Die Anziehungskraft der Gewalt

Die perverse Faszination mit Gewalt und Tod hat schon so manchen Filmhelden und Zuschauer in ihren Bann gezogen. Scheinbar unschuldige und brave Musterschüler oder fürsorgliche Familienväter werden von einer inneren vorzivilisatorischen Animalität übermannt, die sich in Folge eines unerwarteten Gewaltaktes in ihnen rührt. Der Gedanke ans Töten kann sich zu einem Wunsch entwickeln und die Identifikation mit einem tatsächlichen Mörder endet nicht selten mit einem Identitätsverlust. Vor einem solchen Dilemma steht Karol Kremer, der Protagonist in Die Rote Spinne (Czerwony pająk), dem Spielfilmdebüt von Marcin Koszałka.

Polen, 1960er Jahre: Karol ist ein erfolgreicher Turmspringer, der beste in Krakau, seiner Heimatstadt. Er ist Medizinstudent, gutaussehend und hat ein geregeltes Leben. Eines Abends wird er Zeuge eines Mords an einem Jungen und beschließt, dem Mörder zu folgen. Statt zur Polizei zu gehen, ist Karol zunehmend fasziniert vom Täter und beginnt, ihn zu beobachten.

Die Rote Spinne hat wenige Dialoge, die Stärke des Films liegt in seinen Bildern. Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka untermalt die Handlung mit wunderschön komponierten Aufnahmen. Das graue Krakau ist herrlich anzusehen, die präzise Kadrierung der Bilder und die langsamen Kamerafahrten deuten das Grauen an, das sich unweigerlich nähert.

So fesselnd und schön die Bilder auch sein mögen, so verwirrend und unmotiviert erscheint die Charakterisierung der Figuren. Warum Karol dem Mörder folgt und ihn nicht anzeigt, ist noch die einzig nachvollziehbare seiner Handlungen. Seine Vorgehensweise zum Ende des Films hingegen bleibt ein Rätsel. Ist es sein Schuldgefühl, das ihn plagt? Wenn ja, wo kommt es plötzlich her und warum zeigt es sich so extrem?

Der Film verweigert sich bewusst üblicher Genrekonventionen. Leider entsteht dadurch weniger Spannung als es dem Film gutgetan hätte. Koszałka hat sich bei seinem Spielfilmdebüt mit der Rolle des Kameramanns, Regisseurs und Drehbuchautors sichtlich übernommen. Die Rote Spinne, übrigens inspiriert von dem realen Fall eines Serienmörders der 60er Jahre, der als der „Vampir von Krakau“bekannt wurde, stellt viele Fragen, und beantwortet wenige. Es liegt am Zuschauer, die Puzzleteile zusammenzufügen und sich sein eigenes Bild zu machen – aber es ist gut möglich, dass einige Teile nicht auffindbar sind.

Selbsttherapie unter Bäumen

Der extravagante Unternehmer Forst hat keinen Bock mehr. Er steigt aus. Nach einer nur sehr kurz geratenen Charakterisierung, werden die Beweggründe dafür vorerst nicht deutlich. Geld, Autos und Macht erfüllen ihn nicht mehr und so ändert er schlagartig sein Leben und zieht als Eremit in den Wald. Klingt zunächst wie ein gewöhnlicher Aussteiger-Film, doch Forest, 4 AM ist definitiv kein Survival-Drama à la Into the Wild.

Nachdem Forst jahrelang all seine Probleme mit Drogen und Sex runtergespült hat, steht er an einem Wendepunkt. Selbstmordgedanken bestimmen sein Leben. So ist der Umzug in den Wald eine selbsttherapeutische Maßnahme.

Forst schläft in einem Loch im Waldboden und es scheint, als hätte er sich bereits sein eigenes Grab gebuddelt. Er isst alles, was ihm in den Weg kommt – egal ob Tier oder Mensch. Außerdem hat er ein Problem mit den Geräuschen von Reißverschlüssen.

Jan Jakub Kolski

Jan Jakub Kolski, Regisseur von Forest, 4 AM.

Kult-Regisseur Jan Jakub Kolski inszeniert Forst als einen zugleich skurrilen und gebrochenen Mann. Es gibt nur wenige Dialoge. So müssen oftmals die Bilder für sich sprechen – ein Konzept, das nicht ganz aufgeht und so hinterlässt der Film viele offene Fragen.

Statt Ruhe und Einsamkeit findet Forst, Nata, eine Prostituierte, deren Revier der Waldrand ist. Nata erinnert, mit ihrer weißblonden Perücke und ihrer Herzlichkeit, an die Rolle der Vivian Ward aus Pretty Woman. Doch auch sie hat es nicht leicht, Forst zu knacken – er redet kaum mit ihr, aber die Gesellschaft tut ihm gut. Als sie nach einiger Zeit verschwindet, steht plötzlich die 13-jährige Jadzia vor seiner Tür. Er nimmt sich der Waisen an und nach und nach entwickeln die beiden eine Vater-Tochter-ähnliche Beziehung. Forst sorgt für Verpflegung und Jadzia kümmert sich liebevoll um den dreibeinigen Hund Kroko. Doch die Idylle trügt.

So muss sich Forst mit den Problemen eines pubertären Teenagers auseinandersetzen, dabei ist Zwischenmenschlichkeit nicht gerade seine Stärke.

Als eines Morgens der Zuhälter von der verschollenen Nata auftaucht und Jadzia mitnehmen will, erwachen Beschützerinstinkte in Forst und so ertränkt er den Russen kurzerhand im See. Konsequenzen fürchtet er nicht.

Die Erlebnisse mit Jadzia erinnert Forst an seine verstorbene Tochter und so muss er schlussendlich lernen, mit dem Schmerz zu leben und mit dem Kapitel abzuschließen.

Durch wenige Rückblenden versucht Regisseur Kolski gegen Ende des Films doch noch Licht indie düsteren Abgründe Forsts Leben zu bringen – es bleibt leider bei einem Versuch.

Hiob, oder Steppenwolf?

Las 4 Rano (Forest, 4am)

Tätowiert, massig, egoman, sportlich, sexuell aktiv, zugekokst. Der Boss einer Agentur lebt 2 Fast 2 Furious. Dann kommt der Crash. Forst gerät aus der Bahn, rasiert sich seine Designer-Frisur und reißt sich seinen fetten Ohrring aus. Er wird zum Eremit. Irgendwo im Wald lebt er mit seinem dreibeinigen Hund Kroko – wie Krokodil, erklärt er – unter wilden Tieren. Ihn verroht dieses Leben in der Wildnis. Er jagt wilde Hasen, Bieber und isst Kiefer-Eichel-Suppe. Eigentlich isst er alles. Sein kleiner Verschlag bietet alles Nötige für das einsame Leben. Eine Schlange windet sich zu seinen Füßen. Ein Eichhörnchen klettert auf ihm herum. Ein einsamer Wolf besucht ihn ab und zu.

Forest, 4 AM - Spiegel

Steppenwolf

Forst wird selbst zum Steppenwolf. Er ist dem Wahnsinn nahe, kämpft immer wieder mit Selbstmordgedanken. Wie in Herman Hesses Erzählung baut sich der Protagonist gedankliche Brücken, die ihn vor dem Selbstmord bewahren. Ein kleiner Lichtblick in seinem Leben ist die Prostituierte Nata. Die Beiden entwickeln ein freundschaftliches Verhältnis. Sie sind verspielt, beinahe kindlich miteinander. Sie teilen kurze Augenblicke, in denen sich ihr eigentliches Leben ganz weit entfernt. Diese kleinen Inseln sind die Höhepunkte des Films. Sie sind atmosphärisch stark und laden zum Träumen ein.

Forest, 4 am

Hiob

Jan Jakub Kolski ist bekannt dafür, existenzielle Themen zu behandeln. In Las 4 Rano (Forest, 4am) führt er nicht nur Regie sondern ist auch Kameramann und – zusammen mit dem Hauptdarsteller Krzystof Majchrzak – Co-Autor des Drehbuchs. Der Wald als Schauplatz ist gelungen inszeniert und atmosphärisch fotografiert. Die Kameraführung und Bildgestaltung überzeugen. Leider hinkt die Charakterzeichnung. In einem Augenblick ist Forst eine Hiobsfigur, im Nächsten wirkt er psychopathisch. Die Übergänge zwischen geduldiger Selbstaufgabe und Raserei sind nicht glaubhaft. Darunter leidet der Film. Hiob-Zitate als Zwischentitel wirken zu dick aufgetragen. Die psychologischen Motivationen der
Protagonist*innen sind wenig einleuchtend, dagegen sind die Kurzschlussreaktionen auf den Punkt und glaubhaft inszeniert. Viele gute Ideen machen Las 4 Rano zu einem sehenswerten Film.

I got over all my loves

Wenn ein Kunsthistoriker und Kurator moderner polnischer Kunst und Filme sich entschließt selbst Filme zu drehen, erwartet man einen Film wie diesen. Das zweite Werk Łukasz Rondudas im Jahre 2015 (Performer)erzählt die Liebesgeschichte zweier außergewöhnlicher Menschen.

Łukasz Ronduda porträtiert die beiden fiktiven polnischen Künstler Wojciech Bąkowski und Zuzanna Bartoszek. Wojciech ist Performancekünstler, Sounddesigner und Zeitlupen-Rapper. Er entdeckt die noch unbekannte Hobbykünstlerin Zuzanna im Publikum bei einem Auftritt in einem dunklen Warschauer Club. Noch bevor er Zuzanna anspricht und sie bittet, mit ihm nach Hause zu gehen, verrät die Bildsprache ihre Verbindung. Beide Figuren haben eine Glatze und tragen schwarze Kleidung, bei Aufnahmen von hinten sind sie manchmal nicht zu unterscheiden, bereits vor ihrem Zusammentreffen wirken sie wie Doppelgänger.

Die Erzählung spielt vor allem in der Enge ihrer Wohnung ab, Ausnahmen sind die wenigen Ausflüge in Shoppingcenter, Clubs oder die eigene Ausstellung. Der Regisseur konzentriert sich auf die beklemmend kleine Wohnung, die sinnbildlich die Enge der Beziehung zeigt. Zwischen Freizeit und Arbeit, Privatleben und Kunst gibt es für die beiden keine Grenzen, doch bald zeigen sich die Grenzen ihrer Liebesbeziehung. Wer kopiert den anderen? Wer hatte die Idee ursprünglich? Hat man auf jede Äußerung ein Patent? Letztendlich ist es Zuzanna, inzwischen anerkannte Künstlerin, die das symbiotische Zusammenleben beendet. Glücklich läuft sie allein durch die Shoppingcenter und lässt die Wohnung und Wojciech hinter sich. Wojciech, verletzt durch die Trennung, verarbeitet seinen Liebeskummer in einer Performance, die gegen Ende des Films gezeigt wird. I got over all my loves kreiert er aus den Erinnerungsstücken aller Verflossenen. Es entsteht eine laute Geräuschkulisse, die bis in den Abspann des Films zu hören ist.

So altbekannt die Geschichte eines Liebespaares und dessen Alltagsprobleme sind, so ungewöhnlich ist die Gestaltung des Films. Die Glatzen der beiden Hauptfiguren wirken wie ein Verfremdungseffekt, jede Handlung der beiden wie eine ihrer Kunstperformances. Der gesamte Film wirkt wie ein gemeinsames Kunstprojekt Wojciechs und Zuzannas, das von der besonderen Tonspur des Films unterlegt wird. A Heart of Love verfolgt die Höhen und Tiefen einer normalen Liebesbeziehung zwischen zwei ungewöhnlichen Menschen und lässt eine einzigartige Performance entstehen.

Ein unbequemer Blick auf die Verwurzelung – Office For Monument Construction

Karolina Bregula, die junge Video- und Aktionskünstlerin, stellt ihren zweiten Spielfilm vor. Gedreht in Glasgow, als Synonym für irgendeine Stadt, die dem demografischen Wandel der Menschen und Gebäude unterliegt.

Der Film wird im K18 gezeigt, einem kleinen gemütlichen Off-Kino in Friedrichshain, mit Sofaeinrichtung und einem Eingang durchs Fenster.

Auch dieser Film ist sehr gut besucht, die neuen Formen des Kinos finden Begeisterung im Berliner Publikum. Dort ist die Regisseurin mit ihrem künstlerischen Hintergrund zu Hause.

In surealem Metaphern Film zeichnet sie, eine Welt mit obdachlosen Menschen, die versuchen ihren Platz zu finden.

Eine ältere Dame, die leidenschaftlich menschliche Zähne sammelt, ein dicker Herr, der ein Ticket für den Bus zu einem Ort kaufen möchte, den es nicht gibt, sind zwei der eigenwilligen Charaktere, die aufeinander treffen. Dialoge, die in ihrer Entrücktheit mal Bezug aufeinander nehmen, mal nicht. Es ist ein Spiel aus Wirklichkeit und Traumwelt.

Auf der Tonspur sind laute Regengeräusche in verschiedenen Klangbildern zu vernehmen, die zunehmend intensiver werden und so auch den Zuschauer nerven können, was explizit beabsichtigt ist. Das Unbequeme, das die Figuren in ihren merkwürdig neu konstruierten und sinnhaft umfunktionierten Räumen erleben, soll auch der Zuschauer körperlich spüren.

Der Film zieht sich. Trotz eines fehlenden Spannungsbogens fesseln die Protagonisten, die allesamt Laienschauspieler sind. Sie agieren in teils grotesk-komischen Situationen, die Kamera atmet mit ihnen, die Perspektiven sind oft statisch. Die Räume oder Plätze wirken wie Theaterbühnen, auf denen in mehreren Akten die Neukreationen und Einrichtungsprozesse der Menschen beobachtbar sind.

Die Bilder sind farblich exzellent durchkomponiert. Zuweilen verschwinden die Darsteller fast in ihrer Umgebung.

Karolina Bregula, die 2015 den Filmtrailer von filmpolska Festival erstellte, bietet neuartige Perspektiven auf menschliche Bedürfnisse: die Konstruktion eigener Monumente, in von Veränderung geprägten Zeiten

A Heart of Love: Die Kunst zu leben

“Ich will du sein”, dichtete Rainer Maria Rilke einst für Lou Andreas Salomé. Dieser Wunsch, völlig im Gegenüber aufzugehen, gleich zu sprechen, gleich zu gehen, sich so weit es nur geht dem Anderen anzunähern, ist ein verbreitetes Motiv der Liebe –die körperliche und geistige Verschmelzung als ultimative erotische Form.

Dem Anderen in der Beziehung immer ähnlicher zu werden, passiert manchmal ganz nebenbei oder bei langjährigen Paaren dann aus einem gewissen“Alterspragmatismus” (Huch, da haben wir uns doch tatsächlich die gleichen Regenjacken gekauft). Nicht aber bei dem Künstlerpaar Wojcieck und Zuzanna in A Heart of Love (Originaltitel: Serce Miłości)von Regisseurs Łukasz Ronduda. Es ist der zweite Film des polnischen Kunstkurators und lief, wie zuvor sein Debütfilm The Performer, auch im Programm der Berlinale.

Minimalistisch, monochrom, kantig. Wojcieck und Zuzannas Beziehung folgt einer strengen ästhetischen Form, die sich beide bewusst auferlegen. Dieser Formalismus trägt sie durch Krankheit und Konflikte. Zumindest eine ganze Weile, bis die Ausbrüche den ordentlich gesteckten Rahmen sprengen. Auch die Kamera in A Heart of Love folgt den ästhetischen Regeln seiner Figuren, mit klaren Farben, harten Kontrasten und Standbildern, die sich gleich ausdrucken und in die nächste Galerie hängen ließen.

Wojcieck ist Performancekünstler. Ausnahmslos alles in seinem Leben versteht er als Material, das über kurz oder lang Teil der Arbeiten wird. Von Zuzannas Träumen bis zum mondänen Einkauf im Möbelkaufhaus – jedes Detail findet Verwertung in seinen Installationen und Performances. Zuzanna fühlt sich benutzt und in ihrer eigenen Ausdrucksweise beschnitten (“Du sägst meiner Karriere damit die Beine ab”). Die sehr eigene Dynamik des Paars und ihr fortwährendes Oszillieren zwischen Kunst und Alltag ist faszinierend. Das Casting der zwei Hauptfiguren ist passgenau. In den Close-Ups von Zuzannas (Justyna Wasilewskas) Gesicht, kann man sich verlieren – so ausdrucksstark ihr Blick, so geschmeidig die Bewegungen ihres kahlen Kopfes auf der Leinwand.

Bis auf ein paar Szenen, in denen immer wieder ähnliche Eigenschaften der Figuren illustriert werden, hat der Film ein angenehmes Tempo, das die Zuschauer durch ein urbanes Setting trägt. Ob die beiden Figuren sich lieben, oder nur das eigene Ich im Anderen suchen, ob das Leben ein Kunstwerk ist, ob Kunst doch irgendwie Konsum bleibt und was es mit dem Fetisch für Ganzkörper-Katzenkostüme auf sich hat, muss wohl jeder Kinobesucher selbst beantworten.

Kinder sind die besseren Erwachsenen –Der Dokumentarfilm Komunia bricht Zuschauern das Herz

Ein modernes Aschenputtel. Nur der Prinz ist nicht in Sicht. Eigentlich gibt es auch keine böse Stiefmutter, nur eine überforderte und abwesende leibliche Mutter. Das Aschenputtel im polnischen Film Komunia (dt. Kommunion) heißt Ola Kaczanowska. Ola fegt die verdreckte Wohnung, heizt den Ofen an und schreibt Briefe für ihren Vater ans Sozialamt. Der kauft zwar ab und zu ein billiges Geschenk für sein Töchterchen, doch meist sitzt er in der engen Sozialwohnung und trinkt. Und sonst? Kriegt auch er nicht viel auf die Kette. Höchstens Zigaretten. Statt mit bösen Stiefschwestern teilt Ola ihren Alltag mit ihrem autistischen Bruder Nikodem. Der will alles, nur kein Mensch sein. Viel lieber wäre er ein Tier. Ein Löwe oder ein Bär. Aber das geht nur im Märchen und dieser Film ist kein Märchen. Denn in Märchen gibt es Wünsche, Träume, Hoffnungen und in Komunia gibt es nichts als die triste Realität und mittendrin zwei Kinder, die so haltlos und so verloren und dabei so unendlich stark sind. Olas Kindheit wurde vom Stundenplan gestrichen, als die Mutter die Familie verließ. Jetzt muss Ola die Mama spielen, mit all den Aufgaben und Verpflichtungen und Überforderungen, die ihr kranker Bruder Nikodem ihr unbewusst auferlegt. Ola liebt ihre Mutter trotzdem noch aus der Ferne. Am Telefon versucht das Mädchen, sie immer wieder zu überzeugen, ihre alte Familie zu besuchen. Auf die Absagen reagiert Ola mit erwachsenen Worten “Du warst immer zuhause und Vater hat gearbeitet. Jetzt musst du auch mal an dich denken und an dein Baby.” Doch wer denkt eigentlich an Ola und Nikodem? Die Kamera begleitet die zwei aufmerksam in der Einöde einer polnischen Kleinstadt und fängt so intime und geladene Momente ein, dass die Nähe beim Zusehen fast unerträglich wird. Komunia zeigt aber nicht nur ein besonderes Familienschicksal und eine besondere Alltagsheldin. Das Erstlingswerk der Regisseurin Anna Zamecka hält gleichzeitig den Finger auf das kaputtes System eines Landes, in dem Institutionen wie Kirche oder Jugendamt nicht mehr als leere Hüllen sind. Sie sind die Fassaden eines Polens, das janusköpfig auf der einen Seite den Wert der Familie hochhält und auf der anderen Seite seine verlorenen und ungewollten Kinder nicht aufzufangen weiß. Zurecht wurde Komunia auf Filmfestivals wie Locarno ausgezeichnet und zurecht wird dieser feine, leise und hoch emotionale Film nun im Rahmen des filmPolska Filmfestes auch in Berliner Kinos gezeigt.

Die strahlende Königin des Radiums

„Können Pferde den Nobelpreis bekommen?“„Nein, nur Männer. Und deine Mutter“, erklärt Pierre Curie (Charles Berling) seiner kleinen Tochter Irène an einem Morgen im Jahr 1903. Seine Ehefrau Marie Curie (Karolina Gruszka) hat gerade als erste Frau den Nobelpreis erhalten. Auch nach diesem Erfolg arbeitet das Paar unermüdlich an der Erforschung des Elements Radium, das große Erfolge in der Krebstherapie verspricht.

Als Pierre von einem Fuhrwerk überrollt und getötet wird, stürzt sich Marie Curie noch tiefer in ihre Arbeit. Nur so fühlt sie sich ihrem verstorbenen Mann nah. Ohne seine Unterstützung ist sie dem frauenfeindlichen Milieu der pariser Akademiker nun allein ausgeliefert. Obwohl sie wohl die beste Kandidatin für seinen nun vakanten Lehrstuhl an der Sorbonne ist, muss sich die junge Wissenschaftlerin diesen hart erkämpfen. Diese Diskriminierung und die harte Arbeit hinterlassen ihre Spuren innerlich und äußerlich, wie die ständig entzündeten Fingerspitzen vom Kontakt mit dem radioaktiven Material.

Erst der ehemalige Schüler ihres Mannes, Paul Langevin, bringt ein wenig Leichtigkeit in ihr Leben zurück. Aus einem Flirt im Labor entwickelt sich eine Affäre zwischen dem verheirateten Langevin und der „strahlenden Königin des Radiums“, ein Skandal.

Schnell erfährt nicht nur die Ehefrau, sondern auch die Öffentlichkeit von dieser Beziehung. Die Boulevard-Presse sieht die Gelegenheit die ihr sowieso suspekte, zu intellektuelle Frau zu diffamieren. Sie wird als Hure, Ausländerin und Jüdin beschimpft. Ihr Streben als erste Frau in die Académie des sciences aufgenommen zu werden scheitert. Der schwedische Botschafter bittet sie, auf ihren nun zweiten Nobelpreis zu verzichten. Doch Marie Curie fährt nach Stockholm und empfängt in Begleitung ihrer Tochter Irène den Preis.

Unterlegt von klassischer, oft fast spieluhrgleicher Musik erzählt die französische Regisseurin Marie Noëlle die Geschichte der in Warschau geborenen Maria Salomea Skłodowska. Von Sonnenlicht, zumeist durchs Fenster, beschienen, scheinen die Schauspieler wie aus einem Gemälde von Jan Vermeer. In dieser glühenden Lichtstimmung zeigt der Film eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin, und auch Liebhaberin.

Hier offenbart sich seine Schwäche: Obwohl er versucht, die sexistische Diskriminierung der Protagonistin aufzuzeigen, verwendet er doch viel zu viel Zeit darauf, das Beziehungsleben Marie Curies zu inszenieren. Ihre Genialität und ihr Kampf, sich im akademischen Milieu gegen die sexistische Wissenschaftselite durchzusetzen, werden auf Kosten der Romantik an den Rand gedrängt.

Der Zuschauer muss genau hinsehen, um den feministischen Kern des Films zu entdecken. Besonders am Schluss wird klar, Marie Curie kämpft gegen den Sexismus in der Wissenschaft nicht um ihrer selbst willen, sie will bessere Voraussetzungen für ihre Töchter, die sie leidenschaftlich fördert.

Auch heute sind Frauen vor allem in den Naturwissenschaften Diskriminierung ausgesetzt. Die Botschaft lautet daher an etablierte Wissenschaftlerinnen, Frauen in ihren Fachbereichen zu fördern. Marie Curie behandelt damit ein noch immer aktuelles Thema und inspiriert, sich mit einer Vorreiterin für Frauen in der Wissenschaft zu beschäftigen.

Olgas Rache

„Mörder sind Produkte ihrer Zeit und dies sind blutrünstige Zeiten“, sagte der amerikanische Serienmörder Richard Ramirez in einem Interview. Ist tatsächlich die Gesellschaft Schuld? Das fragt der Film I, Olga Hepnarova, der auf einem wahren Fall beruht.

In vielen Szenen ist man versucht, Olga Hepnarova (Michalina Olszanska) mit dem Rotstift zu umkringeln. Sie ist fehl am Platz, sowohl in ihrer Familie als auch im männerdominierten Beruf. Sie ist Lastwagen-Fahrerin. Ein junge Frau mit Mia-Wallace-Frisur und der Mimik eines Vincent Vega, die sich von seiner Umwelt durch eine immerwährende Wolke aus Zigarettenrauch abzuschirmen scheint. Nur in ihrer Homosexualität scheint sie sich ausleben zu können. Doch Olga verliert sich zwischen der verzweifelten Suche nach Nähe und Selbstisolation und rutscht immer tiefer in die Depression. Schon einmal hat sie versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Aber nun spürt sie eine immense Wut. Olga will nicht leise und allein gehen, sie will Rache an der Gesellschaft, von der sie sich zum „Prügelknaben“ degradiert fühlt. In einem Brief schreibt sie: „Es wäre zu einfach diese Welt als eine unbekannte Selbstmörderin zu verlassen. Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, gut so. Hier ist mein Urteil: Ich, Olga Hepnarova, das Opfer eurer Bestialität, verurteile euch zum Tode.“

Am 10. Juli 1973 drückt die junge Frau auf das Gaspedal, rast über den Bürgersteig und tötet acht Menschen.

Wenn jemand mordet, folgt sofort die Frage nach dem „Warum“. Eine Erklärung beruhigt. Die Polizei sucht nach Briefen und Tagebüchern von Amokläufern und versucht jeden Schritt ihres Seelenlebens nachzuvollziehen. Der Film bemüht sich nicht um eine Rekonstruktion, er deutet lediglich an. Die Prügel im Mädchenwaschraum. Die Mutter, eine Ärztin, die gegen die Verzweiflung ihrer Tochter bloß Rezepte auszustellen weiß. Der Film zeigt, dass nicht die Summe der einzelnen Begebenheiten entscheidend ist, sondern das subjektive Gefühl, das schließlich zur Tat führt. Mehrmals bittet die depressive Olga um eine schnelle Überweisung in eine psychiatrische Klinik und wird abgewiesen. Auch heute warten Betroffene oft monatelang auf einen Therapieplatz. Die Verantwortung der Gesellschaft ist es, Menschen Hilfe zu bieten und die Augen offen zu halten für die, die sie brauchen könnten. „Wenn ihr nicht Menschen heranzüchtet wie mich, dann werden sie nicht so denken wie ich und sie werden nicht tun, was ich tat.“

Also bringt es zu Ende. Olga fordert für sich die Todesstrafe. Jegliche Bemühungen ihres Anwalts lehnt sie ab. Sie sei vollkommen schuldfähig und spüre keine Reue. Das Gericht stimmt schließlich zu. Nach einem Jahr Gefängnis ist Olga gebrochen. Aus der entschlossenen jungen Frau ist ein psychotisches Wesen geworden. Ihr fehlt der Bezug zur Realität und zur eigenen Tat. Trotzdem hält das Gericht an seinem Urteil fest. Olga tobt als sie zum Galgen geschleppt wird.

Die tschechischen Regisseure Tomas Weinreb und Petr Kazda erzählen in klaren schwarz-weiß Bildern die Geschichte der letzten Frau, die in der Tschechoslowakei hingerichtet wurde. Der Film nimmt sich Zeit, die Person Olga Hepnarova zu skizzieren ohne dass, diese jemals nahbar wird. Er zeigt lesbischen Sex jenseits von männerzentrierter Porno-Ästhetik und filmt schonungslos weiter, wo andere Filmemacher sanft abblenden. Am Ende ist Olga Hepnarova nicht die heroische Rächerin der Außenseiter, sondern Opfer ihres eigenen Plans. Was bleibt ist, das Unbehagen über die Frage, ob unsere Gesellschaft bereits die nächste Olga heranzüchtet.

Outside society is where I want to be!

Die Stille des Kinosaals vor der letzten Abendvorstellung wird durch ein leises Plätschern des Springbrunnens vor der Leinwand des FSK Kinos und irritierten Kommentaren der Besucher unterbrochen. „Bleibt der jetzt den ganzen Film lang an?“– Nein, er verstummt, noch ehe wir Olga Hepnarovás Mutter „Aufstehen, Mädchen!“ rufen hören.

Já, Olga Hepnarová erzählt das Leben einer Massenmörderin, die 1973 in Prag mit einem Laster in eine Menschenmenge fährt und dabei acht Menschen umbringt. Überfliegt man den letzten Satz, fühlt man sich sofort an die Terroranschläge in Nizza, Berlin und London erinnert. Doch dieser Film spielt in Prag in den 70er Jahren und fokussiert sich auf die Darstellung der Täterin statt auf die ihrer Tat. Mit langen Einstellungen nimmt er die Perspektive Olgas auf ihre Mitmenschen ein, die fast jeden näheren menschlichen Kontakt als Angriff oder Beleidigung empfindet. Schritt für Schritt bereitet die Erzählung auf den Anschlag Olgas vor. Sie wächst in einer gefühlskalten Familie auf und kommt nach ihrem ersten Selbstmordversuch in eine Jugendpsychiatrie, in dem sie von den anderen Mädchen verprügelt wird. „Wenn du dich umbringen willst, musst du einen starken Willen haben.“ sind die Worte, die ihre Mutter Olga mitgibt. Olga wird Lastwagenfahrerin und langsam deuten ihre Aussagen der eingespielten Therapiesitzungen ihre Entscheidung an. „Es wäre zu einfach, diese Welt als unbekannte Selbstmörderin zu verlassen. Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, zu Recht. Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode.“ schreibt sie in einem Brief, den sie vor ihrer Tat verfasst. Der Film konfrontiert uns nicht mit spektakulären oder brutalen Szenen der Gewalt einer Massenmörderin. Er konfrontiert uns mit der komplexen Geschichte einer Außenseiterin, die die Gesellschaft für die eigene Ausgrenzung bestraft. Statt ihre Tat vor Gericht zu leugnen, legt sie ein Geständnis ab und fordert das Gericht auf, sie zur Todesstrafe zu verurteilen, um ein Exempel für die Außenseiter dieser Gesellschaft zu statuieren.

Den tschechischen Regisseuren Tomáš Weinreb und Petr Kazda gelingt gemeinsam mit der grandiosen Schauspielerin Michalina Olszanska die facettenreiche Zeichnung der Figur einer introvertierten jungen Frau, die sich in Rauch aufzulösen scheint. Eine verschwindend dünne Kettenraucherin, die sich im Nebel des Zigarettenrauchs versteckt. Eine Lesbe, die im sozialistischen Prag der frühen 70er Jahre Schwierigkeiten hat, ihre Sexualität auszuleben. Olga, eine heranwachsende Frau mit Persönlichkeits-störung oder überdurchschnittlicher Intelligenz? Ein Opfer oder eine Täterin? Die Regisseure positionieren sich nicht und es bleibt die ethische Frage: Ist Olga das Opfer einer bestialischen Gesellschaft oder eine bestialische Täterin? Das Gericht entscheidet für Letzteres und verurteilt Olga zum Tod durch Erhängen. Im wahrsten Sinne des Wortes muss die Familie nun die Suppe auslöffeln, sieht man sie doch in der letzten Einstellung nach Olgas Tod beim gemeinsamen Suppe essen. Der stille Abspann des Films wird unterbrochen von dem leisen Plätschern des Brunnens und der geflüsterten Frage: „Ich hab‘ das Ende nicht ganz verstanden?“