Radiobeitrag: United States of Love

United States of Love erzählt das Schicksal von vier polnischen Frauen in den Umbruchjahren um 1990. Der Film von Regisseur Tomasz Wasilewski gewann den Drehbuchpreis der diesjährigen Berlinale. Bei filmPOLSKA läuft er in der Sektion Neues Polnisches Kino.

Ein Beitrag und Gespräch mit Julia Kijowska:

 

Radiobeitrag: „Sirenengesang“

„Sirenengesang“ ist eine Mischung aus Musical, romantischer Komödie, Erotik-, Horror- und Trashfilm. Eine absolut ungewöhnliche Geschichte, die das Leben zweier Schwestern in einem polnischen Tanzklub der 80er Jahre zeigt.

Das Besondere an den Schwestern: Sie sind Meerjungfrauen. Sobald Gold und Silber das Wasser verlassen, verlieren sie ihren Fischschwanz.

Im Tanzklub werden sie die neue Attraktion und bezaubern Künstler und Publikum. Schnell verliebt sich die blonde Silber in einen der Musiker.

Das Problem: Obwohl die beiden Meerjungfrauen einen weiblichen Oberkörper haben, ist ihre untere Körperhälfte geschlechtslos.

Nicht nur die fehlende Weiblichkeit macht Silber Probleme. Auch die Vorliebe ihrer Schwester, Männer aufzufressen.

Der erste lange Spielfilm der Regisseurin Agnieszka Smoczynska ist ein Wagnis. Für die oft blutrünstigen Szenen werden die Zuschauer mit poetischen Gesangseinlagen, glitzernden Bühnenshows und kunstvollen Kameraeinstellungen entschädigt.

So animalisch die Nixen in ihrer ursprünglichen Form, mit Fischschwanz und gelben Fangzähnen sind, so verführerisch unschuldig sind sie als zweibeinige Frauen.

Ausgezeichnet wurde „Sirenengesang“ unter anderem mit dem Spezialpreis der Jury des Sundance Filmfestivals.

 

Kamerakünstlerin Karina Kleszczewska: „Manchmal braucht das Publikum eine Schock-Therapie“

 

Karina Kleszczewska gehört zu den wenigen Meisterinnen der Kamerakunst in Polen. FilmPOLSKA hat ihr und Jolanta Dylewska dieses Jahr einen Schwerpunkt gewidmet. Ein Gespräch über die manchmal notwendigen Schock-Momente im polnischen Kino und über das Selbstverständnis einer Kamerakünstlerin.

„Wie schwierig ist es als Frau in einem Männerberuf“? – Wie oft hören sie diese Frage und nervt Sie das? 

Ich spreche nicht gerne über dieses Thema, ich will nicht wie ein Opfer klingen. Es ist eben so. In der Filmbranche sind Kamerafrauen selten, auch oder besonders in Polen. Darüber aber nur zu reden würde auch nichts ändern.

Doch warum sind ihrer Meinung nach Kamerafrauen so selten? Was ist das größte Vorurteil?

Dass man körperlich stark sein muss, um eine Kamera bedienen zu können. Das ist aber nicht so. Das Filmen ist vielmehr eine Frage der Vorstellungs- und nicht der Muskelkraft.

Ein weiteres Vorurteil ist, dass das Filmen ein sehr technischer Beruf ist. 

Natürlich hat der Beruf als Kamerafrau viele technische Elemente. Aber ich selbst habe mich nie als Technikerin gesehen. Für mich war immer klar, dass ich Kunst machen möchte. Meine Arbeit habe ich immer kreativ verstanden.

Wie und warum haben Sie mit dem Filmen angefangen? 

Als ich etwa neun Jahre alt war, habe ich eine Fotokamera von meinem Vater geschenkt bekommen. Seitdem wollte ich immer Fotografin werden. Früher konnte man aber in Polen Fotografie nicht alleine studieren. Also musste ich quasi zum Film. Ich habe es aber nie bereut.

Aber Filmregisseurin wollten sie nie werden? 

Nein, daran hatte ich kein Interesse. Menschen, die Bilder machen, haben eine ganz andere Vorstellungskraft als die, die Geschichten erzählen. Regisseure sind eher Psychologen: sie spielen mit den Menschen, mit den Schauspielern, dem Team. Als Kamerafrau zu arbeiten ist für mich eine viel bessere Position. Ich erschaffe die Bilder, aber muss mich nicht mit den Produzenten oder den Schauspielern rumschlagen (lacht).

Welches Verhältnis haben Sie zu den Regisseuren? 

Das ist sehr unterschiedlich. In Polen haben die Kameramänner und -frauen eine sehr starke und wichtige Position. Aber das hängt sicher stark vom Regisseur oder auch vom jeweiligen Kamerakünstler ab. Wenn sich der Kameramann nicht so stark einbringen möchte in den kreativen Part, dann muss er das nicht. Dann kann er einfach tun, was ihm gesagt wird. Aber ich war nie so. Ich wollte mich schon immer von Anfang bis Ende in den Prozess einbringen.

In einem ihrer Filme „der Unbewegte Beweger“ geht es auch um eine Frau. Sie wird von einer Gruppe Männer vergewaltigt. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall, der in Polen als Sex-Skandal durch die Medien ging. Warum war Ihnen die Geschichte so wichtig? 

In Polen gibt es viele Menschen, die sagen, dass das Mädchen selbst Schuld an der Vergewaltigung ist. Sowas ist totaler Bullshit! Als in unserem Film die junge Frau auf der Polizeistation ist, um die Männer anzuzeigen, wirft man ihr auch vor, sie habe durch ihre freizügige Kleidung die Tat selbst provoziert. Wir wollten niemanden verurteilen, aber dem Publikum einen Spiegel vorhalten.

In dem Film nutzen Sie eine sehr explizite Bildsprache. Warum? 

Wir wollten die Menschen zum Nachdenken bringen. Dafür mussten wir das Publikum durch sehr eindeutige Bilder schocken. Die reale Geschichte ist so gewalttätig, darüber konnten wir keinen netten Film machen. Dabei sieht man die gewalttätigen Szenen gar nicht wirklich. Wir zeigen nur: Da ist ein Mädchen, sie wird vergewaltigt. Der Zuschauer sieht nur eine Nahaufnahme von ihrem Gesicht. Dabei stellen wir die Frage: Wie fühlst du dich, als du die Träne in dem Auge des Mädchens gesehen hast? Ich glaube anders hätte dieser Film nicht funktioniert. Dann wäre er nicht so energetisch.

„Polish Shit“: Willkommen im Punk-Rock-Zirkus

Dass man durchaus im Tourbus in ein Kondom pinkeln kann, lernt der Zuschauer von „Polish Shit“ gleich am Anfang des Films. Schnell geht es weiter, mit anderen Körperflüssigkeiten. Es wird gespuckt, gekotzt, gepinkelt, auf der Bühne, vor der Bühne, neben der Bühne und im Hotelzimmer.

Die gealterten Punk-Rock-Musiker der Band „Tranzystory“ lassen kein Rock’n’Roll-Klischee aus. Der harte Alkohol ist immer griffbereit, die Graspfeife steckt in der Hosentasche und auch junge Frauen gibt es reichlich für die Nacht nach dem Konzert.

Nach dem Pinkelexperiment der ersten Szene erfährt der Zuschauer, wie es zu der Männerfahrt im Tourbus kam. Es geht zurück zu den Tagen vor der großen Reise.

Die Mitglieder der ehemaligen Rockband „Tranzystory“ brauchen Geld. Da kommt Czeslaw Skandal gerade recht. Der Gerichtsvollzieher preist sich als großes Manager-Genie an und will den gealterten Punk-Rockern mit 50 Konzertauftritten und dem lange ersehnten ersten Album zu Ruhm und Reichtum verhelfen. Die Männer verlassen Familie und Freunde, setzen sich in den Tourbus und beginnen ihre Konzertreise durch Polen.

Polish Shit, Band

Dass Czeslaw Skandal alles andere als ein Manager-Genie ist, stellt sich schnell heraus. Der kleine, dicke Mann mit Schnurrbart verführt an jedem Ort eine junge Frau, schiebt sich zwischendurch ein Würstchen nach dem anderen in den Mund und schafft es zum Schluss, das eingenommene Geld im Spielcasino zu verspielen.

“Polish Shit” ist Kino, das den Zuschauer Tränen lachen lässt. Der Film ist herrlich grotesk, absurd und verrückt. Immer an der Grenze zum Ekelhaften, aber nie darüber. Ein ironischer Kommentar zu der polnischen Musikwelt, zur Punkszene und TV-Musikshows. Wunderbar inszeniert durch eingeschobene Musicalszenen. So tanzt sich Manager Skandal mit einer Gesangseinlage in Begleitung von glitzernden Showtänzern in die Herzen der Bandmitglieder, oder die harten Punk-Rocker singen über dem morgendlichen Rührei in sanften Tönen über ihr Leid.

Die Low-Budget-Produktion ist das Spielfilm-Debüt von Grzegorz Jankowski. Die Einflüsse der vorherigen Dokumentarfilmarbeiten des Regisseurs, sind auch in “Polish Shit” sichtbar. Immer wieder wird zu den Bildern der Kameras geschnitten, mit denen die Figuren ihre Fahrt dokumentieren. So erhält der Film neben der schnellen Rock-Musik auch im Bild etwas Unkonventionelles und Energiereiches.

Für Zuschauer, die die polnische Musikszene kennen, bietet der Film einige weitere Lacher. So werden die Bandmitglieder nicht von professionellen Schauspielern, sondern von in Polen bekannten Musikern wie Robert Brylewski oder Tymon Tymański gespielt.

Weitere Vorführung:

Samstag, den 23. April um 20:00 Uhr im Club der polnischen Versager

 

Die Universalität des Blicks

Auch wenn im Jahr 2011 mit dem Film „The Artist“ von Michel Hazanavicius ein moderner Stummfilm für Furore gesorgt hat, finden sich im Zeitalter des Multiplex-Kinos immer weniger Filmemacher, die sich auf die Wirkung des Bildes konzentrieren. Ein gelungener Vertreter dieser Form ist „Nude Area“ von Urszula Antoniak. Der Film erzählt in mehreren Akten die Liebesgeschichte zweier Mädchen (Sammy Boonstra und Imaan Hammam), die nicht nur unterschiedlicher Herkunft sind, sondern auch verschiedenen Schichten angehören. Gemeinsam ist beiden hingegen das gegenseitige Interesse, das sich langsam Bahn bricht.

Zwar bedient sich der Film einer wohl dosierten Musik von Ethan Rose und Umgebungsgeräuschen, wie langsam fallender Wassertropfen — auf Sprache verzichtet er jedoch vollständig. Stattdessen erzählt er in ruhigen und poetischen Bildern von der Faszination für die menschliche Seele und den Körper. Das dem Film voran gestellte Zitat Roland Barthes’ „Wer liebt, spricht für sich, als Liebender, im Angesicht des Liebesobjekts, das seinerseits schweigt.“ dient dabei als Schlüssel für den Zugang zum Film. Im Moment der Liebe bedarf es eben keiner Worte. Die Seele findet sich in den Augen, die durch die Arbeit des Kameramanns Piotr Sobocinski mehr zu sagen scheinen, als der darunter liegende Mund es jemals könnte. Und so wird deutlich, dass Worte eben nicht alles sagen können.

Weitere Vorführungen:

Samstag, 23. Februar 2016 um 22 Uhr im FSK
Dienstag, 26. Februar 2016 um 20 Uhr im ACUDKino

Trailer

Radiobeitrag zur Eröffnung des 11. filmPOLSKA-Festivals

Anlässlich der Festival-Eröffnung des 11. filmPOLSKA machten sich die Jungjournalisten auf den Weg ins Babylon. Vor Ort haben sie die ersten Portionen Festivalatmosphäre eingeatmet, das Publikum zum gezeigten Film befragt und in erster Linie den Abend genossen.

Hier sind ihre Ergebnisse, aufbereitet als Radiobeitrag:

New Cracow Animation

 

Wenn man über polnische Kinematographie nachdenkt, tauchen normalerweise Namen wie Wajda, Polański, Has, Kieślowski, Zanussi, Skolimowski u.s.w. auf. Man sollte nicht vergessen, dass Animationsfilme auch eine wichtige Rolle im polnischen Kino spielen, obwohl sie im Hintergrund stehen. Dabei geht es nicht nur um Kinderzeichentrickfilme, sondern um Meisterwerke, bei denen der künstlerische Aspekt im Fokus steht. Auch auf dem diesjährigen filmPolska-Festival können die Besucher einen Blick auf die neuesten polnischen Animationswerke werfen. Normalerweise assoziiert man polnische Animation mit den Städten Łódź und Bielsko-Biała, diesmal aber kommen die Arbeiten aus Krakau. Die beiden Absolventen der Prestige Kunstakademie Kraków, Zbyszek Czapla und Wojciech Sobczyk, zeigen dem Berliner Publikum ihre neusten Werke.

Die sieben Animationskurzfilme (fünf von Czapla, zwei von Sobczyk) zeichnen sich auf der einen Seite durch einen traditionellen Mal- und Zeichenstil aus. Auf der anderen Seite neigt insbesondere Czapla zum Experimentieren mit der Animationskunst. So zum Beispiel in seinem Kurzfilm „Paper Box (Papierowe Pudełko)“. Er benutzt als Material alte Fotografien, die von einer Flut vernichtet wurden. Aus ihnen macht er einen Film über das Vergessen, den sinnlosen Kampf mit der Zeit und die gewaltige, zerstörerische Kraft der Natur. In „T.“ nutzt er die Bilder eines 11-jährigen Jungen und zeigt die Fantasie und schöpferische Kraft eines Kindes. In dem mit Aquarellbildern gemachten Film „Toto“ greift er das wichtige und in Polen jahrelang verschwiegene Thema von Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche auf.

Der zweite Regisseur des Duos Wojciech Sobczyk zeigt in seinen nach Jahreszeiten benannten Kurzfilmen „Wiosna 1999“ und „Lato 2014“ die destruktiven Kräfte, die in den Menschen schlummern. Er benutzt dabei wunderschöne und gleichzeitig beängstigende schwarz-weiße Bilder, die zusammen mit dem minimalistischen Score ein poetisches Werk bilden.

Insgesamt dauert die auf dem filmPolska gezeigte Auswahl der beiden Regisseure nur eine Stunde. Das scheint wenig, allerdings findet man in den kleinen Animationskurzfilmen mehr interessante Aspekte und Inhalt als in vielen „normalen“ Filmen. Vor allem sind sie schön anzuschauen, was bei einem audiovisuellen Medium wie Film schließlich auch eine wichtige Rolle spielt.