Berlin: Tag 6 – Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen

Ich sitze wieder in meinem Wohnzimmer in Hamburg während ich diese Zeilen schreibe. Es ist der 9. Mai 2017, Tag 1 in der Post-Workshop Zeitrechnung. Ich tue mir schwer mit diesem letzten Eintrag. Erwartet keinen unerwarteten Twist am Ende à la M. Night Shyamalan zu seinen guten Zeiten (The Sixth Sense und Unbreakable). Hofft aber zugleich, dass es nicht wie das Ende der Matrix-Trilogie wird.

Gestern, also am 6. und letzten Tag unseres Workshops, habe ich den Vormittag im Hostel verbracht, weil es draußen regnete. Kurz vor 13 Uhr checkte ich aus und ging vorerst zum letzten Mal ins Polnische Institut. Mit dem Hostel (baxpax) bin ich zufrieden. Mein Anspruch war nicht hoch, meine wechselnden Zimmerkammeraden waren leise, das 5er-Zimmer hatte eine eigene Dusche und das Internet hat immer funktioniert – viel mehr kann man bei einem Preis von ca. 100 € für 5 Nächte nicht verlangen.

Im Workshop hantierten wir am filmPOLSKA Blog, um ihn auf den aktuellen Stand zu bringen. Das Redigieren der Texte dauerte etwas, weil alle zum Abschluss noch eine ganze Menge Texte produziert haben. Danach erst eine schriftliche und schließlich mündliche Evaluation der vergangenen 5 Tage.  Zum Schluss noch ein Gruppenbild als Erinnerung und auf geht’s zum Abschiedsessen.

Wir waren beim Japaner, eine Premiere für mich und deswegen war schnell klar, dass ich kein Sushi nehme. Miso-Suppe als Vorspeise und flambierter Thunfisch, natürlich mit Reis, als Hauptgang. Hauptgang schmeckt besser, die Suppe hatte bisschen wenig Geschmack. Wahrscheinlich weil sie ohne industrielle Geschmacksverstärker zubereitet wurde, dachte ich mir und bejahte die Frage, ob mir die Suppe schmecke.

Es ist 19 Uhr und ich muss zum Bahnhof, mein ICE kommt bald. Das WLAN im Zug funktioniert gut genug, um kleinere Sachen zu machen. Dabei hatte ich gar nicht so viel Zeit, denn in weniger als 2 Stunden war ich bereits in Hamburg. Kaum aus dem Zug ausgestiegen, vermisste ich die kreative Freiheit und Produktivität, die ich in den vergangenen Tagen in Berlin genoss. Hoffentlich kann ich diese Energie auch in der Hansestadt abrufen.

Am Ende bleibt mir nur, Danke! zu sagen. Danke Sophia. Danke Leon. Danke Heike. Danke Christina. Danke Katja. Danke Katharina. Und vor allem: Danke Nicole für die tolle Organisation und Durchführung des Workshops. Ebenfalls ein großer Dank geht an Detlef, der mit kritischem Auge all unsere Texte redigiert hat.

An dieser Stelle muss ich abbrechen. Der Alltag ruft, ich muss zur Uni.

Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.

Berlin: Tag 5 – Vogelkacke auf der Schulter

Sonntag, vorletzter Tag des Workshops. Das Wetter heute ist bombe, ein bisschen befürchte ich sogar, Sonnenbrand zu bekommen. Ich wundere mich, dass ich mich wundere, dass es im Mai so warm ist. Im Mai, dem Monat vor Juni, der für mich Sommer bedeutet. Das Wetter spielt Russisch Roulette. Wie Christopher Walkens Figur in The Deer Hunter hat es jeglichen Bezug zur Realität verloren. Ozonloch und Klimawandel schweben wie ein Damoklesschwert über der Menschheit, denke ich mir und bin etwas stolz auf diese Metapher.

Dieser Tagebucheintrag wird trotz des schönen Wetters nachdenklicher, ernster.

Ich sitze konzentriert und nichts Böses ahnend in der Sonne und schreibe an einem weiteren Text. Da bekomme ich von oben plötzlich ein Zeichen. Im Augenwinkel habe ich etwas gesehen, ganz kurz nur, aber lang genug um meine Aufmerksamkeit zu wecken. Ich drehe mich nach rechts und sehen auf meiner Schulter Vogelkacke. Für einen Moment komme ich mir vor wie in einem schlechten Adam Sandler Film (gibt’s auch einen guten? Ja, Punch-Drunk Love). Womit habe ich das verdient? Ist das die Rache dafür, dass ich mich in meinem ersten Tagebucheintrag über Vogelkacke lustig gemacht habe? Die Kack-Rache der Vögel – Hitchcock lässt grüßen. Manche sagen, es bringe Glück, von einem Vogel angekackt zu werden. Ich habe nur Glück, dass ich es gleich bemerkt habe und der Mist nicht genug Zeit hatte, sich in meine Kleidung zu fressen.

Heute Abend gehe ich ins Arsenal Kino am Potsdamer Platz, um mir Die rote Spinne anzusehen. Wie gestern, beschließe ich, zu Fuß zu gehen und bei der Gelegenheit etwas von der Stadt zu sehen. Ich mache einen kleinen Schlenker und begutachte den Bundestag. Selfie. Ich gehe weiter und komme am Brandenburger Tor vorbei. Selfie. Weiter die Ebertstraße runter steht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Spontan entscheide ich mich, „hinein“ zu gehen. Ich bin berührt und trotz 22 Grad überfällt mich ein kleiner Schauer. Das Mahnmal besteht aus 2711 Beton-Stelen auf einer Fläche von 19.000 cm2. Die Stelen an und für sich sind nicht was mich rührt, es ist ihre Anzahl.

Ich mache kein Foto, und bestimmt kein Selfie. Kommt mir nicht richtig vor. Und während ich das denke, sehe ich zwischen den Stelen eine Schulklasse, die posiert und sich gegenseitig fotografiert. Ob sie überhaupt wissen, wo sie hier stehen? Wäre es Ignoranz, wenn sie es nicht wüssten? Wäre es Respektlosigkeit, wenn sie es wüssten? Und warum spiele ich mich hier überhaupt als moralische Instanz auf? Das sind Jugendliche. Und nicht nur das: es sind Jugendliche in einer Gruppe, da herrscht das eiserne Gesetz des Gruppenzwangs. Ich war früher nicht anders.

Die rote Spinne hat dramaturgische Schwächen und lässt mich mit vielen Fragen dastehen. Dafür war die Kameraarbeit superb, tolle Aufnahmen von Krakau der 60er Jahre.

Ich realisiere, dass morgen der Workshop zu Ende geht und ich wieder nach Hamburg muss. Schade. Ein nachdenklicher, aber wichtiger Tag geht zu Ende. Mit einem Bier und einer Folge Rick & Morty lasse ich den Tag ausklingen. Das Leben geht weiter.

Berlin: Tag 4 – Der Tag danach

Habe mir für heute keinen Wecker gestellt, bin ja gestern erst um 4 Uhr morgens ins Bett gefallen. Brauche meinen Schönheitsschlaf. Als ich dann endlich aufstehe, fühle ich mich etwas verkatert und wenig in der Lage, etwas Konstruktives über den Film (The Happiness of the Wolrd; Szczęście świata), den ich gestern vor der Party gesehen hab, zu schreiben. Kaufe mir eine Flasche Wasser, um den kleinen Aschenbecher in meinem Mund zu neutralisieren, gelingt nur bedingt.

Nach unserem Workshop-Treffen verspüre ich wieder einen gesunden Appetit und habe Lust auf Asiatisch. Ich lande beim Thailänder an der U-Bahn Oranienburger Tor (genauer weiß ich es nicht mehr). Tom Kha Gai als Vorspeise – ein Traum. Die Mischung aus Zitronengras, Ingwer und Koriander ergibt einen leicht pikanten Nachgeschmack. Er erinnere mich an meinen Thailand-Urlaub, der zwar schon etwas zurückliegt, aber an den ich eigentlich nur positive Erinnerungen habe – eine Magenverstimmung, die mich für 2 Tage flachlegte, gehört allerdings nicht dazu. Die knusprige Ente ist ebenfalls lecker. Bei dem großen Bier habe ich mich überschätzt, ein kleines hätte es auch getan. Auf dem Weg ins Kino liegt mir der halbe Liter Bier schwer im Magen.

Auf den Film (The Last Family; Ostatnia rodzina) freue ich mich. Er lief vor einem Monat an einem Sonntag in Hamburg, aber ich war leider anderweitig beschäftigt. Heute ist schönes Wetter, also gehe ich zu Fuß ins Kino, knapp 30 Minuten dauert der Spaziergang. Vor dem Kino (heute das FSK) steht eine lange Schlange. Ich habe Angst, nicht mehr reinzukommen. 2 Kolleginnen aus dem Workshop warten weiter vorne und sind bereits auf dem Weg in den Vorführraum. Sie sehen mich und winken mir zu, ich solle zu ihnen kommen, mit der Akkreditierung können wir trotz des überfüllten Kinosaals rein. Ich komme mir wichtig vor, setzte mein Gewinnerlächeln auf und schreite in Zeitlupe an den Wartenden vorbei. Jetzt nur nicht fallen, denke ich mir, das wäre peinlich.

Wir müssen auf dem unbequemen Boden sitzen. Mein knochiger Hintern schmerzt bereits nach wenigen Minuten, in immer kürzeren Zeitabständen ändere ich meine Sitzposition, aber ohne Erfolg. Ich fühle mich schlecht, weil ich das Ende des Films herbeisehne. Schlecht deswegen, weil der Film außergewöhnlich gut ist. Witzig, klug, traurig und immer perfekt inszeniert.

Auf dem Rückweg ins Hostel summe ich ununterbrochen das Lied aus dem Abspann. Ich kenne es, weiß im Moment aber weder den Titel noch Interpreten. Erst morgen werde ich herausfinden, dass es The Mortal Coil mit »Song to the Siren« ist. In meinem Zimmer angekommen, sehe ich, dass mein 5er Zimmer mit Hilfe eines Zustellbettes kurzerhand zu einem 6er Zimmer umgestellt wurde. Was solls, denke ich mir, sind ja nur noch 2 Nächte.

Die Anziehungskraft der Gewalt

Die perverse Faszination mit Gewalt und Tod hat schon so manchen Filmhelden und Zuschauer in ihren Bann gezogen. Scheinbar unschuldige und brave Musterschüler oder fürsorgliche Familienväter werden von einer inneren vorzivilisatorischen Animalität übermannt, die sich in Folge eines unerwarteten Gewaltaktes in ihnen rührt. Der Gedanke ans Töten kann sich zu einem Wunsch entwickeln und die Identifikation mit einem tatsächlichen Mörder endet nicht selten mit einem Identitätsverlust. Vor einem solchen Dilemma steht Karol Kremer, der Protagonist in Die Rote Spinne (Czerwony pająk), dem Spielfilmdebüt von Marcin Koszałka.

Polen, 1960er Jahre: Karol ist ein erfolgreicher Turmspringer, der beste in Krakau, seiner Heimatstadt. Er ist Medizinstudent, gutaussehend und hat ein geregeltes Leben. Eines Abends wird er Zeuge eines Mords an einem Jungen und beschließt, dem Mörder zu folgen. Statt zur Polizei zu gehen, ist Karol zunehmend fasziniert vom Täter und beginnt, ihn zu beobachten.

Die Rote Spinne hat wenige Dialoge, die Stärke des Films liegt in seinen Bildern. Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka untermalt die Handlung mit wunderschön komponierten Aufnahmen. Das graue Krakau ist herrlich anzusehen, die präzise Kadrierung der Bilder und die langsamen Kamerafahrten deuten das Grauen an, das sich unweigerlich nähert.

So fesselnd und schön die Bilder auch sein mögen, so verwirrend und unmotiviert erscheint die Charakterisierung der Figuren. Warum Karol dem Mörder folgt und ihn nicht anzeigt, ist noch die einzig nachvollziehbare seiner Handlungen. Seine Vorgehensweise zum Ende des Films hingegen bleibt ein Rätsel. Ist es sein Schuldgefühl, das ihn plagt? Wenn ja, wo kommt es plötzlich her und warum zeigt es sich so extrem?

Der Film verweigert sich bewusst üblicher Genrekonventionen. Leider entsteht dadurch weniger Spannung als es dem Film gutgetan hätte. Koszałka hat sich bei seinem Spielfilmdebüt mit der Rolle des Kameramanns, Regisseurs und Drehbuchautors sichtlich übernommen. Die Rote Spinne, übrigens inspiriert von dem realen Fall eines Serienmörders der 60er Jahre, der als der „Vampir von Krakau“bekannt wurde, stellt viele Fragen, und beantwortet wenige. Es liegt am Zuschauer, die Puzzleteile zusammenzufügen und sich sein eigenes Bild zu machen – aber es ist gut möglich, dass einige Teile nicht auffindbar sind.

Tag 3: Please don’t stop the Music

Der 3. Tag in Berlin beginnt, wie die kommenden 3 Tagen auch beginnen werden: Mit Schreiben von Rezensionen über Filme, die ich am Abend zuvor gesehen habe. Gestern habe ich Foreign Body (Obce ciało) von Krzysztof Zanussi gesehen. Er hat mir nicht gefallen, in meiner Kritik schreibe ich sogar, er sei misogyn, eine Feststellung, zur der ich erst beim Schreiben gekommen bin und dessen Härte mich überraschte, aber ich stehe dazu.

Nachmittags Redigieren der Texte mit Detlef Kuhlbrodt. Aber wen interessiert das? Heute Abend findet die, so sagt man, legendäre filmPOLSKA-Party statt. In Gedanken dusche ich bereits, lege nicht gerade sparsam Deo auf und verleihe meiner Gesichtsbeharrung mit Hilfe eines wohlduftenden Bartöls etwas Glanz. Die Realität sieht dann doch etwas anders aus. Aber wen interessiert das?

Die Party findet dieses Jahr im Silver Wings Club statt. Freier Eintritt und freie Getränke, naja, 3 Freigetränke, aber das reicht, bin ja nicht gierig. Bereits nach wenigen Minuten bereue ich, so spät gekommen zu sein (aber ich musste mir noch einen Film ansehen, deswegen bin ich ja in Berlin). Der Grund: Der Live-Auftritt von Mary Komasa & Band. Das Wenige, das ich höre, fesselt mich. Die eindringlich minimalistischen Synthesizersounds gepaart mit der tollen Stimme der Sängerin laden zum rhythmischen Hin- und Herschwenken ein. Während ich diese Zeilen schreibe, draußen, in der Sonne, mit Kopfhörern im Ohr, lasse ich mich von Marys Musik inspirieren. Aber wen interessiert das?

Aber zurück zur Party. Viele nette Leute, viele nette Gespräche (und das meine ich ausnahmsweise nicht ironisch). Bisschen tanzen, leider ist die Musik nicht so tanzbar wie gewünscht. Zu viel Raucherecke. Immerhin treffe ich dort zwei Workshop-Teilnehmer aus dem vergangenem Jahr, wir tauschen Erfahrungen und Nummern aus.

Es ist kurz vor 3, die Party ist am Siedepunkt angelangt. Langsam leert sich die Location, die Musik ist aus und wir werden aufgefordert, unsere Jacken an der Garderobe abzuholen. Auf dem Weg zur U-Bahn rauche ich meine letzte Zigarette, unnötig, schmeckt gar nicht, aber weil ich betrunken bin, rauche ich sie aus.

Keine Party ist komplett ohne einen abschließenden Döner oder fettigen Burger. Am Zielbahnhof kaufe ich mir im Magges zwei Cheesburger. Weil sie günstig sind und ich nicht mehr Bargeld habe. Das Beste an diesem „Burger“ ist der Moment, wenn man auf das Stück Gürkchen beißt. Ahh… Aber wen interessiert das?

Es ist kurz vor 4 Uhr morgens. Ich muss morgen Vormittag eigentlich noch was schreiben. Ich greife zum Handy und schreibe meiner Freundin, was ich heute Abend alles erlebt habe. Sie interessiert das.

Glaube ohne Hoffnung

Glaube kann bekanntlich Berge versetzen; nicht so im aktuellen Film des polnischen Regieveteranen Krzysztof Zanussi. In Foreign Body (Obce ciało) bringt jeglicher Glaube den Berg zum Einsturz.

Als die Polin Kasia (Agata Buzek) trotz vehementer Einwände ihres Vaters beschließt, Nonne zu werden, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die liebevolle Beziehung zum intelligenten, charmanten und gutaussehenden Italiener Angelo (Riccardo Leonelli) zu beenden. Dieser, selbst ein praktizierender Katholik, nimmt ihren Entschluss überraschend gelassen hin und beschließt kurzerhand, sich einen Job in einem großen Energiekonzern in Warschau zu sichern, um möglichst nahe an seiner Geliebten zu sein. Warum Angelo in die polnische Hauptstadt zieht, mag noch nachvollziehbar sein, die Motivation Kasias, ins Kloster zu gehen, bleibt hingegen ein Mysterium. Ihr Vater ist Atheist, ihre Beziehung mit Angelo ist perfekt. Der Italiener nimmt eine Stelle in einem großkapitalistischen Energieunternehmen an und muss sich mit seiner Vorgesetzten, der zynisch skrupellosen Kris (Agnieszka Grochowska), auseinandersetzen, die ihn einzig aus selbstsüchtigen und sadistischen Beweggründen schikaniert und dabei die wahre Gefahr für sich übersieht.

Angelo erträgt die Erniedrigungen, weil sein (religiöser) Glaube stark ist und die Hoffnung ihn antreibt, in naher Zukunft wieder mit Kasia vereint zu sein. Er wird als treuer und herzensguter Mann dargestellt, daran besteht kein Zweifel. Auch ist er das, was einer Identifikationsfigur am nächsten kommt, denn Kasias Figur bleibt nicht nur vage gezeichnet, sondern hat auch schlicht zu wenig Leinwandzeit, um als Zuschauer eine Beziehung mit ihr einzugehen. Kris ist der personifizierte Teufel, und der Durchschnittszuschauer ist kein Satanist. Zanussi stilisiert Angelo (dessen Name nicht zufällig Engel bedeutet) als eine Art Jesus auf dem Leidensweg auf den Hügel Golgota. Dort angekommen verliert Angelo alles, woran er geglaubt hat; sein Wille wird gebrochen. Aber da ist es schon zu spät. Das Zuschauerinteresse an Angelo ist unwiederbringlich gesunken, seine letztendlich doch naive Sichtweise auf die Welt und seinen Glauben raubt ihm den letzten Funken an Glaubwürdigkeit.

Falls Zanussi die Absicht hatte, starke und emanzipierte Frauenfiguren zu zeigen, die sich in einer patriarchalen Welt behaupten und ihre eigene Entscheidungen treffen können, dann ging das nach hinten los. Die Frauen sind die Bösen und Selbstsüchtigen, die den gutherzigen Mann ruinieren, nicht weil er es verdient hätte, sondern weil sie es können. Fernab vom Feminismus, ist Zanussis 83. Regiearbeit ein pessimistisches und misogynes Werk.

Wenn die Famile zur Kunst wird

Das Kino ist bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das war zu erwarten, bei einem Film, der in den letzten Monaten international für Furore sorgte und bereits zig Preise gewann. Ich gehöre zu denen, die auf dem harten und unbequemen Boden Platz nehmen müssen. Gemütlich wird das nicht.

Zdzisław Beksiński ist vor allem durch seine teils verstörend surrealen Bilder bekannt. Darüber hinaus war er auch Photograph, Bildhauer, Grafiker und Designer. All dies spielt im international gefeierten Spielfilmdebüt The Last Family (Ostatnia rodzina) von Jan P. Matuszyński nur eine marginale Rolle. Stattdessen konzentriert sich der erst 33 Jahre alte Regisseur auf das alltägliche private Leben des Künstlers und seiner Familie.

Auf kleinstem Raum entfaltet sich die Geschichte, die, verteilt auf zwei Wohnungen, in einer Plattenbausiedlung in Warschau spielt und die letzten 28 Jahre des Malers portraitiert. Dass es sich bei dem Bewohner um den erfolgreichen Künstler Beksiński handelt, gerät in Anbetracht der Enge und wenig glamourösen Erscheinung der kleinen Wohnung, in der die Familie zwischen 1977 und 2005 lebt, leicht in Vergessenheit. Der Fokus liegt bei den zwischenmenschlichen Problemen und Herausforderungen, mit denen die Familie einander konfrontiert. Allen voran ist es Tomasz, der psychisch labile und suizidgefährdete Sohn Beksińskis, der immer wieder das Epizentrum der familiären Katastrophen darstellt. Zu Weihnachten bekommt der Künstler von seinem Sohn eine Videokamera geschenkt, die seitdem seintreuster Begleiter wird. Beksiński scheint von ihr besessen zu sein, ständig hat er sie in den Händen, unaufhörlich filmt er nicht nur sich (und das sehr gerne), sondern auch seine Umgebung. Wenn Tomasz wütend in die Küche stürmt und diese demoliert, läuft die Kamera. Bei der Beerdigung seiner Mutter läuft die Kamera. Als seine Frau Zofia tot in der Küche liegt, kann er sich nur von ihr verabschieden, indem er seine Kamera auf sie richtet und flüstert: „Leb wohl, meine Zofia.“ Das mag für den Zuschauer befremdlich und makaber wirken, aber Beksiński ist keinesfalls gefühlskalt. Als Zofia aufgrund ihrer unheilbaren Krankheit nur noch wenige Monate zu leben hat und Tomasz abermals fluchend und um sich schlagend in die Wohnung stürzt, wird er von seinem Vater unverzüglich herausgeworfen; eine von wenigen autoritären Handlungen, die der Künstler seinem Sohn jemals zu teil werden ließ. Es ist beeindruckend mit welchem Feingefühl der Regisseur seine Geschichte erzählt. Matuszyński gelingt eine ausgewogene Gratwanderung zwischen Komik und Tragik. Das intelligente Drehbuch von Robert Bolesto (der auch das Drehbuch für Sirenengesang schrieb, der letztes Jahr im Programm des filmPOLSKA Festivals lief) mit seinen vielen bissigen Dialogen ist großartig. Die ausgewogene Bildkomposition des Kameramannes Kacper Fertacz ist unaufdringlich, beobachtend und lässt den fantastischen Darstellern Möglichkeiten zur Entfaltung. Und diese werden genutzt: Andrzej Seweryn (der u.a. auch in Spielbergs Schindlers Liste zu sehen war) spielt Zdzisław Beksiń ski mit einer Überzeugung und Intensität, die nur noch von Dawid Ogrodnik (Ida) getoppt wird. Ogrodniks Darstellung des Tomasz ist dermaßen mitreißend, liebevoll, voller Energie und Liebe zum Detail, dass es unmöglich ist, seinen Blick abzuwenden. Eine Offenbarung.

Als zum Abspann der wunderschön melancholische „Song to the Siren“ von This Mortal Coil erklingt, weiß ich, dass ich gerade etwas Besonderes gesehen habe. Der harte und unbequeme Boden ist vergessen, weich wie eine Wolke kommt er mir jetzt vor. Ich will gar nicht mehr aufstehen.

Tag 2: Diamanten, Döner und fremde Körper

Die Überambition dringt mir durch alle Poren. 7:30 Uhr klingelt mein Wecker, nach einmaligem Schlummertaste-Drücken steh ich auf. In meinem Zimmer (im Hostel baxpax) ist es stickig, ich gehe ins Bad und muss an die Anfangsszene von American Beauty denken – entscheide mich aber, den Gedanken nicht zu Ende zu führen.

Unser filmPOLSKA Programm beginnt heute um 11 Uhr, bis dahin jede Menge Zeit, um etwas über den gestrigen Eröffnungsfilm zu schreiben, denke ich mir und bin selbst überrascht, dass ich es in dieser kurzen Zeit geschafft habe. Der Programmpunkt um 11 Uhr mit der Referentin Joanna Łapińska ist der Geschichte des Polnischen Films gewidmet. Jeder der Kursteilnehmer bekam einen Klassiker des Polnischen Kinos zugeschickt und sollte darüber einen max. 5-minütigen Vortrag vorbereiten. Nachdem die technischen Probleme behoben wurden, konnten wir uns auch Ausschnitte aus solchen Filmkrachern wie z.B. Ashes and Diament von Andrzej Wajda, Knife in the Water von Roman Polański oder auch Ida von Paweł Pawlikowski ansehen. Leider begrenzte sich die filmgeschichtliche Sitzung auf die oberflächliche Präsentation der wenigen ausgewählten Filme. Auf der anderen Seite: wie will man in 2,5 Stunden 100 Jahre nationale Filmgeschichte unterbringen?

In der Mittagspause gibt’s einen Dürüm Döner, kredenzt mit körnigem Frischkäse, Dill (ein meiner Meinung nach unterschätztes Grünzeug) und einem Spritzer Zitronensaft. Mein Gaumen fühlt sich geschmeichelt.

Das anschließende Treffen mit Detlef Kuhlbrodt, mit dem wir in den kommenden Tagen unsere Texte redigieren werden, beschränkt sich auf einige organisatorische Punkte und ist wesentlich schneller vorbei als angesetzt, wodurch sich eine geplante 2-Stunden-Pause zu einer über 3-stündigen entwickelt. Der kreative Vibe der Stadt hat mich immer noch fest umarmt und flüstert mir zu: schreiben. Ich kann mich des sinnlichen Worts nicht entziehen und verfasse das, was jetzt als erster Tagebucheintrag bekannt wurde.

Den theoretischen Teil des filmPOLSKA Workshops beenden wir mit einer Einführung Alexander Koenitzs über den filmPOLSKA-Blog, was genau genommen eine Einführung in WordPress war. Parallel fand andernorts eine Technik-Einweisung von Tim Thaler für die Radio-Redaktion statt.

Danach noch ein Kinobesuch, diesmal Foreign Body (Obce ciało) Krzysztof Zanussi. Der Film gefällt mir nicht, ein Kinobesucher verlässt nach der Hälfte gar den Saal, ich aber bleibe bis zum Schluss. Noch nie habe ich das Kino vorzeitig verlassen, dafür habe ich zu viel Respekt vor dem auf der Leinwand Gezeigten (und das Eintrittsgeld gibt’s auch nicht zurück, also lieber sitzenbleiben und ggf. schlafen). Ich verlasse das Kino mit einem unbefriedigenden Gefühl und sehe, dass es immer noch regnet, ein ekliger Nieselregen, nicht stark genug, um den Schirm aufzuspannen, aber stark genug, um mich zu ärgern. Meine kreative Energie ist für heute aufgebraucht, ich habe keine Ahnung was ich über den Film von Zanussi schreiben soll, das wird ein kleiner Kampf morgen und, Spoiler, das war es auch.

Tag 1: Berlin – Traum und Realität

4:30 morgens, Wecker klingelt.

Schlaf aus den Augen reiben, Zähne putzen, noch ein letzter Gähner vorm Spiegel und auf geht’s zum Bahnhof.

Es ist Mittwoch, Strecke Hamburg – Berlin. Eine Jungfernfahrt.

Kaum am Berliner Hbf angekommen spüre ich den Vibe, von dem ich schon so viel gehört habe.

Die Sonne scheint 24/7, Hippster everwhere, die Stadt die niemals schläft, die Stadt, in der Vogelkacke die Autos reinigt, Leitungswasser wie Champagner schmeckt und die Penner den Passanten Geld aufdrücken. Der Himmel ist nicht über Berlin, Berlin ist der Himmel. Ich sollte die Sarkasmusschraube etwas lockern.

Ich bin in Berlin wegen dem filmPOLSKA, der sich nun in seinem 12. Jahr befindet. Genauer gesagt bin ich in Berlin, weil ich an einem Filmkritiker-Workshop teilnehme, der im Rahmen der Festivals angeboten wird. Der Workshop findet im Polnischen Institut Berlin statt, einem hübschen Gebäude an der Spree mit einem noch hübscheren Ausblick auf die Museumsinsel. Kaffee gibt’s dort gratis und auch Wasser, polnisches Wasser wohlgemerkt. Warum? Keine Ahnung, wird wahrscheinlich subventioniert, um die polnische Mineralwasserwirtschaft zu unterstützen.

Wir sind zu 7 im Worshop: Heike, Christina, Leon, Sophia, Katharina, Katja und ich, Tomasz. Alles Lokalmatadoren, einige auch hier aufgewachsen, aber alle leben sie hier. Ich komm wir vor wie ein Fremdkörper, die Coolness der Hauptstadt stößt mich ab. Ich wollte die Schraube doch lockern…

Nach der Einführung in das Festival, das Programm und den Workshop und der obligatorischen Vorstellungsrunde beginnt der Scheiß. Zuerst ein Überblick über Interviewtechniken mit Denis Demmerle, inklusive erneuter Vorstellungsrunde. Danach Mittagspause, zu kurz. Anschließend eine weitere Vorstellungsrunde gefolgt von einem Gespräch mit dem Filmkritiker Jan Schulz-Ojala über Formen, Formate und Funktionen der Filmrezension. Sehr spannende Sache, viele gute Impulse. Um 18 Uhr, kurz vor der feierlichen Festivaleröffnung, hatten wir noch ein Kollektivinterview mit Knut Elstermann, der uns den Beruf des freien Filmkritikers/-journalisten sehr schmackhaft macht. Ich habe Blut geleckt, die etwas idealisiert Darstellung des Jobs hat mir gefallen, ich muss aktiver an die Vermarktung meiner Texte gehen.

Endlich Festivaleröffnung. Natürlich stehen wir auf der Gästelist, ist ja eine geschlossene Gesellschaft. Das Motto dieses Jahr ist Freiheit, das spiegelt sich auch auf den Eintrittskarten wieder: freie Platzwahl. Ich liebe Freiheit! Bevor es mit dem Eröffnungsfilm losgeht mühselige Grußworte, langweilig. Mit einem Höhepunkt allerding: der unterhaltsamen Anekdote des Ehepaares Erika und Ulrich Gregor, die erzählten wie sie in den 60ern polnische Filme in Westberlin zeigten. Sie gewannen einen Ehrenpreis für die Förderung der polnischen Filmografie in Deutschland, genauso wie Knut Elstermann.

Der Film beginnt, es ist You have no Idea how much I love You (Nawet nie wiesz, jak bardzo cię kochem) von Paweł Łoziński. Ein Dokumentarfilm. Er gefällt mir. Der Workshopgruppe ebenfalls.

Es ist spät geworden, es war ein langer Tag. Wir verabschieden uns, Küsschen links, Küsschen rechts. Ich gehe in mein Hostel, beziehe mein Bett, putze mir die Zähne, gähne nochmal theatralisch in den Spiegel und lege mich hin. Facebook und Instagram gecheckt, Wecker gestellt. Das Schnarchen meines Zimmergenossen wiegt mich in den Schlaf. Ich träume von angetrockneter Vogelkacke am Auto, von Fusseln im Leitungswasser, von Obdachlosen, die um ein paar Cent betteln…die Realität hat mich eingeholt.

Therapietango

Für Hobby-Psychoanalytiker ist die Sache klar: Das gestörte Verhältnis der erwachsenen Tochter zu Ihrer Mutter, die sich von ihrem Mann trennte als das Kind noch Kind war, ist ein Fall von Ödipuskomplex. Die Tochter gibt der Mutter, mit der sie sich schon immer in Bezug auf die Beziehung zum Vater in einem Konkurrenzverhältnis befand, die Schuld für die Trennung. Auch wenn der Vater ein Idiot ist, wie es im Film heißt, ändert das nichts an den unbewussten Zuneigungen einerseits und Beschuldigungen andererseits. Freud wäre stolz. Nur leider gestaltet sich die Mutter-Tochter-Beziehung im diesjährigen Eröffnungsfilm des filmPOLSKA Festivals ein bisschen komplexer.

In durchgehenden Nahaufnahmen (streckenweise möchte man von Detailaufnahmen sprechen) führt der Regisseur Paweł Łaziński durch mehrere intime Therapiesitzungen und begleitet die beiden Protagonistinnen über eine morsche Brücke von Verfeindungen und gegenseitigem Unverständnis hin zu einer stabileren Beziehung. Der bereits 21. Film des 51-jährigen Regisseurs ist eine Mischung zwischen der Serie In Treatment mit Gabrial Byrne und dem Stummfilmklassiker Johanna von Orléans des Dänen Carl Theodor Dreyer. Die Nahaufnahmen, aus denen der komplette Film besteht, rufen unweigerlich Erinnerungen an die Leiden der Jeanne d’Arc hervor, und die Funktion dieser Stilistik ist in beiden Filmen die gleiche: Schaffung von Intimität. Durch die Konzentration auf die ungeschminkten Gesichter und ihre Mimik, einen neutralen und weißen Hintergrund und das Fehlen jeglicher Musik entsteht ein beklemmendes Gefühl von Nähe. Ein schmerzliches und teils unangenehmes Gefühl, das man nicht missen will, ja sogar mehr davon will, und das Hand in Hand geht mit einem unbestimmten Schuldgefühl des Voyeurismus.

Als Dokumentarfilmer steht man immer vor dem (moralischen) Dilemma was man zeigen kann/soll/darf. Die Fragen, wie weit man beim Filmen von privatem Leben und Intimität gehen kann, welche Verantwortung der Filmemacher dabei trägt und inwiefern die Dokumentation tatsächlich mit Authentizität gleichzusetzen ist haben bereits Krzysztof Kieślowski beschäftigt.  Kieślowski begründete seinen Wechsel zum fiktionalen Spielfilm tatsächlich mit moralischen Bedenken – und der Feststellung, dass die Anwesenheit der Kamera bei Dokumentarfilmen der Authentizität abträglich ist. Łaziński hat keinerlei moralische Bedenken und zeigt seine Protagonistinnen emotional nackt. Das ist bewegend und fesselnd auch wenn am Ende mit der Enthüllung, dass es sich um zwei Darstellerinnen handelt, das Gespräch an Glaubwürdigkeit verliert. Nicht weil es nicht echt und authentisch ist, einfach nur, weil über die gesamte Laufzeit des Films die naive Vorstellung herrschte, es handle sich um eine reale Therapiesitzung. Das Gefühl von Bedrückung, manchmal gar Schuldgefühl, das sich beim Schauen einstellt und das Gefühl von Erleichterung am Ende, dass es sich bei Tochter und Mutter um Darstellerinnen handelte, führen einen gut choreographierten Tango auf.