A Heart of Love: Die Kunst zu leben

“Ich will du sein”, dichtete Rainer Maria Rilke einst für Lou Andreas Salomé. Dieser Wunsch, völlig im Gegenüber aufzugehen, gleich zu sprechen, gleich zu gehen, sich so weit es nur geht dem Anderen anzunähern, ist ein verbreitetes Motiv der Liebe –die körperliche und geistige Verschmelzung als ultimative erotische Form.

Dem Anderen in der Beziehung immer ähnlicher zu werden, passiert manchmal ganz nebenbei oder bei langjährigen Paaren dann aus einem gewissen“Alterspragmatismus” (Huch, da haben wir uns doch tatsächlich die gleichen Regenjacken gekauft). Nicht aber bei dem Künstlerpaar Wojcieck und Zuzanna in A Heart of Love (Originaltitel: Serce Miłości)von Regisseurs Łukasz Ronduda. Es ist der zweite Film des polnischen Kunstkurators und lief, wie zuvor sein Debütfilm The Performer, auch im Programm der Berlinale.

Minimalistisch, monochrom, kantig. Wojcieck und Zuzannas Beziehung folgt einer strengen ästhetischen Form, die sich beide bewusst auferlegen. Dieser Formalismus trägt sie durch Krankheit und Konflikte. Zumindest eine ganze Weile, bis die Ausbrüche den ordentlich gesteckten Rahmen sprengen. Auch die Kamera in A Heart of Love folgt den ästhetischen Regeln seiner Figuren, mit klaren Farben, harten Kontrasten und Standbildern, die sich gleich ausdrucken und in die nächste Galerie hängen ließen.

Wojcieck ist Performancekünstler. Ausnahmslos alles in seinem Leben versteht er als Material, das über kurz oder lang Teil der Arbeiten wird. Von Zuzannas Träumen bis zum mondänen Einkauf im Möbelkaufhaus – jedes Detail findet Verwertung in seinen Installationen und Performances. Zuzanna fühlt sich benutzt und in ihrer eigenen Ausdrucksweise beschnitten (“Du sägst meiner Karriere damit die Beine ab”). Die sehr eigene Dynamik des Paars und ihr fortwährendes Oszillieren zwischen Kunst und Alltag ist faszinierend. Das Casting der zwei Hauptfiguren ist passgenau. In den Close-Ups von Zuzannas (Justyna Wasilewskas) Gesicht, kann man sich verlieren – so ausdrucksstark ihr Blick, so geschmeidig die Bewegungen ihres kahlen Kopfes auf der Leinwand.

Bis auf ein paar Szenen, in denen immer wieder ähnliche Eigenschaften der Figuren illustriert werden, hat der Film ein angenehmes Tempo, das die Zuschauer durch ein urbanes Setting trägt. Ob die beiden Figuren sich lieben, oder nur das eigene Ich im Anderen suchen, ob das Leben ein Kunstwerk ist, ob Kunst doch irgendwie Konsum bleibt und was es mit dem Fetisch für Ganzkörper-Katzenkostüme auf sich hat, muss wohl jeder Kinobesucher selbst beantworten.

Kinder sind die besseren Erwachsenen –Der Dokumentarfilm Komunia bricht Zuschauern das Herz

Ein modernes Aschenputtel. Nur der Prinz ist nicht in Sicht. Eigentlich gibt es auch keine böse Stiefmutter, nur eine überforderte und abwesende leibliche Mutter. Das Aschenputtel im polnischen Film Komunia (dt. Kommunion) heißt Ola Kaczanowska. Ola fegt die verdreckte Wohnung, heizt den Ofen an und schreibt Briefe für ihren Vater ans Sozialamt. Der kauft zwar ab und zu ein billiges Geschenk für sein Töchterchen, doch meist sitzt er in der engen Sozialwohnung und trinkt. Und sonst? Kriegt auch er nicht viel auf die Kette. Höchstens Zigaretten. Statt mit bösen Stiefschwestern teilt Ola ihren Alltag mit ihrem autistischen Bruder Nikodem. Der will alles, nur kein Mensch sein. Viel lieber wäre er ein Tier. Ein Löwe oder ein Bär. Aber das geht nur im Märchen und dieser Film ist kein Märchen. Denn in Märchen gibt es Wünsche, Träume, Hoffnungen und in Komunia gibt es nichts als die triste Realität und mittendrin zwei Kinder, die so haltlos und so verloren und dabei so unendlich stark sind. Olas Kindheit wurde vom Stundenplan gestrichen, als die Mutter die Familie verließ. Jetzt muss Ola die Mama spielen, mit all den Aufgaben und Verpflichtungen und Überforderungen, die ihr kranker Bruder Nikodem ihr unbewusst auferlegt. Ola liebt ihre Mutter trotzdem noch aus der Ferne. Am Telefon versucht das Mädchen, sie immer wieder zu überzeugen, ihre alte Familie zu besuchen. Auf die Absagen reagiert Ola mit erwachsenen Worten “Du warst immer zuhause und Vater hat gearbeitet. Jetzt musst du auch mal an dich denken und an dein Baby.” Doch wer denkt eigentlich an Ola und Nikodem? Die Kamera begleitet die zwei aufmerksam in der Einöde einer polnischen Kleinstadt und fängt so intime und geladene Momente ein, dass die Nähe beim Zusehen fast unerträglich wird. Komunia zeigt aber nicht nur ein besonderes Familienschicksal und eine besondere Alltagsheldin. Das Erstlingswerk der Regisseurin Anna Zamecka hält gleichzeitig den Finger auf das kaputtes System eines Landes, in dem Institutionen wie Kirche oder Jugendamt nicht mehr als leere Hüllen sind. Sie sind die Fassaden eines Polens, das janusköpfig auf der einen Seite den Wert der Familie hochhält und auf der anderen Seite seine verlorenen und ungewollten Kinder nicht aufzufangen weiß. Zurecht wurde Komunia auf Filmfestivals wie Locarno ausgezeichnet und zurecht wird dieser feine, leise und hoch emotionale Film nun im Rahmen des filmPolska Filmfestes auch in Berliner Kinos gezeigt.

Schmuggelware aus dem Osten – Das 12. filmPOLSKA-Festival ist eröffnet!

Lange Schlangen an der Bar, herzliche Umarmungen und lautes Gelächter – das waren die ersten Eindrücke bei der Eröffnung von filmPOLSKA am Mittwochabend. Im alten Programmkino Babylon in der Rosa-Luxemburg-Straße läutete die Dokumentation You Have No Idea How Much I Love You von Pawel Lozinski das 12. Ausgabe des Festivals ein. In einem vollen Saal eröffnete die Kulturkolumnistin Jenni Zylka als Moderatorin den Abend unter dem Motto „Berlin sieht Polnisch“. Alles was im polnischen Film Rang und Namen hat, war vor Ort und so kamen die zahlreichen Gäste aus dem Applaudieren nicht mehr heraus. Auch die diesjährigen Jury-Mitglieder Bernd Buder und der Filmemacher Marcin Malaszczak waren anwesend. In einem deutschpolnischen Sprachmix gelang eine sehr persönliche Atmosphäre, die immer wieder deutlich machte, wie bedeutend der polnische Film auch für die deutsche Kulturlandschaft, aber vor allem wie wichtig Zusammenarbeit und Austausch ist. FilmPOLSKA ist das größte polnische Filmfestival außerhalb Polens. Dieses Jahr wurden gleich zwei Ehrenpreise vergeben, für besonderes Engagement im polnischen Film – einer ging an den deutschen Filmkritiker und Radiomoderator Knut Elstermann, der sich schon seit seiner Jugend für den polnischen Film begeistert. Der andere Ehrenpreis ging an das Ehepaar Erika und Ulrich Gregor, die 1963 Mitbegründer der Freunde der Deutschen Kinemathek waren. Besonders durch ihre sympathische Anekdote brachten sie die Zuschauer zum Lachen. So berichteten sie vom West-Berlin der 60er Jahre und über die Schwierigkeiten, an die interessanten Filme aus dem Nachbarland Polen zu gelangen. Das Ehepaar initiierte damals einen Filmclub an der Freien Universität Berlin und hatte beinah keinen Zugang zu den Filmen, die sie in Cannes feierten. So schlichen sie sich zu der polnischen Militärmission und baten die Anwesenden um „Schmuggelware“ aus dem Osten. Nach einem großen Schluck Wodka, selbstverständlich standesgemäß mit dem Strohhalm aus der Flasche, war die Freundschaft besiegelt und nach weiteren Absprachen erhielten die beiden regelmäßig Filme, die sie sogar in der Uni zeigen durften – sowohl das damalige Publikum als auch die Zuschauer im Kino waren berührt. Anschließend berichtete Kornel Miglus, Festivalleiter und Kurator des filmPOLSKA, über die Zusammenstellung des diesjährigen Programms. So habe er sich vorwiegend auf Nachwuchs-Regisseure fokussiert, in denen er Potential sieht.

Zum Eröffnungsfilm You Have No Idea How Much I Love You war auch extra Regisseur Pawel Lozinski angereist und sprach mit Jenni Zylka über die Entstehung zur Idee des Film und seine Therapieerfahrungen. Die Zuschauer waren mitgerissen und so wurde im Anschluss noch bei einem Glas Wein ausführlich über den Film diskutiert. Das Festival findet noch bis zum 10. Mai statt – Empfehlung des Abends von Knut Elstermann war The Last Family von Jan P. Matuszynski.

Radiobeitrag zur Eröffnung des 11. filmPOLSKA-Festivals

Anlässlich der Festival-Eröffnung des 11. filmPOLSKA machten sich die Jungjournalisten auf den Weg ins Babylon. Vor Ort haben sie die ersten Portionen Festivalatmosphäre eingeatmet, das Publikum zum gezeigten Film befragt und in erster Linie den Abend genossen.

Hier sind ihre Ergebnisse, aufbereitet als Radiobeitrag:

Film-Feinkost aus dem Nachbarland

Am Mittwoch, den 20. April fiel in Berlin am Abend der Startschuss für ein Festival. Wer in unserer Hauptstadt lebt, sie kennt, oder schon von ihr gehört hat, weiß, dass das nichts Außergewöhnliches ist. Kulturelle Hoch-Events frequentieren Berlin in dichter Folge. Jedes Festival liefert aufs Neue einen Grund zum Feiern, die elfte Ausgabe des filmPOLSKA macht da keine Ausnahme. Weiterlesen