Keine Fragezeichen grade biegen

„Es ist eben nicht gleichgültig, ob eine Person lebt oder tot ist, wenn man über sie einen Film dreht“, sagt Elwira Niewiera auf der Eröffnung der 13. Ausgabe des 7- tägigen polnischen Filmfestivals filmPOLSKA am Mittwochabend im Babylon Kino am Rosa-Luxemburg-Platz. Sie wird ihren Film Der Prinz und der Dybbuk zeigen, den sie zusammen mit Co-Regisseur Piotr Rosołowski gedreht hat: Ein Biopic der suchenden Art, nach Wahrheiten und Antworten. Eine fragmentarische Auseinandersetzung mit dem Leben eines Menschen, der nicht in die Vergangenheit zurückkehren wollte, weil er es nicht konnte. Die Deutschlandpremiere des Filmes setzt an diesem ersten Festivalabend ein Zeichen gegen das Vergessen. Der Prinz und der Dybbuk hilft dabei auch zum Verständnis über eine komplizierte Identität beizutragen, über die Protagonist Michał Waszyński Zeit seines Lebens selbst nie sprechen konnte.

Der Festivalabend wird neben der Ehrung des Filmproduzenten und Shoa-Überlebenden Artur Brauner begleitet von der Aktion „Kippa tragen“ gegen die gegenwärtige antisemitische Gewalt auf der Welt, vor allem aber in Berlin und dem Rest Deutschlands. Neben den Zuschauenden tragen sowohl Festivalkurator Kornel Miglus, als auch Elwira Niewiera an dem Abend die Kippa. Es ist die Gleichzeitigkeit von Festivalauftakt und Aktion, von einem filmischen Porträt und dem solidarisch gesetzten Zeichen gegen Antisemitismus und Ignoranz, die diesen Filmabend zu einem wichtigen kulturellen Ereignis während des Festivals macht.

Michał Waszyński war Filmemacher und Produzent und machte sich mit Filmen wie Der Unbekannte von San Marino (1947) einen Namen. Als „polnischer Prinz“ war er international bekannt, und widmete sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien und Spanien realen historischen Geschichten und Heldenlegenden. Seine private Vergangenheit vor dem Zweiten Weltkrieg verschwieg er oder verdrehte Fakten, als Regisseur drehte er in Polen mehr als ein Dutzend Filme. Der Prinz und der Dybbuk des Regieduos Niewiera und Rosołowski will genau davon erzählen. Hart sind die Schnitte zwischen Filmsequenzen aus Michał Waszyńskis eigenen Filmen zu Archivmaterial und neu gedrehten Szenen über den Filmemacher, rasch die Überleitung von Waszyńskis Nachkriegsgegenwart zu seiner vergessenen Vergangenheit.

Der Prinz und der Dybbuk ist auch eine Hommage an Michał Waszyńskis beinahe vergessenen Film Der Dybbuk (1937), eine Liebestragödie in jiddischer Sprache und gleichzeitig die Geschichte einer Legende. Nach Ausbruch des Krieges konvertierte Waszyński zum Katholizismus und schloss sich der Armee der polnischen Exilregierung an. Seine Familie überlebte den Krieg nicht, und eine Erinnerung an sie wurde kaum festgehalten. Nur ein Foto, das Waszyński mit seiner mutmaßlichen Mutter Cilia Waks zeigt, wird während der filmisch dokumentierten Recherche durchgereicht. Es landet unter Lupen, wird den auf der Parkbank sitzenden Babushki in der heutigen Ukraine gezeigt und findet schließlich auch seinen Weg unter einen Vergrößerungsbildschirm eines Zeitzeugen und Bekannten aus seiner damaligen polnischen Heimat Kowel.

„Sprytna życiowa“ wird mit Waszyński assoziiert – „Lebensweisheit“. Und doch transportiert die deutsche Übersetzung lang nicht den Klang des polnischen Wortes, dessen Artikulation durch die vielen Konsonanten nicht nur eine gewisse Schnelligkeit transportiert, sondern auch etwas Raffiniertes, manchmal auch Undurchschaubares.

Undurchschaubar ist auch die Figur des Dybbuks, die Erscheinung einer geliebten Person der Protagonistin. Während die Imagination des Mannes sich langsam auflöst, erklingen im Hintergrund Worte aus Waszyńskis Tagebuch. Die hier auf jiddisch artikulierten Zeilen enden oft mit Fragezeichen und geben Einblick in sein Denken und Fühlen zu dieser Zeit.

Was Niewiera und Rosołowski in Der Prinz und der Dybbuk filmisch schaffen, ist eine Verbindung von Einzelteilen zu einem großen Kunstwerk. Sie schaffen einen nicht aufhörenden Versuch, einige der biografischen Fragezeichen Waszyńskis grade zu biegen. Nicht alle Fragezeichen lassen sich jedoch zu Ausrufezeichen formen, was am Ende des Filmes deutlich wird. Manche bleiben, und das ist auch gut so. Sonst wären wir doch bei einer abgeschlossenen Gleichgültigkeit angekommen, wenn es letztlich keine Fragen mehr gibt und wir alles von einem Menschen zu wissen glauben.

von Paula Sawatzki

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Moshe, Michał, Mike, Mischa

Wer war Michał Waszyński? Dieser Frage geht der Dokumentarfilm von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski nach. Collagenhaft fügen sie Szenen aus Waszyńskis Filmen und Gespräche mit Zeitzeugen aus Polen, der Ukraine, Israel, Italien und Spanien zusammen, die durch Tagebucheinträge des polnischen Regisseurs ergänzt werden. Nach und nach kommen neue Puzzleteile hinzu und eröffnen damit immer neue Blicke auf einen Menschen, der verschiedene Leben in mehreren Ländern und mit unterschiedlichen Identitäten führte.

1904 wurde Michał Waszyński als Moshe Waks im polnischen Kowel, das heute in der Ukraine liegt, als Sohn eines jüdischen Schmieds geboren. In Warschau änderte Waks seinen Namen in Michał Waszyński und konvertierte zum Katholizismus. Dort arbeitete er als Schauspieler und Regieassistent und drehte 1929 seinen ersten Film. 1937 drehte er Der Dybbuk, einen bedeutenden jiddischen Film über eine alte jüdische Legende: Eine Frau wird vom Geist einer unerwiderten Liebe heimgesucht. Sequenzen dieses Films werden immer wieder in den Film Der Prinz und der Dybbuk montiert. Zusammen mit Waszyńskis Tagebucheinträgen, die eine Stimme aus dem Off spricht, ermöglichen sie einen Einblick in das Seelenleben eines unglücklichen Mannes mit vielen Gesichtern. Immer wieder holte Michał Waszyński seine jüdische Vergangenheit in seinen Träumen ein.

Stück für Stück kommt Moshe, Michał, Mike oder Mischa dem Publikum näher und bleibt doch immer rätselhaft. Zeitzeugen erinnern sich – oft mit einem Augenzwinkern – daran, dass Waszyński sich als polnischer Prinz ausgab, eine reiche, alte italienische Gräfin heiratete und homosexuell war, dies aber nur im Verborgenen auslebte. Waszyńskis Chauffeur erzählt, der Regisseur habe in einer Traumwelt gelebt, und ein Graphologe meint, anhand von Waszyńskis Handschrift erkennen zu können, dass er Mythomane gewesen sei – jemand, dem es schwerfällt, Realität und Imagination auseinanderzuhalten. Waszyński, der in Spanien und Italien als Regisseur und Produzent von mehr als 40 Filmen arbeitete, starb 1965 in Italien an den Folgen eines Herzinfarktes.

„Es tut gut, nicht zu wissen, wer ich bin“, sagte Waszyński einmal. Der Satz könnte als Motto für diesen Film stehen, der nur eine Annäherung an einen Mann sein kann, der seine Spuren verwischen wollte. Letztendlich bleibt Michal Waszyński nicht nur im Leben, sondern auch im Film ein Geheimnis, das sich nicht ergründen lässt.

von Stefanie Borowsky

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Leben in einer Traumwelt

Michał Waszyński. In der Zwischenkriegszeit bekannt als einer der bedeutendsten Regisseure des polnischen Kinos, danach Produzent der größten Hollywoodfilme in Italien. Doch wer war er abgesehen von seinen filmischen Errungenschaften?

Ein Friedhof. Eine sonore Stimme, die Yiddisch spricht. Ein junger Mann, der sich langsam in einen Geist verwandelt. Szenen aus dem Film Dybbuk, einem der Meilensteine des polnischen Kinos aus dem Jahr 1937. Regie: Michał Waszyński. Wer nun eine Bestandsaufnahme über die goldene Zeit des polnischen Kinos erwartet, der irrt.
In den folgenden 82 Minuten geht es nur bedingt um die Filmwelt. Es geht auch nicht um ein Leben für den Film, sondern vielmehr um das Kino als Abbild eines Lebens. Des Lebens von Michał Waszyński, genannt „Der Prinz“, einem Mann, der laut Zeitzeugen ebenso geheimnisvoll wie aufregend war, und dessen Vergangenheit bis jetzt nie beleuchtet wurde. Die Regisseure Rosołowkski und Niewiera decken in Der Prinz und der Dybbuk diese Vergangenheit auf. Von Zeitzeugen, die von Waszyńskis Tagen beim Film berichten bis hin zu Bewohnern seines vermeintlichen Heimatdorfes. Die Spurensuche führt nach Italien, in die Ukraine, nach Polen und Israel. Während dieser Erkundungen wird Waszyńskis filmisches Werk immer mehr zur Parallele seines eigenen Lebens. War er wie der Mann in seinem Film Der unbekannte aus San Marino? War der Film Der Dybbuk sein Bekenntnis für das Ringen mit den Geistern seiner eigenen Vergangenheit? In fast essayistischer Weise nähert sich der Dokumentarfilm diesen Fragen an. Unterstützt von Einträgen aus Waszyńskis Tagebuch zeichnet sich zunehmend das Bild eines Mannes ab, der tief im Inneren immer versuchte, etwas zu verbergen: seine Herkunft, seine Heimat oder sogar seine Sexualität.

Der Prinz und der Dybbuk präsentiert sich als hypnotisches, zum Teil sogar surreales Machwerk, dass das Publikum in Fragmenten zu einer geheimnisvollen Biografie führt, ohne dabei zu ausführliche Antworten zu liefern. Dabei entsteht ein Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Film gestaltet sich als unterhaltsame und interessante Reise in die frühe Zeit des Films, hin zur komplexen Persönlichkeit Waszyńskis. Ein früherer Wegbegleiter beteuert im Film: „Keiner wusste wie er wirklich war.“ Der Prinz und der Dybbuk gibt zumindest eine Idee davon, wer Michał Waszyński gewesen sein könnte.

von Oliver Sami

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Das Leben – eine Maskerade

„Ich beginne, an Träume zu glauben. Ich ziehe einsam durch die Straßen. Schaue ich die anderen an, kehrst du zurück. Überall unvollendete Umarmungen, ersehnte Blicke. Ich fühle mich wie hin- und hergerissen. Lass mich in Ruhe.“ So ein Tagebucheintrag Michał Waszyńskis aus den 1960er Jahren. Doch wer war dieser Mann, der Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Wolhynien geboren wurde und 1965 als polnischer „Prinz“ in Italien starb?

Der neue Dokumentarfilm Der Prinz und der Dybbuk von Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski geht dieser Frage auf den Grund – feinfühlig, kunstvoll, collagenhaft. Nach und nach wird ein Porträt Waszyńskis entworfen, dessen Spuren in die Ukraine, nach Polen, Israel, Italien, Spanien und in die USA führen. Geboren als Mosche Waks, konvertierte Waszyński zum Katholizismus, als er Ende der 1920er nach Warschau ging. Die 1930er Jahre sollten seine produktivsten Jahre werden, zahlreiche Filme entstehen unter seiner Regie. So auch Der Dybbuk, der jiddische Mythos eines Geistes, der seine erste Liebe heimsucht. Wie bei Waszyński selbst. Er kann sich seiner Vergangenheit nicht entziehen, auch wenn er sich in Italien, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg lebt und arbeitet, als polnischer Prinz ausgibt. Immer wieder vermischen sich Szenen aus dem Film mit dem dokumentarischen Material, auf Jiddisch gelesenen Passagen aus Wasyńskis Tagebucheinträgen und kunstvollen Licht- und Farbspielen.

Am Ende weiß man trotzdem nicht genau, wer Michał Waszyński war. Man erhält lediglich einen Eindruck über das Leben dieses Mannes, bekommt eine Idee von dem, was ihn auszeichnete und darüber, wer er gewesen sein könnte. Waszyńskis Maskenspiel war erfolgreich. Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski haben in Der Prinz und der Dybbuk versucht hinter diese Masken zu schauen und das Wesen ihres Protagonisten zu ergründen. Auch wenn hier kein geschlossenes Bild entstanden ist, stellt der Film dennoch einen wichtigen filmischen Beitrag über einen einzigartigen Menschen dar.

von Elisabeth Müller

Der Prinz und der Dybbuk: PL/D 2017, 82 Min., R: Elwira Niewiera, Piotr Rosołowski

Radiobeitrag: United States of Love

United States of Love erzählt das Schicksal von vier polnischen Frauen in den Umbruchjahren um 1990. Der Film von Regisseur Tomasz Wasilewski gewann den Drehbuchpreis der diesjährigen Berlinale. Bei filmPOLSKA läuft er in der Sektion Neues Polnisches Kino.

Ein Beitrag und Gespräch mit Julia Kijowska:

 

„United States of Love“ oder „Die Krux des Begehrens“

Wenn der gelegentliche Kinogänger mit dem Wort „polnischer Film“ konfrontiert wird, dürften sich in seinem Kopf einige Assoziationen bilden. Dazu gehören farblose Bilder, triste Landschaften, trüb dreinschauende Akteure und die allgemeine Schwere des Seins. „United States of Love“ von Tomasz Wasilewski gehört zu den wenigen Filmen im Programm des diesjährigen filmPOLSKA-Festivals, der diesen Erwartungen entspricht. Hinter der Fassade aus entsättigten Farben und grauen Gemäuern wartet jedoch ein hypnotisches Kaleidoskop aus perfekt geschriebenen und inszenierten Emotionen.

„United States of Love“ oder „Zjednoczone stany milosci“ ist ein Triptychon. Angesiedelt ist er im Polen des Jahres 1990. Einem Jahr, das ob seiner antiquierten Standards viel weiter weg scheint, als es eigentlich ist. Wasilewski lässt uns in den Alltag dreier Frauen blicken. Agata ist in einer Ehe gefangen, die keinen der Partner glücklich oder zufrieden macht. Das wahre Objekt ihrer Zuneigung kreuzt regelmäßig ihren Weg, könnte aber genau so gut auf einem anderen Planeten sein.

Iza ist die Direktorin der ansässigen Schule. Sie ist eine resolute Frau, die von Kollegen und Freunden gleichermaßen respektiert wird. Ihre einzige Achillesferse scheint ihr Herz zu sein. Ein Mann, mit dem sie eine jahrelange Affäre führte, ist kürzlich zum Witwer geworden. Seine emotionale und körperliche Verfügbarkeit lässt dadurch jedoch weiter nach und Iza steigert sich in eine Raserei aus Herzensleid hinein. Hier illustriert Wasilewski höchst eindrucksvoll, wie sehr sich die Fassade eines Menschen vom Inneren unterscheiden kann.

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In der letzten und tragischsten Episode lernen wir Renata kennen. Eine liebe- und würdevolle ältere Dame. Wie ihre beiden Vorgängerinnen lebt auch sie in einem Käfig. Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht verschweigt sie, die Suche nach Nähe mündet in Enttäuschung und Einsamkeit. Ein radikaler Unterton schwingt in diesem letzten Kapitel des Films mit. Wir sehen einen Menschen, der sich allmählich und entgegen jeder Bemühung damit abfinden muss, den Rest des Lebens alleine zu verbringen.

Zwar wird Wasilewskis Dreigestirn nacheinander erzählt, trotzdem sind die Leben der einzelnen Frauen auf eine subtile Art und Weise verknüpft. Sie bauen nicht aufeinander auf, beeinflussen sich nicht direkt und ergeben sich auch nicht auseinander. Durch einen flüchtigen Blick oder einen unpersönlichen Gruß zwischen den Protagonistinnen spannt „United States of Love“ einen Kosmos, dessen Summe weitaus mehr ist als seine Teile. Die Themen des Films sind so universell und fundamental, dass sie Faktoren wie Geschlechterrollen oder politisches und soziales Umfeld übersteigen. Die Leidenswege der drei Frauen ergeben sich weniger aus einem brutalen Patriarchat und mehr aus den emotionalen Unzulänglichkeiten des Miteinanders. Wenn Julia Kijowskas Agata beim Beischlaf voller Verzweiflung „Berühr mich. Schau mich an.“ seufzt, erschließt sich nicht nur die Absicht des Films, sondern vielleicht auch ein Stück weit der Mechanismus der menschlichen Seele. Ein schwindelerregendes, herzbrechendes Meisterwerk.

Weitere Vorführungen:

Sonntag, der 24. April um 20:00 Uhr im Babylon

 

Retrospektive: „Moonlighting“

Ein Film über polnische Schwarzarbeiter im Ausland sollte es werden. Heraus kam ein Film, wie er zum Zeitpunkt des Erscheinens aktueller nicht hätte sein können. Wie so oft im Leben sind es Zufälle, die den Dingen eine besondere Wendung geben. So auch bei Jerzy Skolimowskis Film „Moonlighting“, der innerhalb der Retrospektive des filmPOLSKA Festivals gezeigt wurde.

Die Story des Films ist simpel: Anfang Dezember 1981. Vier Polen landen in London, nur der Vorarbeiter Nowak (Jeremy Irons) spricht Englisch. Sie haben den Auftrag, innerhalb eines Monats für einen Parteibonzen ein Haus zu renovieren. Kurz nach der Ankunft der Arbeiter in England wird in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Nowak beschließt, den anderen nichts von den politischen Vorgängen in der Heimat zu erzählen. Für den Vorarbeiter beginnt ein Spießrutenlauf. Die Baustelle muss fertig werden. Das Geld wird knapp. Und seit Wochen keine Verbindung zur Heimat, da die Telefonverbindung in die Volksrepublik gekappt wurden. Erst nachdem die Wohnung pünktlich zum 5. Januar fertiggestellt wird, sagt er seinen Arbeitern die Wahrheit.

Die Wahrheit verschweigen, um Andere zu schützen? Für Jerzy Skolimowski ein Thema, das ihn auch selbst betraf. Er lebte bereits einige Zeit im Londoner Exil, als er beim Brötchen holen auf eine Gruppe aufgeregter Polen stieß. In der Nacht zuvor hatte Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen, wodurch den Reisenden der Rückweg nach Polen versperrt war. Um sich für unbestimmte Zeit in ein Hotel einzumieten, fehlte das Geld; sie waren verzweifelt. Skolimowski begann, die Gestrandeten bei seinen polnischen Freunden unterzubringen. Als dort alle Plätze verteilt waren, suchte er im Telefonbuch nach polnischen Namen und fragte nach Unterkünften. Auch er nahm jemanden auf, Herrn Genio. Um ihn nicht zu beunruhigen, ertappte sich der Regisseur immer wieder selbst dabei, wie er die englischen Nachrichten in geschönter Weise ins Polnische übersetzte.

Als das geschah, hatten die Dreharbeiten für „Moonlighting“ bereits begonnen. Beeinflusst durch die eigenen Erlebnisse änderte Skolimowski das Drehbuch. Beim Filmfestival in Cannes 1982 konnte er schließlich einen absolut aktuellen Film präsentieren und wurde für sein Drehbuch ausgezeichnet. Einige Kritiker hielten den Film sogar für Skolimowskis bis dato bestes Werk.

Ein Film mit klaren Bildern, wenig Musik oder Dialogen. Er ist beklemmend und lässt die triste Situation der Arbeiter und den Zwiespalt Nowaks mitfühlen. Zwischendrin finden sich aber immer wieder komische Szenen, mit denen Skolimowski dem Film eine ganz eigene Dynamik gibt.

 

Knut Elstermann – Der Missionar der Filme

Es ist Mittwochabend und das 11. Festival des polnisches Films, filmPOLSKA, eröffnet unter der Moderation des langjährigen Filmkritikers Knut Elstermann. Im Rampenlicht des Berliner Babylon-Kinos steht der immer arbeitsame Elstermann, der für zahlreiche Hörfunk- und Zeitungsredaktionen dieses Landes Filme sichtet und beurteilt. Auch wenn er viele, viele Filmfestivals im Jahr besucht, hat filmPOLSKA für ihn einen ganz besonderen Reiz. Die Festivaleröffnung samt Verleihung der Ehrenpreise ist für ihn weniger Arbeit, als vielmehr ein Freundschaftsdienst: „Elf Jahre zeigen, wie gut sich dieses Festival etabliert hat und verdeutlicht, dass Polen weiterhin eine blühende Film-Landschaft ist.“

Am Morgen danach hält der Alltag wieder Einzug in Elstermanns Tagesablauf. Früh aufgestanden erstellt der 55jährige erste Beiträge für das Radio und findet bei einem Kaffee seines Lieblingsbistros Zeit für junge Filmkritiker, die sich in seinem neuen Radiostudio, ganz in der Nähe des Fernsehturms, eingefunden haben: „Schon als Jugendlicher haben mich die großen Fragen des polnischen Films interessiert. Als Kind der DDR fesselte mich vor allen Dingen das ‚Kino der moralischen Unruhe‛, geprägt von großen Regisseuren wie Wajda oder Polanski. Polnische Filme waren schon zur damaligen Zeit viel unideologischer als die heimische DEFA-Produktion.“

Nach der Wende musste sich Elstermann, zuvor Nachrichtenredakteur beim ND, umorientieren und begann seine Arbeit als Filmkritiker zu professionalisieren. Sein Weg führte ihn bis auf die Couch im Warschauer Wohnhaus von Andrzej Wajda, wo Elstermann den Ur-Vater des polnischen Films ganz persönlich treffen konnte. Ein Schlüsselmoment in seiner Beziehung zum Kino des östlichen Nachbarlands: „Es gibt heute noch zu viele Vorurteile gegenüber den Filmen aus Polen. Dabei sind die dortigen Produzenten viel mutiger als zum Beispiel ihre deutschen Kollegen, die vor allen Dingen Filme mit Fernsehästhetik produzieren. In Polen findet sich eine reiche Poesie wieder, die den Zuschauer visuell überrascht – schließlich erwarten die Zuschauer packendes, unterhaltsames Kino und keinen archaischen Museumsbesuch.

Knut Elstermann, Interview

Knut Elstermann lebt das Kino

In den Redaktionen deutschen Medien wird das Dasein von Filmkritikern immer wieder in Frage gestellt. Junge Filmkritiker müssen neue, mitunter sehr umständliche Wege gehen, um gehört zu werden. Und doch ist der Blick von Knut Elstermann in die Zukunft der Filmkritiker-Zunft optimistisch, wenn Filmkritiker weiterhin mit der nötigen Ernsthaftigkeit ans Werk gehen. Die Filmkritik sollte hierbei einzig und allein an das Publikum adressiert werden und nicht für den Regisseur oder Drehbuchautor formuliert sein. Der Begriff Beruf hat seinen Ursprung schließlich in Berufung und so ist es Elstermanns Mission gute Filme bekannt zu machen: „Ich möchte ein verlässlicher Ansprechpartner im Film-Dschungel sein und souveräne Urteile für das Publikum fällen – dazu gehören für mich auch Urteile über wenig bekannte Filme aus kleineren Produktionen.“ Krisen seines Berufs sieht er nur in dem immer weniger werdenden Austausch zwischen Leser (bzw. Hörer) und dem Filmkritiker. Die zunehmende Verschiebung zwischen Print- und Online-Journalismus hat für ihn dabei nicht nur Schattenseiten: „Ein eigener Internet-Blog mit Filmkritiken kann, wenn er gut gemacht ist, eine unfassbare Reichweite bekommen. Dass zeigen auch die Zugriffszahlen auf meinen Online-Podcast der zurückliegenden Radiosendungen.“

Knut Elstermann, immer mit einem Lächeln und dem zeitgleichen kritischen Blick bewaffnet, kann jedoch auch sehr wehmütig wirken. Nämlich dann, wenn Elstermann an die Zukunft des polnischen Kinos denkt: „Die aktuelle Lage in Polen bedrückt mich. Es gib eine neue Generation an polnischen Filmemachern, die sich nicht mehr als Opfer sehen will und im Stande ist neue Akzente zu setzen. Die restriktiven Mediengesetze in Polen machen es dieses kreativen Köpfen jedoch nicht besonders leicht.“ Elstermann hofft, dass er auch im kommenden Jahr das 12. Festivaljahr der filmPOLSKA mit einem breiten Lächeln eröffnen kann. Hoffen wir mit ihm.

 

Rezension: „Neue Welt“ – Polen als Einwanderungsland

Nowy Świat – neue Welt – heißt eine berühmte Straße in Warschau, die den Knotenpunkt dieses Episodenfilms darstellt. Drei junge Regisseure haben drei verschiedene Schicksale von Immigranten in Polen inszeniert, die als einzigen gemeinsamen Nenner ihren Status als Fremde tragen. Auf den ersten Blick ist das interessant, schließlich ist Polen nicht unbedingt als Einwanderungsland bekannt. Die „neue Welt“, in der sie leben, ist eine Chance, erinnert aber auch immer an einen Verlust.

Die erste Geschichte stammt aus der Feder der 28jährigen Elzbieta Benkowsja. Zanna kommt aus Weißrussland; ihr Mann sitzt dort wegen regimefeindlicher Texte seiner Band im Gefängnis. Sie ist mit ihrer Tochter nach Polen geflüchtet und hat mittlerweile eine neue Beziehung. Ihr Freund arbeitet gerade für die Organisation, die sich für die Befreiung ihres Ehemanns einsetzt. Gerade als sie in Polen heimisch wird, wird ihr Mann aus dem Gefängnis entlassen.

Die zweite Episode stammt von Michal Wawrzecki und erzählt von Azzam. Er hat in Afghanistan als Soldat gekämpft. Durch die Hilfe eines anderen Mannes, der Azzam einen Job in seinem Restaurant gegeben hat, muss der junge Afghane nicht zurück in sein Land. Er steht in tiefer Schuld, aber die Gefühle, die sein Arbeitgeber ihm gegenüber zu entwickeln scheint, irritieren Azzam. Auch eine Kollegin interessiert sich für ihn. In seinem Kopf aber spielen sich nur die schrecklichen Szenarien seines Kriegseinsatzes ab. Für Gefühle ist kein Platz.

Die letzte Geschichte ist zugleich auch die stärkste der drei. Lukasz Ostalski erzählt von Wera, die aus der Ukraine nach Polen gekommen ist, um sich einer Geschlechtsumwandlung zu unterziehen. Plötzlich steht Weras Vater mit ihrem kleinen Sohn auf der Bildfläche. Sie habe sich nun zu kümmern, denn die Mutter des Kindes sei kürzlich verstorben. Der kleine Boris erwartet, seinen Vater zu sehen, was Wera in eine missliche Lage bringt. Von der Familie nie als Frau akzeptiert hat sie sich in Polen ein neues Leben aufgebaut. Die leise Beziehung, die sich zwischen Wera und Boris entwickelt, geht ans Herz.

Die drei Geschichten sind jede auf ihre Weise stark. Die Idee, die Straße als Knotenpunkt zu bestimmen, wirkt jedoch im Endeffekt etwas gewollt. Dadurch, dass die drei Geschichten nicht miteinander verzahnt sind, sondern hintereinander gezeigt werden, entsteht schnell das Gefühl, drei Kurzfilme zu sehen. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass sich alle drei Protagonisten am Ende unbewusst zufällig auf einem Zebrastreifen begegnen.

Schon 2005 entstand in Polen der Film „Ode an die Freude“, der sich mit dem Schicksal dreier Protagonisten befasste, die aus Polen emigriert waren. Auch hier hatten drei verschiedene Regisseure mitgewirkt. „Neue Welt“ ist nun, zehn Jahre später, eine indirekte Antwort auf den Film, diesmal aus der Perspektive der Immigranten.

Weitere Vorführungen:

Sonntag, 24.4. 20:00 Uhr, ACUD Kino
Montag, 25.4. 20:00 Uhr, Club der polnischen Versager