auch wenn er sich in Italien, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg lebt und arbeitet, als polnischer Prinz ausgibt. Immer wieder vermischen sich Szenen aus dem Film mit dem dokumentarischen Material, auf Jiddisch gelesenen Passagen aus Wasyńskis Tagebucheinträgen und kunstvollen Licht- und Farbspielen.

Am Ende weiß man trotzdem nicht genau, wer Michał Waszyński war. Man erhält lediglich einen Eindruck über das Leben dieses Mannes, bekommt eine Idee von dem, was ihn auszeichnete und darüber, wer er gewesen sein könnte. Waszyńskis Maskenspiel war erfolgreich. Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski haben in Der Prinz und der Dybbuk versucht hinter diese Masken zu schauen und das Wesen ihres Protagonisten zu ergründen. Auch wenn hier kein geschlossenes Bild entstanden ist, stellt der Film dennoch einen wichtigen filmischen Beitrag über einen einzigartigen Menschen dar.

von Elisabeth Müller

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Den Steppenwolf freilassen

Das dokumentarische Drama über eine mongolische Famile ist beruhigend schön.

Die Mongolei hat eine Bevölkerungsdichte von 21 Menschen pro Quadratkilometer und ist damit eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt. Saal 2 im Wolf Kino hat an diesem Abend eine Sitzplatzdichte von 1 Mensch pro 40 Sitzen und ist damit einer der einsamsten Orte Neuköllns, der einstimmt auf ein zentrales Motiv des Films: das Alleinsein. Also erstmal in den Sessel gefläzt und die Käsemauken auf den Vordersitz gelegt. Riecht ja keiner.

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Es läuft Zud, ein Drama der polnischen Regisseurin Marta Minorowicz, das in der mongolischen Steppe spielt und mit Laienschauspielern gedreht wurde. Zud fühlt sich an wie ein Dokumentarfilm – ein Genre, das mitunter die besten Dramen erzählt. Und tatsächlich flechtet Minorowicz immer wieder ungestellte Originalaufnahmen in ihre ansonsten fiktionale  Geschichte ein. Die Naturgewalten lassen sich nicht inszenieren. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie sind hier fließend und der Realismus des Films wirkt magisch.

Mit respektvollem Abstand beobachten wir, wie Sukhbat, der Sohn der Familie, ein Pferderennen gewinnen soll -gewinnen muss – um die Familie finanziell zu retten. Es folgt eine Geschichte von Vater und Sohn, von Leistungsdruck und von der Zähmung der Widerspenstigen. Eine scheinbar uralte Geschichte, die so aber noch nie erzählt wurde, und die sich hier mit großer Langsamkeit entfaltet.

Achtsames Kino

Meine Auge ruhen sich aus und bestaunen die erdige Farbgebung, die Handkamera, die körnigen Bilder in Analogoptik. Meine Ohren hören sinnlich knisternden Schnee, ein knackendes Lagerfeuer, Wasser, das rinnt, und einmal, in einer der stärksten Szenen, den singenden Jungen, der das Pferd antreibt oder sich selbst. Mein Geist gibt sich dem gemächlichen Fluss der Geschichte hin, verweilt in langen Einstellungen. Endlich die Ruhe, die schmerzlich vermisste Ruhe. Eben auf dem Weg zum Wolf noch einen Verkehrsunfall miterlebt. Achtsames Kino im Anschluss eine Wohltat. Das ist hier aber nicht automatisch mit Schönem gleichzusetzen, denn es fließt Blut in diesem Film und eine der eindrücklichsten Szenen ist wohl die, in der eine Schlange eine Maus erwürgt und frisst. Der Lauf der Natur, in dem die Unterschiede zwischen Mensch und Tier nur noch marginal sind, ist eine der kraftvollsten Instanzen, die den Film trägt.

Es lohnt sich, ab und zu in einem Programmkino einen Film von 2016 anzusehen. Zum Runterkommen, zum Meditieren, zur Erinnerung, dass es noch ganz andere Welten gibt. Reizüberflutete in Berlin? Ab in die Einsamkeit der mongolischen Steppe!

von Sabrina Pohlmann

Zud: PL 2016, 85 Min., R: Marta Minorowicz

Kinder sind die besseren Erwachsenen –Der Dokumentarfilm Komunia bricht Zuschauern das Herz

Ein modernes Aschenputtel. Nur der Prinz ist nicht in Sicht. Eigentlich gibt es auch keine böse Stiefmutter, nur eine überforderte und abwesende leibliche Mutter. Das Aschenputtel im polnischen Film Komunia (dt. Kommunion) heißt Ola Kaczanowska. Ola fegt die verdreckte Wohnung, heizt den Ofen an und schreibt Briefe für ihren Vater ans Sozialamt. Der kauft zwar ab und zu ein billiges Geschenk für sein Töchterchen, doch meist sitzt er in der engen Sozialwohnung und trinkt. Und sonst? Kriegt auch er nicht viel auf die Kette. Höchstens Zigaretten. Statt mit bösen Stiefschwestern teilt Ola ihren Alltag mit ihrem autistischen Bruder Nikodem. Der will alles, nur kein Mensch sein. Viel lieber wäre er ein Tier. Ein Löwe oder ein Bär. Aber das geht nur im Märchen und dieser Film ist kein Märchen. Denn in Märchen gibt es Wünsche, Träume, Hoffnungen und in Komunia gibt es nichts als die triste Realität und mittendrin zwei Kinder, die so haltlos und so verloren und dabei so unendlich stark sind. Olas Kindheit wurde vom Stundenplan gestrichen, als die Mutter die Familie verließ. Jetzt muss Ola die Mama spielen, mit all den Aufgaben und Verpflichtungen und Überforderungen, die ihr kranker Bruder Nikodem ihr unbewusst auferlegt. Ola liebt ihre Mutter trotzdem noch aus der Ferne. Am Telefon versucht das Mädchen, sie immer wieder zu überzeugen, ihre alte Familie zu besuchen. Auf die Absagen reagiert Ola mit erwachsenen Worten “Du warst immer zuhause und Vater hat gearbeitet. Jetzt musst du auch mal an dich denken und an dein Baby.” Doch wer denkt eigentlich an Ola und Nikodem? Die Kamera begleitet die zwei aufmerksam in der Einöde einer polnischen Kleinstadt und fängt so intime und geladene Momente ein, dass die Nähe beim Zusehen fast unerträglich wird. Komunia zeigt aber nicht nur ein besonderes Familienschicksal und eine besondere Alltagsheldin. Das Erstlingswerk der Regisseurin Anna Zamecka hält gleichzeitig den Finger auf das kaputtes System eines Landes, in dem Institutionen wie Kirche oder Jugendamt nicht mehr als leere Hüllen sind. Sie sind die Fassaden eines Polens, das janusköpfig auf der einen Seite den Wert der Familie hochhält und auf der anderen Seite seine verlorenen und ungewollten Kinder nicht aufzufangen weiß. Zurecht wurde Komunia auf Filmfestivals wie Locarno ausgezeichnet und zurecht wird dieser feine, leise und hoch emotionale Film nun im Rahmen des filmPolska Filmfestes auch in Berliner Kinos gezeigt.

Rezension: „Something Better to Come“

Man kann Moskaus Einwohner auf viele Arten beschreiben: von Luxus bis Armut ist die gesamte gesellschaftliche Bandbreite vertreten. Doch Armut scheint keine adequate Beschreibung mehr für die Umstände die Hanna Polak in ihrem Dokumentar-Epos “Something Better to Come” beleuchtet: die größte Mülldeponie Europas und mittendrin Yula und ihre Familie. Wo sich sonst keiner hintraut, hat Polak – teils unter lebensbedrohlichen Umständen – mehr als ein Jahrzehnt gefilmt. Zwischen den stinkenden Abfällen sieht der Zuschauer wie Yula vom Kind zur jungen Erwachsenen aufwächst; ihr Zuhause eine feuchtkalte, dürftig zusammengebastelte Bretterhütte, die mal am einen Ende der Müllberge steht, mal am anderen.

Es wäre einfach gewesen, die Bewohner der Mülldeponie lediglich als Opfer darzustellen. Stattdessen liefert Hanna Polak einen Film über das Erwachsenwerden eines Mädchens unter unzumutbaren Umständen. Wir sehen wie sie aufwächst, sich die Haare färbt, eine Beziehung eingeht… kurz gesagt die gleichen Meilensteine erlebt wie viele andere Teenager. Oft wird gezeigt, wie unzufrieden Yula mit ihrer Lage ist. Doch man sieht auch wie sie lacht, spielt, und ihren Platz in der engen Gemeinschaft der Menschen, die ihr Schicksal teilen, sucht. Polak selbst ist dabei eher unaufdringlicher Beobachter als Teil des Geschehens. Ab und an sprechen Yula und ihre Familie sie dann aber doch direkt an und das Vertrauensverhältnis zwischen Regisseurin und Gefilmten wird deutlich.

Durch den Einblick in Yulas Alltag wirken einschneidende Erlebnisse umso erschütternder. Yulas Mutter kommt nach Hause und erzählt, dass sie vergewaltigt wurde, Müllmänner diskutieren gelassen über die Toten, die sie inmitten der Abfälle finden, Yulas Großvater beschimpft sie und weigert sich, die Familie bei ihm einziehen zu lassen. Das Ganze immer wieder untermalt von Putins Radioansprachen. Während Putin frohe Weihnachten wünscht und über die Wichtigkeit eines Zuhauses spricht, lauscht Yulas Familie auf der Müllhalde. Die grauen, uniformen Plattenbauten in der Ferne wirken einladend.

Die typische Erfolgsgeschichte bleibt am Ende nicht ganz aus – als eine von wenigen schafft Yula es aus den Müllbergen in eine eigene Wohnung zu ziehen – doch ob es wirklich ein Happy End für sie und ihre Familie gibt, bleibt offen. “Something Better to Come” ist ein einfühlendes Porträt von Menschen, die unter schwersten Bedingungen ihre Menschenwürde bewahren, geprägt von ruhigen Momenten und unverfälschten Bildern.

Weitere Vorführungen:

Samstag, 24. April um 20:00 Uhr im Club der polnischen Versager

 

 

„Magic Mountain“: Der Ritter der Ideale

Polen, Frankreich, Afghanistan. Eine ungewöhnliche Kombination, diese Länder. Doch sie spielen alle eine große Rolle im Leben von Adam Jacek Winkler. Über sein Leben und seine Abenteuer erzählt der Film „Magic Mountain“ von der rumänischen Regisseurin Anca Damian. In Zusammenarbeit mit den Produzenten Włodzimierz Matuszewski aus Polen und Guillaume De Seille aus Frankreich, erzählt sie die Geschichte des Künstlers, Bergsteigers, Journalisten und Oppositionellen Adam Jacek Winkler.

So facettenreich wie das Leben Winklers ist auch der Film gestaltet. Verschiedenste Techniken werden eingesetzt, um die unterschiedlichen Lebensstationen des Protagonisten zu veranschaulichen. Heraus kommt eine berührende Animadok. Anca Damian kombiniert in dem für sie typischen Stil die originalen Fotos, Zeichnungen, Texte und Filmsequenzen Winklers mit verschiedensten Animationstechniken wie Collagen, Wasserfarben, Kohlezeichnungen, animierten Fotografien oder Mosaike.

Wir Zuschauer haben Teil an der Geschichte, die der Vater seiner Tochter Ania erzählt. Seine Geschichte – eine Geschichte voller Lebensfreude und Optimismus, aber auch von Zerrissenheit und Fremdheit. Von der Flucht aus Polen Ende der 60er Jahre, um den Fängen der Roten Armee zu entkommen. Ein Pappmännchen im Zug, koloriert in tristen Wasserfarben, in der Gewissheit, die Heimat nie wieder zu sehen. Angekommen in einem Paris, das außer trostlosen Bildern wenig für ihn bereit hält. Doch seine Bemühungen gegen den kommunistischen Terror treiben ihn an. Als die sowjetische Armee 1979 in Afghanistan einmarschiert, solidarisiert er sich mit dem Volk. Auf dem Mont Blanc hisst er eine Fahne, auf der er Solidarität für die Menschen in Afghanistan fordert.

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Später beschließt er, sich der Armee in Afghanistan im Kampf gegen die Sowjets anzuschließen. In bunten Farben und mit dem Einfluss von afghanischen Mustern und Symbolen wird sein schwieriger Weg nach Kabul und schließlich bis in die afghanische Armee illustriert. Doch er findet Akzeptanz und kämpft in den afghanischen Bergen an der Seite von Ahmad Schah Massoud. Fotos, Filmfragmente, Wachszeichnungen, Wasserfarben – sie alle verschmelzen zu einem berührenden Bericht über die anstrengende, entbehrungsreiche und angsterfüllte Zeit im Gebirge. Aber sie zeigen auch eine andere Seite – die Magie der Berge. Hier fand Winkler Anerkennung, war kein Fremder und Außenseiter mehr – er wurde zum Bruder. Trotz der unmenschlichen Umstände wollte er nicht weg, betont der Erzähler, „I just wanted to be with them“. Es gab seinem Leben Sinn, endlich konnte er das sein, was er sich schon so lange wünschte: ein Ritter mit einem Pferd. Im erbitterten Kampf gegen die rote Armee war er bereit sein Leben zu geben. Nur eines wollte Winkler nicht: umsonst sterben! Hier sieht man kurz die Szene aus Andrzej Wajdas „Asche und Diamant“ , in der sich der tragische Held Macjek verblutend an weißen Laken festklammert.

Adam Winkler überlebt – doch die Jahre des Krieges haben ihn gezeichnet. Wir Zuschauer sehen ihn als abgekämpftes schwarzes Männchen; die Tristesse und Einsamkeit ist greifbar. Seine Lebensgeister kehren mit der Erinnerung an das Versprechen, das er seiner Tochter Ania machte, zurück: Ich komme wieder und bringe dir ein Pferd mit! Ein Pferd, leuchtend aus tausenden Sternen läuft über den Himmel und verwandelt sich in Phoenix aus der Asche. Er kehrt zurück.

Ein einfühlsamer und berührender Film über einen der auszog im Kampf gegen die Rote Armee. Wunderschöne und eindrucksvolle Bilder schaffen es ohne viel Worte von den Abenteuern, Freuden und Ängsten eines unglaublich mannigfaltigen Menschen zu erzählen, der seinen Idealen folgte.

Weitere Vorführungen:

Freitag, 22. April um 20.30 Uhr im Babylon
Sonntag, 24.April um 20:00 Uhr im FSK