OPEN CALL: 4. DEUTSCH-POLNISCHES PROGRAMM „Über Filme schreiben ist über die Welt schreiben“, 03.-08. Mai 2017

In einem 2-tägigen theoretischen und einem 4-tägigen praktischen Teil bilden sich die Teilnehmenden weiter in modernen Formen filmjournalistischen Handwerks (mit einem Fokus auf Print, Online und Radio), befassen sich mit aktuellen Herausforderungen der filmjournalistischen Arbeit, diskutieren die Rolle der Medien bei der Vermittlung deutsch-polnischer Filmkultur und informieren sich über das aktuelle polnische Kinogeschehen.

Begleitend produzieren sie, gemeinsam mit Medienprofis, eigene Text- und Radiobeiträge über das Polnische Filmfestival filmPOLSKA, die in verschiedenen Medien veröffentlicht werden.

Zudem wird eine Jury unter den Teilnehmenden bis zu zwei Personen auswählen, die die exklusive Möglichkeit erhalten, vom 4.-7. August während des Filmfestivals New Horizons, dem größten internationalen Filmfestival in Polen, an dem Workshop „A Sunday in the Country“ in der Nähe von Wrocław teilzunehmen.

Das Journalistenprogramm bietet eine exzellente Gelegenheit, bestehendes Wissen zu vertiefen, neue Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und das eigene Portfolio zu erweitern.

Wer kann sich bewerben?

Der Workshop richtet sich an angehende Filmkritiker*innen und Journalisten*innen zwischen 20 und 26 Jahren aus Polen und Deutschland, die Lust am Polnischen Kino und bereits (erste) Erfahrungen im Schreiben und Berichten über Filme haben und sie im Rahmen des Festivals filmPOLSKA vertiefen möchten.

Bewerbung und weitere Informationen:

Bewerbung:            ausgefüllter Bewerbungsbogen (https://goo.gl/CJ2YkA) und Arbeitsproben bis 12. April 2017 an
Kontakt:                  medienworkshop(at)filmpolska.de oder Fax 030/ 24 75 81 30
Veranstaltungsort:  Polnisches Institut Berlin, Burgstraße 27, 10178 Berlin

Was ist noch wichtig?

Die Arbeitssprachen sind Deutsch und Englisch.

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 25 EUR. Reise- und Unterbringungskosten in Berlin können leider nicht übernommen werden.

Ein eigener WLAN-fähiger Laptop. Sollte dieser nicht vorhanden sein, bitten wir im Vorfeld mit uns in Verbindung zu treten.

Falls eine eigene Videokamera vorhanden ist, kann diese ebenfalls mitgebracht werden. Es besteht die Möglichkeit Videos zu produzieren.

Alle Teilnehmenden sollten während des gesamten Workshops Zeit haben und sich aktiv einbringen.

Hier nochmal die ganze Ausschreibung als PDF.

Warschau 44

Für mehr als zwei Stunden schauen die Zuschauer des Films “Warschau 44” das an, was der Verlauf des Warschauer Aufstandes im Sommer 1944 sein soll. Man sieht zerstörte Gebäude, unterschiedliche Waffen und Militärfahrzeuge, und vor allem sehr viel Blut. Nicht viel mehr. “Warschau 44” ist einer der teuersten Filme in der polnischen Filmgeschichte, das beweisen unter anderem die knapp zwei Minuten laufenden Titel der Sponsoren am Anfang. Aber mit welchem Zweck wurde dieser Film gemacht?

Von der ersten und bis zur hundertsiebenundzwanzigsten Minute des Films hat man ein starkes Gefühl von Künstlichkeit. Die Schauspieler – athletische Frauen mit rosigen Wangen und bewegungslosen Frisuren, muskulöse, körperhaarlose Männer mit perfektem Lächeln – tragen endlose Variationen vielfarbiger Klamotten, was mehr an eine Modekollektion erinnert als an die Bewohner einer zerbombten Stadt während des Krieges.

 

Auch die Handlung selbst scheint nicht viel mit der realen Welt zu tun zu haben. Die Kampfszenen wirken wie die traumhafte Fantasie eines von der Realität enttäuschten Filmemachers geht. Fliegende Kugeln in Slow-Motion – ist das ein Auszug aus dem neuen James Bond Film? – heldenhafte Rettungen von hungrigen Juden und weinenden Babys, alles ist da. Von Zeit zu Zeit ändert sich der Stil radikal: Plötzlich befinden sich die Figuren in einem Pop-Musikvideo mit langsam schwebenden Blütenblättern, dann nehmen sie an einem gewalttätigen Computerspiel teil, manchmal sind sie auch in einem Zombiefilm zu finden. Wer in der Produktion hat das erlaubt.

Alles, was die Protagonisten machen, ist so heroisch, so perfekt, so künstlich. Wollte der Regisseur einfach einen eigenen “Saving Private Ryan” machen? Ein anderer Grund für die Produktion dieses Films ist nicht zu finden. Aber die extreme Künstlichkeit sorgt für einen sehr großen Abstand zu der eigentlichen Geschichte. Alles ist einfach so unglaubwürdig, dass man sich während des ganzen Films fragt, welche Verbindung – wenn überhaupt – der Film mit der richtigen Realität hat.

Brauchen die Ereignisse während des Aufstandes einen grandiosen, heroischen Film, um existiert zu haben? “Warschau 44” stellt – vielleicht gar nicht so absichtlich – wichtige Fragen in Bezug auf die Geschichtsschreibung. Was ist im Laufe des Warschauer Aufstandes eigentlich passiert? Angesichts der langjährigen Recherche vor den Dreharbeiten sollte der Film diese Frage beantworten, oder zumindestens einige neue Daten präsentieren. Aber weißt man, nach dem Film mehr über den Warschauer Aufstand? Die traurige Antwort ist nein. Kann man überhaupt etwas sagen, außer dass mehrere Menschen gestorben sind? Auch hier – nein.

Der Filmemacher und sein riesiges Team hatten vielleicht die Absicht, einen Mythos für das polnische Volk zu erschaffen, oder den polnischen Beteiligten des Aufstandes eine Hommage zu schenken. Aber was sagt dieser Film? Warum sollte man ihn anschauen? Fünf Minuten nach dem Ende bleibt in den Köpfen der Zuschauer nicht mehr so viel übrig. Ein Tag danach einfach nichts mehr.

Schade.

Warschau 44; PL 2014; R: Jan Komasa; 127 Minuten

(Text: Itamar Gov)

Warschauer Aufstand/ Miasto 44

„Im Warschauer Aufstand haben doch die Juden im Ghetto gegen die Deutschen gekämpft oder?“   Kaum einer hierzulande weiß, dass es in Warschau zwei Aufstände gab, wenn überhaupt kennt man nur den Kampf der jüdischen Ghettobewohner gegen die deutsche Besatzung im Frühjahr 1943.Doch ein Jahr später gab es einen weiteren Aufstand, den sogenannten Warschauer Aufstand, im Sommer 1944. 63 Tage lang kämpften vor allem jugendliche Polen gegen die Nazis, am Ende wurde die Stadt dem Erdboden gleichgemacht.

Im Rahmen des Festivals filmPOLSKA hat das Berliner Publikum nun die Chance, sich mit zwei Filmen dem Thema zu nähern. Beide sind 2014 zum 70. Jahrestag des Aufstands in Polen in die Kinos gekommen und könnten unterschiedlicher kaum sein:

Miasto 44 (wörtlich übersetzt: Die Stadt 44) ist ein Spielfilm im Blockbuster-Format, Unsummen sind dafür ausgegeben worden, die Produktion hat acht Jahre gedauert. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht eines jungen Mannes. Stefan genießt zusammen mit seinen Freunden den Sommer, geht schwimmen, tanzen, trinken. Die bereits über fünf Jahre lang andauernde deutsche Besatzung scheint kaum Einfluss auf das Leben der jungen Leute zu haben. Trotzdem  wollen sie kämpfen, es den Deutschen zeigen, jetzt, wo die Sowjets kurz vor Warschau stehen und der Krieg damit sicher bald vorbei sein wird. „The underground is so much fun!“ verspricht ihm ein Freund. Das Abenteuer kann beginnen. Der Warschauer Aufstand als eine Art Computerspiel: Actionreich, mit elektronischer Musik, Slow-Motion-Elementen, Sex& Rock’n’Roll. Aber schnell wird klar. Der Warschauer Aufstand ist kein Kinderspiel, kein Abenteuer für Jugendliche, sondern die größte Katastrophe, die Warschau jemals erlebt hat. Und das wird mit ungeheuerlicher Brutalität gezeigt: Blut und Leichenteile fallen nach einem Bombenangriff wie Regen vom Himmel. Kinder werden von Bäumen geschossen wie Vögel, eine Granate entstellt das Gesicht eines Aufständischen. Dieser Film tut körperlich weh. Abscheu, Ekel, Wut machen sich breit.

Inmitten der Kämpfe sieht man immer wieder Fotografen, die den Aufstand für die Nachwelt festhalten. Ein Hinweis vielleicht auf den zweiten Film, der schlicht ‚Warschauer Aufstand‘ heißt. Ein Dokumentarfilm, den es in dieser Art und Weise noch nie gegeben hat. Ausschließlich Originalfilmmaterial aus den Aufstandstagen ist dafür verwendet worden. Dieses stark beschädigte und ohne Ton aufgenommene Schwarz-Weiß-Material wurde mit einem schier unglaublichen Aufwand koloriert, mit Musik unterlegt und mit Hilfe von Lippenlesern wurden sogar die Gespräche der Gefilmten wieder hörbar gemacht. Zwei Kameramänner sprechen aus dem Off  über das Filmmaterial, überlegen sich, welche Situationen sie dokumentieren wollen, bringen ihr Leben in Gefahr, um möglichst nah am Geschehen sein zu können. Im Gegensatz zum Spielfilm werden hier anfangs die noch nicht umkämpften Stadteile gezeigt, in denen noch eine gewisse Normalität herrschte. Die Gefilmten sehen glücklich aus, voller Hoffnung und Tatendrang. Sie sind bestens organisiert, drucken Zeitungen, backen Brot für Zivilisten und stellen ihre eigenen Waffen her. Auch die große Bedeutung der Kirche wird herausgestellt: Ständig finden Gottesdienste statt, Tote werden im Beisein eines Priesters begraben, Hochzeiten werden geschlossen. Durch das Wissen um das tragische Ende dieses Aufstandes berühren die anfänglich hoffnungsvollen Szenen umso mehr. Sie sind kaum zu ertragen.

Erst vor wenigen Tagen ist einer der berühmtesten Aufständischen verstorben, Władysław Bartoszewski, der frühere polnische Außenminister.   Gerade deshalb ist es wichtig, die Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten. Piotr Śliwowski, Drehbuchautor des Dokumentarfilms, betont, dass durch die Kolorierung des Materials vor allem jungen Leuten der Zugang zum Thema erleichtert werden soll. Mit beiden Filmen wurde absichtlich kein Altmeister  betraut, sondern der Jungregisseur Jan Komasa. Sie unterscheiden sich nicht nur durch das Genre, sondern zeigen auch unterschiedlichen Facetten des Aufstands.

Es macht vor allem Sinn, sich beide Filme anzuschauen. Zusammen zeigen sie nicht nur den Warschauer Aufstand, sondern verdeutlichen auf universelle Weise, was Krieg für die Bevölkerung bedeutet. „Die Filme könnten genauso gut auch den Alltag in Syrien oder im Irak zeigen“, betont Śliwowski.

Warschau 44 (Miasto 44); PL 2014; R: Jan Komasa; 127 Minuten / Warschauer Aufstand (Powstanie Warszawskie), PL 2014; R: Jan Komasa; 85 Minuten

(Text: Lena Hauschild)

Jack Strong: Ein Agentenmärchen

Es war einmal eine Welt ohne Zweifel. Coca-Cola-Rot unterschied sich klar vom Kommunisten-Rot, die Welt war aufgeteilt in zwei Blöcke, und dass die Vereinigten Staaten den Block der freien Welt führten, stand ebenso fest wie der Fakt, dass die Sowjetunion die Staaten im Osten Europas wie Vasallen unterdrückte. Diese Welt der Klarheit ist verloren; vielleicht hat es sie auch nie gegeben. Doch Wladislaw Pasikowskis “Jack Strong” spielt genau in einem solchen Szenario.

Der Agententhriller behandelt die wahre Geschichte von Ryszard Kuklinski. Der Oberst in der polnischen Volksarmee spionierte unter dem Decknamen Jack Strong für die CIA. Zwischen 1972 und 1981 verriet er den Amerikanern die Angriffspläne des Warschauer Paktes, welche Einheiten die Sowjets haben und wo sie sie stationieren. Mehr als 400 000 Seiten streng geheimer Informationen übermittelte er im Laufe der Zeit nach Washington. Bis er 1981 kurz vor der Verhängung des Kriegsrechts aus Polen floh. Im Grunde, und das behauptet der Film tatsächlich mehrfach, hat Jack Strong im Alleingang den Warschauer Pakt bezwungen.

Einfache, eindimensionale Aussagen wie diese reihen sich in “Jack Strong” pausenlos aneinander. Die Russen wollen einen enttarnten Spion loswerden? Sie werfen ihn in einen Hochofen. Die Amerikaner wollen sich für Kuklinskis Hilfe revanchieren? Sie zeichnen ihn mit einem Orden aus. Geradezu penetrant versucht Pasikowski, klar zu machen, auf welcher Seite er steht und auf welcher er doch bitte auch den Zuschauer sehen möchte. Für Zwischentöne, Differenzierungen und innere Konflikte ist kein Raum. Das ist zwar infantil, ließe sich aber beinahe ganz nett anschauen. Denn als Agententhriller ist “Jack Strong” zwar etwas glatt, aber gar nicht mal schlecht gemacht. Es gibt geheime Treffen, allerlei technischen Schnickschnack und eine rasante Verfolgungsjagd durchs vereiste Warschau. Pasikowski versteht es, Spannung zu erzeugen.

Doch genau in diesem Punkt überdreht er die Schraube auch: Parallel zur eigentlichen Handlung schneidet der Regisseur immer wieder Bilder von einem Verhör. Die Situation ist bedrohlich, sie suggeriert, dass Kuklinski enttarnt und verhaftet wurde. Pasikowski nimmt das billigend in Kauf, um dem Rest des Films die Spannung nicht zu nehmen. Dass das vermeintliche Verhör jedoch eher ein Gespräch ist, dass Kuklinski sicher in Washington sitzt und nun noch einmal, Jahre später, von seiner Spionage berichten soll, das verrät der Film erst ganz zum Schluss. Mit diesem Taschenspielertrick vernichtet Pasikowski jedes Vertrauen zu der Geschichte, die er zuvor fast zwei Stunden ausgewalzt hat. Er überrascht die Zuschauer damit nicht. Er stößt sie vor den Kopf.

(Text: Mathias Puddig)

Von allem etwas. Und damit zu wenig.

 

„Wird er anders sein, mit diesem neuen Herz? Wird er mich noch lieben?“ Im Polen der 80er-Jahre ist man skeptisch: Nieren transplantieren? Okay. Aber das Herz? Ethisch fragwürdig. Für die meisten Polen ist das Herz nicht nur ein Muskel, kein Organ wie jedes andere, sondern ein „Reliquie“.

„Bogowie“ erzählt die wahre Geschichte des ambitionierten Chirurgen Zbigniew Religa, der im Jahr 1985 die erste erfolgreiche Herztransplantation in Polen durchführen will. Ob es ihm gelingt? Für die, die unter 30 sind oder es nicht vorher recherchiert haben, gibt Regisseur Łukasz Palkowski gleich zu Beginn die Antwort: „Der Patient stirbt auf dem OP-Tisch“. Darum, eine spannende Geschichte, um Erfolg oder Misserfolg Religas zu spinnen, geht es also zurecht nicht.

Auf den ersten Blick erinnert „Bogowie“ an US-Serien wie Emergency Room oder Grey’s Anatomy und greift entsprechende Klischees auf: Gutaussehende Ärzte und blauäugige Schwestern hetzen durch die Gänge, werfen mit Fachjargon um sich und opfern sich für ihre Patienten auf. Einen wichtigen Unterschied gibt es: Keine Techtelmechtel im Bereitschaftszimmer. Hier geht es um den medizinischen Durchbruch, darum, den Lauf der Geschichte zu ändern. Private Liebschaften haben da keinen Platz. Eine schöne Abwechslung.

Weniger abwechslungsreich ist dafür die Darstellung des Dr. Religa. Schauspieler Tomasz Kot scheint sich auf seinem bloßen Erscheinungsbild auszuruhen: Zwei Meter groß, mit breiten Schultern und geduckter Haltung ist er auch ohne viele Worte sehr präsent. Deshalb raucht er lieber, und das ständig. Selbst wenn der echte Dr. Religa ein Kettenraucher war: Eindringliche und nachdenkliche Momente stets durch Nahaufnahmen des an der Zigarette ziehenden Kardiochirurgen verdeutlichen zu wollen, wirkt spätestens nach der ersten Hälfte des Films einfallslos.

Die Handlung wird zu temporeich erzählt. Dadurch verpasst Palkowski die Chance, der revolutionären Leistung Religas und der intimen Problematik der Organspende gerecht zu werden. Eine eigene Klinik binnen kürzester Zeit im ländlichen Zabrze aufbauen? Scheint gar nicht so schwierig. Drei Millionen Dollar für die Ausstattung aquirieren? Die Partei und Kriminelle helfen. Selbstzweifel? Kann man mit Schnaps ertränken. Die Dialoge, die mit viel Humor und Ironie gespickt sind und teils absurd wirken, lassen den Zuschauer diese Vereinfachungen fast verzeihen. Trotzdem: Ob religiöse Tabus, Gängeleien der sozialistischen Führung oder persönlicher moralischer Konflikt, Palkowski reißt in „Bogowie“ viele Themen an – und wäre besser beraten gewesen, sich für eins zu entscheiden.

Götter (Bogowie); PL 2014; R: Lukasz Pawlowski

(Text: Nina Monecke)

Polish Short Waves

Das Kurzfilmfestival Short Waves aus Poznań gibt es seit 2009, die letzte Edition hat im März stattgefunden. Danach sind 5 ausgewählte Filme, wie in jedem Jahr, auf Reisen gegangen: 100 Screenings, 52 Länder, 6 Kontinente. Bei der Vorführung im K18 erzählt Szymon Stemplewski vom Festival, der mit Short Waves gerade zu Besuch bei FilmPolska ist, „wir haben von allem was: polnische Shorts in allen Genres und mit verschiedenen Schwerpunkten, viele Wettbewerbe, Ausstellungen, Workshops“.

Eine Kostprobe davon hat er mitgebracht. Nach den Filmen wird, so wie es Brauch ist bei der „Grand Prix Tour“, darüber abgestimmt, welcher Kurzfilm dem Publikum am besten gefallen hat: gewonnen haben wahrscheinlich die Doku über das winzige polnische Dorf Grunwald, in dem Jahr für Jahr die „Schlacht bei Tannenberg“ (Bitwa pod Grunwaldem) zelebriert wird (ZE WSI GRUNWALD/ FROM GRUNWALD VILLAGE, PL 2014, Artur Wierzbicki; 21 min), und die zweite Doku des Abends, ein Portrait der 90-jährigen blinden Dichterin Krystyna Łagowska (NIEWIDZIALNE/ INVISIBLE, PL 2014, Zofia Pręgowska; 22 min). Die anderen drei – zwei Spiel- und ein Animationsfilm – waren auch super.

„Noch eine Frage: die Filme, die wir gesehen haben, waren ja nicht die Gewinnerfilme eures Festivals. Wo kann man die denn sehen?“, meint die Moderatorin, und Stemplewski überlegt: vielleicht im Dezember. Am kürzesten Tag des Jahres, dann ist ja Tag des Kurzfilms.

Text: Magda Kotek

 

Weitere Kurzfilmabende im Rahmen von FilmPolska 2015:

FILMSCHOOL Łódź
Mo, 27.4.2015 21:00 Filmclub K18
Gast: Grzegorz Jaroszczuk
Die Filmhochschule Łódź bzw. die Staatliche Hochschule für Film, Fernsehen und Theater (PWSFTViT) wurde 1948 gegründet und ist eine der weltweit bedeutendsten Filmhochschulen. Berühmte polnische Filmkünstler wie Roman Polański, Krzysztof Zanussi, Krzysztof Kieślowski oder Wojciech Jerzy Has verbrachten dort ihre Lehrjahre. Die Filmhochschule in Łódź soll nicht nur auf den Beruf vorbereiten, sondern ebenso den Blick auf das Leben schärfen.

FILMSCHOOL KATOWICE
Di, 28.4.2015 19:00 Filmclub K18
Gast: Vita Drygas
Die nach Krzysztof Kieślowski benannte Fakultät für Fernsehen und Rundfunk (WRiTV) an der Schlesischen Universität Katowice wurde im Jahre 1978 gegründet. Sie bietet die Studiengänge Film- und Fernsehproduktion, Regie, Kamera und Organisation der Film- und Fernsehproduktion an. Krzysztof Zanussi, Jerzy Stuhr, Edward Żebrowski, Magdalena Piekorz, Filip Bajon, Maciej Pieprzyca und Michał Rosa unterrichten Regie, Andrzej Fidyk leitet die Abteilung für Dokumentarfilm und Bogdan Dziworski lehrt visuelle Film- und Fernsehgestaltung

FIlMISCHE MIND-MAPS (Filmowe mapy umysłu)
Di, 28.4.2015 21:00 Filmclub K18
Gäste: Monika Kiersnowska, Urszula Zielińska
Die präsentierten Filme wurden im Rahmen von Workshops des Vereins zur Unterstützung Gesellschaftlicher Initiativen (TWIS) für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung realisiert. Bekannte Filmemacher aus Podlasie treffen sich bei diesen Workshops seit vielen Jahren mit geistig behinderten Menschen, um gemeinsam Filme zu kreieren.

FPA!-R
Mi, 29.4.2015 21:00 Filmclub K18
Gäste: Krzysztof Sienkiewicz, Bartek Tryzna

Film Podlasie attacks – reloaded! ist die Fortführung des Projekts Film Podlasie attacks!, erweitert um das Bildungsprojekt Film Podlasie in Education!. FPA-R ist eine Initiative, die den unabhängigen Film im Nordosten Polens populärer machen möchte. Sie ermöglicht Schriftstellern, Journalisten, Kunst- und Filmstudierenden, Lehrern und anderen Amateur-Filmemachern, ihre Filme der Öffentlichkeit zu präsentieren. Film Podlasie attacks – reloaded! wurde in der Region Podlasie gegründet – ein Ort, an dem sich unterschiedliche Kulturen und Religionen begegnen und Künstler, Bisons und unberührte Natur aufeinandertreffen. Im Kern ist die Initiative ein Kunst- und Filmportal, welches das Beste aus Osteuropa mit dem Besten aus Westeuropa verbinden möchte.

Zum starken Engel

Zum starken Engel (Pod mocnym Aniołem) heißt die Stammkneipe von Schriftsteller Jerzy (Robert Więckiewicz). Sie liegt in Fußnähe zu seiner Wohnung, direkt daneben ist noch ein 24-Stunden-Schnapsladen. Diese Straßenecke ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, hier kehrt Jerzy nach jedem scheinbar erfolgreichen Entzug zurück, um sich direkt wieder volllaufen zu lassen. Dabei könnte er es so gut haben: Eine viel jüngere und schönere Studentin ist in ihn verliebt und sein Buch, das aus Geschichten besteht, die ihm Alkoholiker in der Entzugsklinik erzählt haben, ist ein Hit. Doch Jerzy sorgt lieber selbst für die besten Geschichten und stürzt sich von einem Rausch in den nächsten. Den Großteil des Films verbringt er deshalb in einer Entzugsklinik, mit vielen anderen Kumpanen, die sein Schicksal teilen.

Die gleichnamige Romanvorlage zum Film von Jerzy Pilch wurde 2001 mit dem bedeutendsten polnischen Literaturpreis Nike ausgezeichnet. Ein Trinker-Roman also, der sich mühelos einreihen kann in Werke von polnischen Literaturgrößen wie Czesław Miłosz oder Wisława Szymborska. Regisseur Wojciech Smarzowski bereichert diesen Text nun durch seine Bildersprache. Die Perspektive wechselt dabei ständig. Mal sieht man das Geschehen durch die Überwachungskamera der Klinik, dann erzählen einem die Patienten in Einzelgesprächen und in Schwarz-Weiß gehalten ihr Schicksal, später wieder erlebt man zusammen mit Jerzy das nächste unausweichliche Delirium.

Obwohl Alkoholismus ein universelles Problem ist und viele Szenen die üblichen Probleme und Folgen zeigen, ist es aber auch ein spezifisch polnischer Film über das Trinken. Und das nicht nur, weil die Hauptdroge natürlich Wodka heißt. Nein, hier wird auch polnische Geschichte und Kultur immer wieder zauberhaft schön aufs Korn genommen, oder vielleicht noch besser, in Korn ertränkt. Wenn zum Beispiel der polnische Papst für die Trinksucht verantwortlich gemacht wird. Oder ein Alkoholiker in der Klinik sein Trinkverhalten ‚politisch‘ erklärt: Ob Gierek, Jaruzelski oder Solidarność – zu jeder politischen Wende ein anderer Schnaps.

Fast zwei Stunden lang erlebt man immer wieder aneinandergereiht Rausch, Absturz, Entzug und den unausweichlichen Satz: Dieses Mal wird alles anders. Je mehr Alkohol die Protagonisten dabei in sich hineinschütten, umso ernüchternder wird der Blick auf das Geschehen. Im Roman siegt am Ende die Liebe über den Alkohol. Der Film macht es uns nicht so leicht.

Zum starken Engel (Pod mocnym Aniołem); PL 2014; R: Wojciech Smarzowski; 105 Minuten

Text: Lena Hauschild

Trzy Kobiety (Three Women)

 

Wie ist es für Frauen in ganz verschiedenen Lebensabschnitten, wenn diesen von Armut bestimmt sind? Eine Antwort versucht der Dokumentarfilm „Trzy Kobiety“ (Three Women) zu geben, der eine Collage ist aus Aufnahmen von drei Łódźerinnen, die in der bröckelnden Innenstadt leben. Für die 41-Jährige Regisseurin Anna Jadowska ist der Film ein besonderes Nachbarschaftsprojekt. Mit ihrer Arbeit will sie dem ärmlichen Stadtteil, den sie während ihres Studiums bewohnt hat, etwas zurückgeben: eine Darstellung der Würde, die auch im Leben in Armut liegt. Mehr als zwei Jahre begleitet die Kamera dafür immer wieder ihre drei Porträtierten: Agnieszka, eine junge Schulabbrecherin; Małgosia, eine mittellose Mutter zweier Kinder; und Basia, ein greises Mütterchen, dem ihr alkoholkranker Sohn zur Last fällt.

In einer der ersten Einstellungen ist das konzentrierte Gesicht von Agnieszkas Mutter in Nahaufnahme zu sehen. Während einer konzentrierten Arbeit, ist sie ganz bei sich. Dann erfolgt ein Schnitt und man sieht, was sie tut: Stück um Stück stopft sie mit einer Maschine Zigaretten, bis zur Rauchpause. Tristesse umgibt viele Szenen. Darin eben doch das Würdevolle zu zeigen, ist das Werk der Regie und ihr Stil.

Ein Ausnahmemensch ist die greise Basia, umgeben von einem Glimmen Lebendigkeit und Hoffnung. Sie wähnt sich tatsächlich in einem erstaunlichen Leben, hat die Kraft sich eines Nachbarsjungen anzunehmen und füttert Heerscharen gierender Tauben durch, was dem Film komische und heitere Szenen schenkt.

Ausgangspunkt der Arbeit ist der Kontakt Jadowskas zu ihrer Nachbarin Agnieszka. Durch zufällige Begegnungen hat sich die Teilnahme der beiden anderen Frauen ergeben. Dass nur eine Frau, diesen Film in dieser Art hätte umsetzen können, glaubt die Regisseurin nicht. Es sei allein eine Frage der Herangehensweise und nicht des Geschlechts. Ihr Interesse galt dennoch einem Porträt dreier Frauen, damit sich ein sichtbares Bild eines möglichen, ganzen Frauenlebens zusammensetzt, da in Łódź, wo das Stadtzentrum voll ist mit Arbeitslosen, deren Frauen angehalten seien eher zu Hause zu bleiben.

Dass tatsächlich nicht inszeniert wurde, ist über weite Teile des Film kaum zu glauben. Die sorgsam editierten 72 Minuten enthalten sich auch in extremen Momenten voyeuristischen Zuspitzungen. So entsteht eine dichte Beschreibung, die Anteil nehmen lässt. Für Jadowska ist Trzy Kobiety, das verrät sie bei einem Publikumsgespräch im FSK-Kino, auch ihr erster eigener Film, den sie „wirklich möge, weil er das echte Leben zeigt.“

Trzy Kobiety (Three Women); PL 2013; R: Anna Jadowska; 72 Minuten

(Text: Niels Münzberg)

 

Agnieszka Holland zeigt den Kulturbetrieb in Dauerschleife

Nur die Hälfte der Stühle ist besetzt. Die Stimmung eher verhalten. Kein Popcorn, kaum Getränke. Die Zuschauer im Zeughauskino wissen, was sie erwartet: der erste Spielfilm von Agnieszka Holland aus dem Jahr 1978: „Provinzschauspieler“. Auf den ersten Blick, eine vorsichtig kritische Komödie über die Höhen und Tiefen eines Schauspielerensembles in der Provinz im sozialistischen Polen.

Ein Regisseur aus Warschau kommt für die Inszenierung von „Wyzwolenie” („Befreiung“) von Stanisław Wyspiański an die Provinzbühne. Vielleicht der Beginn einer großen Karriere? Schnell ist die anfängliche Euphorie unter den Schauspielern verflogen. Der Großstadtregisseur denkt progressiv, kürzt das Stück radikal und interpretiert die „Befreiung“ ganz auf seine Art. Die Schauspieler hinterfragen den Sinn ihrer Arbeit. Es fällt ihnen immer schwerer, sich gegenseitig zu motivieren. Der Zusammenhalt löst sich auf. Geldnöte, Beziehungsprobleme und Erfolgsdruck machen ihnen zu schaffen. Dagegen steht die Kälte und Förmlichkeit des Regisseurs, der alle Hoffnungen zunichte macht.

Ein intimer Blick in das Innenleben einer Provinzbühne – ganz nach persönlichem Vorbild, wie sich nach der Vorführung herausstellt. Im Publikumsgespräch ist die kühle Stimmung innerhalb von Sekunden aufgelöst. Agnieszka Holland erzählt Anekdoten von ihren ersten Erfahrungen als Theaterregisseurin – aus der Großstadt in die Provinz Gorzów Wielkopolski. “Diese Aufführung, die irgendwie bei leerem Zuschauerraum stattfanden. Hin und wieder saß da eine Armeeeineinheit. Und die tranken Bier und schrien rum “Zeig mal deine Titten!” und so. Und zur Premiere kam Andzej Wajda, das war viel mehr, als wenn der Papst gekommen wäre.“

Und im Gespräch eröffnet sich den Gästen eine Metaebene nach der anderen. „Provinzschauspieler“ als eine Art Milieustudie, die auf die Absurdität und Komik des eigenen Erlebten zurückblickt. Gleichzeitig provozierte der Film (tatsächlich) Reaktionen – von Zensur, Kritikern und Schauspielern – die in der Handlung quasi schon vorweg genommen wurden. “Der Film ist wie durch ein Wunder durch die Zensur gerutscht. Und einige Szenen sind dann herausgeschnitten worden, die ich gedreht hatte, damit sich die Zensur darauf konzentriert. Und da verspürte ich eine große Genugtuung. Weil ich den Minister, der mit mir über diese Kürzungen gesprochen hat, dazu gezwungen habe, dass er es auch wirklich sagt. Und es fiel ihm sehr schwer genau den Satz zu sagen, über den ich mich im Film lustig machte.”

Als wäre das nicht genug, hat Holland vor 5 Jahren im Provinztheater Oppeln erneut das Stück inszeniert, mit dem alles begann. Und Erkenntnisse und Milieustudie von damals haben sich abermals ergänzt und zu einem größeren Ganzen geformt. “Also Provinzschauspieler haben dann Provinzschauspieler gespielt und es hat sich herausgestellt, dass sich nicht sehr viel geändert hat.“

Ein charmanter Hinweis auf die Aktualität dieses Spielfilmdebüts.

(Text: Anne Berger)

 

Wojaczek

 

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Eine offene Tür leuchtet hell aus einem dunklen Hof hinaus. Nach und nach erkennt man langsam das Wort „Restaurant“, eine Glasfront kommt ins Bild, eine ruhige Straßenszene. Auf einmal knallt es, und ein Mann fällt durch die Scheibe. „Das ist das dritte Mal!“, brüllt der Besitzer, „das zahlst du!“. Der Gestürzte steht auf, schüttelt ein paar Scherben aus seinem Mantel und geht weiter.

Rafał Wojaczek war der poète maudit der 70er Jahre: bekannt für gestochen scharfe Verse und exzessive Auftritte, prägte er in den mittleren Jahren des Sozialismus in Polen auch nach seinem jungen Tod eine ganze Generation. Lech Majewskis Film von 1999 portraitiert den Dichter in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bilden, in einem als kleinstädtisch-borniert dargestellten Wrocław. Die Vermieterin seines Zimmers, in japanischem Hausmantel, mit Haarnetz und Pekinese auf dem Arm, die sein Zimmer betritt, ohne nach dem Klopfen auf Antwort zu warten, weil sie Topfpflanzen umstellen möchte; der schicke Dichterclub, der mehr an ein Café in einem Kurort für gestandene Herrschaften erinnert; das mit Büchern vollgestopfte Zimmer seines Dichterfreundes Edward Stachura – die Umgebung wird in einem langsamen und leisen Rhythmus erzählt, aus dem einen aber immer wieder ein lautes Knallen herausschreckt.

Ein lautes Knallen, akustisch und visuell, so wirkt auch die von Krzysztof Siwczyk dargestellte Persönlichkeit Wojaczek. In jedem Moment ein Schauspieler, jeden Moment mit inbrünstiger Leidenschaft und Verachtung ausgekostet, in keinem Moment von Grenzen aufgehalten: er sprengt Glas und Gesellschaften, springt aus Fenstern und legt sich in Gräber, ist immer von Schrammen übersät, schlürft mit seinem Dichterfreund Edward Stachura Wodka zwischen Scherben vom Boden und raucht Zigaretten zwar an beiden Seiten an, konsumiert sie dann aber durch die Mitte.

Mir haben Brüche gefehlt. Der Pole neben mir im Kino, acht Jahre älter als ich, war allerdings richtig begeistert. „Vielleicht bist du zu jung, um das zu spüren, aber der Film verkörpert so einen Zeitgeist.“. Er lächelt spitzbübisch: „Vielleicht ist das ab jetzt mein Lieblingsfilm“.

Text: Magda Kotek

Wojaczek, PL 1999; R: Lech Majewski