Tag 3: Please don’t stop the Music

Der 3. Tag in Berlin beginnt, wie die kommenden 3 Tagen auch beginnen werden: Mit Schreiben von Rezensionen über Filme, die ich am Abend zuvor gesehen habe. Gestern habe ich Foreign Body (Obce ciało) von Krzysztof Zanussi gesehen. Er hat mir nicht gefallen, in meiner Kritik schreibe ich sogar, er sei misogyn, eine Feststellung, zur der ich erst beim Schreiben gekommen bin und dessen Härte mich überraschte, aber ich stehe dazu.

Nachmittags Redigieren der Texte mit Detlef Kuhlbrodt. Aber wen interessiert das? Heute Abend findet die, so sagt man, legendäre filmPOLSKA-Party statt. In Gedanken dusche ich bereits, lege nicht gerade sparsam Deo auf und verleihe meiner Gesichtsbeharrung mit Hilfe eines wohlduftenden Bartöls etwas Glanz. Die Realität sieht dann doch etwas anders aus. Aber wen interessiert das?

Die Party findet dieses Jahr im Silver Wings Club statt. Freier Eintritt und freie Getränke, naja, 3 Freigetränke, aber das reicht, bin ja nicht gierig. Bereits nach wenigen Minuten bereue ich, so spät gekommen zu sein (aber ich musste mir noch einen Film ansehen, deswegen bin ich ja in Berlin). Der Grund: Der Live-Auftritt von Mary Komasa & Band. Das Wenige, das ich höre, fesselt mich. Die eindringlich minimalistischen Synthesizersounds gepaart mit der tollen Stimme der Sängerin laden zum rhythmischen Hin- und Herschwenken ein. Während ich diese Zeilen schreibe, draußen, in der Sonne, mit Kopfhörern im Ohr, lasse ich mich von Marys Musik inspirieren. Aber wen interessiert das?

Aber zurück zur Party. Viele nette Leute, viele nette Gespräche (und das meine ich ausnahmsweise nicht ironisch). Bisschen tanzen, leider ist die Musik nicht so tanzbar wie gewünscht. Zu viel Raucherecke. Immerhin treffe ich dort zwei Workshop-Teilnehmer aus dem vergangenem Jahr, wir tauschen Erfahrungen und Nummern aus.

Es ist kurz vor 3, die Party ist am Siedepunkt angelangt. Langsam leert sich die Location, die Musik ist aus und wir werden aufgefordert, unsere Jacken an der Garderobe abzuholen. Auf dem Weg zur U-Bahn rauche ich meine letzte Zigarette, unnötig, schmeckt gar nicht, aber weil ich betrunken bin, rauche ich sie aus.

Keine Party ist komplett ohne einen abschließenden Döner oder fettigen Burger. Am Zielbahnhof kaufe ich mir im Magges zwei Cheesburger. Weil sie günstig sind und ich nicht mehr Bargeld habe. Das Beste an diesem „Burger“ ist der Moment, wenn man auf das Stück Gürkchen beißt. Ahh… Aber wen interessiert das?

Es ist kurz vor 4 Uhr morgens. Ich muss morgen Vormittag eigentlich noch was schreiben. Ich greife zum Handy und schreibe meiner Freundin, was ich heute Abend alles erlebt habe. Sie interessiert das.

Tag 2: Diamanten, Döner und fremde Körper

Die Überambition dringt mir durch alle Poren. 7:30 Uhr klingelt mein Wecker, nach einmaligem Schlummertaste-Drücken steh ich auf. In meinem Zimmer (im Hostel baxpax) ist es stickig, ich gehe ins Bad und muss an die Anfangsszene von American Beauty denken – entscheide mich aber, den Gedanken nicht zu Ende zu führen.

Unser filmPOLSKA Programm beginnt heute um 11 Uhr, bis dahin jede Menge Zeit, um etwas über den gestrigen Eröffnungsfilm zu schreiben, denke ich mir und bin selbst überrascht, dass ich es in dieser kurzen Zeit geschafft habe. Der Programmpunkt um 11 Uhr mit der Referentin Joanna Łapińska ist der Geschichte des Polnischen Films gewidmet. Jeder der Kursteilnehmer bekam einen Klassiker des Polnischen Kinos zugeschickt und sollte darüber einen max. 5-minütigen Vortrag vorbereiten. Nachdem die technischen Probleme behoben wurden, konnten wir uns auch Ausschnitte aus solchen Filmkrachern wie z.B. Ashes and Diament von Andrzej Wajda, Knife in the Water von Roman Polański oder auch Ida von Paweł Pawlikowski ansehen. Leider begrenzte sich die filmgeschichtliche Sitzung auf die oberflächliche Präsentation der wenigen ausgewählten Filme. Auf der anderen Seite: wie will man in 2,5 Stunden 100 Jahre nationale Filmgeschichte unterbringen?

In der Mittagspause gibt’s einen Dürüm Döner, kredenzt mit körnigem Frischkäse, Dill (ein meiner Meinung nach unterschätztes Grünzeug) und einem Spritzer Zitronensaft. Mein Gaumen fühlt sich geschmeichelt.

Das anschließende Treffen mit Detlef Kuhlbrodt, mit dem wir in den kommenden Tagen unsere Texte redigieren werden, beschränkt sich auf einige organisatorische Punkte und ist wesentlich schneller vorbei als angesetzt, wodurch sich eine geplante 2-Stunden-Pause zu einer über 3-stündigen entwickelt. Der kreative Vibe der Stadt hat mich immer noch fest umarmt und flüstert mir zu: schreiben. Ich kann mich des sinnlichen Worts nicht entziehen und verfasse das, was jetzt als erster Tagebucheintrag bekannt wurde.

Den theoretischen Teil des filmPOLSKA Workshops beenden wir mit einer Einführung Alexander Koenitzs über den filmPOLSKA-Blog, was genau genommen eine Einführung in WordPress war. Parallel fand andernorts eine Technik-Einweisung von Tim Thaler für die Radio-Redaktion statt.

Danach noch ein Kinobesuch, diesmal Foreign Body (Obce ciało) Krzysztof Zanussi. Der Film gefällt mir nicht, ein Kinobesucher verlässt nach der Hälfte gar den Saal, ich aber bleibe bis zum Schluss. Noch nie habe ich das Kino vorzeitig verlassen, dafür habe ich zu viel Respekt vor dem auf der Leinwand Gezeigten (und das Eintrittsgeld gibt’s auch nicht zurück, also lieber sitzenbleiben und ggf. schlafen). Ich verlasse das Kino mit einem unbefriedigenden Gefühl und sehe, dass es immer noch regnet, ein ekliger Nieselregen, nicht stark genug, um den Schirm aufzuspannen, aber stark genug, um mich zu ärgern. Meine kreative Energie ist für heute aufgebraucht, ich habe keine Ahnung was ich über den Film von Zanussi schreiben soll, das wird ein kleiner Kampf morgen und, Spoiler, das war es auch.

Tag 1: Berlin – Traum und Realität

4:30 morgens, Wecker klingelt.

Schlaf aus den Augen reiben, Zähne putzen, noch ein letzter Gähner vorm Spiegel und auf geht’s zum Bahnhof.

Es ist Mittwoch, Strecke Hamburg – Berlin. Eine Jungfernfahrt.

Kaum am Berliner Hbf angekommen spüre ich den Vibe, von dem ich schon so viel gehört habe.

Die Sonne scheint 24/7, Hippster everwhere, die Stadt die niemals schläft, die Stadt, in der Vogelkacke die Autos reinigt, Leitungswasser wie Champagner schmeckt und die Penner den Passanten Geld aufdrücken. Der Himmel ist nicht über Berlin, Berlin ist der Himmel. Ich sollte die Sarkasmusschraube etwas lockern.

Ich bin in Berlin wegen dem filmPOLSKA, der sich nun in seinem 12. Jahr befindet. Genauer gesagt bin ich in Berlin, weil ich an einem Filmkritiker-Workshop teilnehme, der im Rahmen der Festivals angeboten wird. Der Workshop findet im Polnischen Institut Berlin statt, einem hübschen Gebäude an der Spree mit einem noch hübscheren Ausblick auf die Museumsinsel. Kaffee gibt’s dort gratis und auch Wasser, polnisches Wasser wohlgemerkt. Warum? Keine Ahnung, wird wahrscheinlich subventioniert, um die polnische Mineralwasserwirtschaft zu unterstützen.

Wir sind zu 7 im Worshop: Heike, Christina, Leon, Sophia, Katharina, Katja und ich, Tomasz. Alles Lokalmatadoren, einige auch hier aufgewachsen, aber alle leben sie hier. Ich komm wir vor wie ein Fremdkörper, die Coolness der Hauptstadt stößt mich ab. Ich wollte die Schraube doch lockern…

Nach der Einführung in das Festival, das Programm und den Workshop und der obligatorischen Vorstellungsrunde beginnt der Scheiß. Zuerst ein Überblick über Interviewtechniken mit Denis Demmerle, inklusive erneuter Vorstellungsrunde. Danach Mittagspause, zu kurz. Anschließend eine weitere Vorstellungsrunde gefolgt von einem Gespräch mit dem Filmkritiker Jan Schulz-Ojala über Formen, Formate und Funktionen der Filmrezension. Sehr spannende Sache, viele gute Impulse. Um 18 Uhr, kurz vor der feierlichen Festivaleröffnung, hatten wir noch ein Kollektivinterview mit Knut Elstermann, der uns den Beruf des freien Filmkritikers/-journalisten sehr schmackhaft macht. Ich habe Blut geleckt, die etwas idealisiert Darstellung des Jobs hat mir gefallen, ich muss aktiver an die Vermarktung meiner Texte gehen.

Endlich Festivaleröffnung. Natürlich stehen wir auf der Gästelist, ist ja eine geschlossene Gesellschaft. Das Motto dieses Jahr ist Freiheit, das spiegelt sich auch auf den Eintrittskarten wieder: freie Platzwahl. Ich liebe Freiheit! Bevor es mit dem Eröffnungsfilm losgeht mühselige Grußworte, langweilig. Mit einem Höhepunkt allerding: der unterhaltsamen Anekdote des Ehepaares Erika und Ulrich Gregor, die erzählten wie sie in den 60ern polnische Filme in Westberlin zeigten. Sie gewannen einen Ehrenpreis für die Förderung der polnischen Filmografie in Deutschland, genauso wie Knut Elstermann.

Der Film beginnt, es ist You have no Idea how much I love You (Nawet nie wiesz, jak bardzo cię kochem) von Paweł Łoziński. Ein Dokumentarfilm. Er gefällt mir. Der Workshopgruppe ebenfalls.

Es ist spät geworden, es war ein langer Tag. Wir verabschieden uns, Küsschen links, Küsschen rechts. Ich gehe in mein Hostel, beziehe mein Bett, putze mir die Zähne, gähne nochmal theatralisch in den Spiegel und lege mich hin. Facebook und Instagram gecheckt, Wecker gestellt. Das Schnarchen meines Zimmergenossen wiegt mich in den Schlaf. Ich träume von angetrockneter Vogelkacke am Auto, von Fusseln im Leitungswasser, von Obdachlosen, die um ein paar Cent betteln…die Realität hat mich eingeholt.