Radiobeitrag: United States of Love

United States of Love erzählt das Schicksal von vier polnischen Frauen in den Umbruchjahren um 1990. Der Film von Regisseur Tomasz Wasilewski gewann den Drehbuchpreis der diesjährigen Berlinale. Bei filmPOLSKA läuft er in der Sektion Neues Polnisches Kino.

Ein Beitrag und Gespräch mit Julia Kijowska:

 

„Zud“- Porträt einer Nomadenfamilie

Eine karge Landschaft, geprägt von Hügeln in der Ferne, einem staubigen Boden und den Viehherden der Nomaden, die sich in diesem Teil der Erde ein Zuhause geschaffen haben. Das Leben in der mongolischen Steppe ist hart. Mehrmals im Jahr kommt der Zud; ein Kälteeinbruch mit Sturm und Schnee, der viele Familien an ihre Grenzen bringt. Besonders das Viehsterben in Folge der extremen Kälte führt schnell zur Existenzbedrohung, denn die Tiere sind hier Lebensgrundlage.

Als der Zud unerwartet über den elfjährigen Sukbhat und seine Familie einbricht und viele ihrer Ziegen und Schafe erfrieren, steht sein Vater vor einer schwierigen Situation. Er hat Schulden und muss zu Geld kommen. Die Mutter muss sich um den kleinen Sohn kümmern, er selbst ist mit den Tieren beschäftigt. Plötzlich liegt es am älteren Sohn, Sukbhat, Geld für die Familie aufzubringen. Da im Dorf regelmäßige Pferderennen stattfinden, bei denen man viel Geld gewinnen kann, zwingt der Vater den Jungen, ein wildes Pferd einzureiten. Alle Hoffnung liegt nun auf ihm.

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Das Spielfilmdebüt von Marta Minorowicz erinnert an die Dokumentarfilme, mit denen sie berühmt geworden ist. Dass sie nun einen Spielfilm gedreht hat, überraschte bereits auf der diesjährigen Berlinale. Die ruhigen Bilder, welche die Charaktere in ihrem ganz alltäglichen Ablauf zeigen, könnten ebenso gut eine Dokumentation sein. Die Schauspieler sind Laien und teilweise auch im richtigen Leben miteinander verwandt. Warum Minorowicz sich dennoch für die Spielfilmvariante entschieden hat, ist nicht ganz klar. Gelegentlich fragt man sich, ob eine Dokumentation nicht doch die schönere Lösung gewesen wäre.

Es passiert nicht viel hier draußen, das Leben ist von Arbeit geprägt, das Zusammenleben mit den Tieren steht im Vordergrund. Der Vater schert die Schafe und versucht, das Fell zu verkaufen, Sukbhat trainiert sein Pferd und spielt mit seinem gleichaltrigen Freund, schließlich ist er trotz der Bürde, die ihm auferlegt ist, noch immer ein ganz normaler Junge, der sich kichernd über die Mädchen in seiner Klasse amüsiert. Zur Schule gehen kann Sukbhat ohne Geld aber nicht mehr. Die Mutter wäscht die Kinder und kocht, über der Steppe weht leise der Wind. Man muss sich einlassen auf die Stille, die mit diesem Leben und damit auch mit diesem Film einhergeht. Das kann sicherlich nicht jeder. Die intensivsten Szenen sind dann doch die wenigen mit Dialog, dann, wenn Vater und Sohn gemeinsam das Pferd trainieren und ihre Beziehung zueinander deutlich wird. Vor allem aber ist „Zud“ etwas fürs Auge. Ein Film, den man nur in der richtigen Stimmung anschauen sollte.

Termine:

Montag, 25.4. 20:30 Uhr, Bundesplatz Kino (zu Gast: Marta Minorowicz)

Dienstag, 26.4. 20:00 Uhr, FSK (zu Gast: Marta Minorowicz)

Rezension: „Nachbarn“ („Sąsiady“)

Wie wirft man einen Kohleneimer auf den Kopf von Jemandem, wenn der Zucker alle ist und der Mann schwanger ist?

Ein Mann versucht, einen Karpfen für Ostern zu kaufen… (Das ist seltsam, da man normalerweise in Polen Karpfen zu Weihnachten kauft.)  Doch noch einmal zurück, ein Mann versucht einen Karpfen für Ostern zu kaufen. Der Fisch entpuppt sich als Hase und wenn man ihn in die Badewanne steckt, legt er Ostereier…

Der Film „Nachbarn“ („Sąsiady“) beginnt verwirrend. Gedreht wurde er (nach zwanzig Jahren Pause) von Grzegorz Królikiewicz, der als Meister der Avantgarde in Polen gilt. Der Streifen spielt in der Industrie- und Filmstadt Łódź, wo Królikiewicz seit mehr als dreißig Jahren als Professor an der Filmhochschule tätig ist. Noch genauer gesagt, der Spielort ist ein zerfallenes Mietshaus aus rotem Backstein in einem Elendsviertel. Die Hauptdarsteller, sind die Bewohner dieses Hauses und wir sehen, wie deren „grauer“ Alltag aussieht. So wie das Mietshaus in einzelne Wohnungen geteilt ist, so teilt sich der Film, teils in Kurzgeschichten und episodische Szenen. Das ist aber erst der Anfang.

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Es ist schwierig zu sagen, in welcher Zeit „Nachbarn“ spielt. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um Polen zur Zeit des Sozialismus handelt. Lange Warteschlangen, leere Einkaufsläden erinnern an die 80er Jahre. Manchmal aber taucht auch modernste Technik auf, wie zum Beispiel eine Drone mit einer Kamera. In einer Episode geht es darum, dass ein Nachbar ein neues Auto gekauft hat. Es handelt sich dabei um eine alte polnische Karosse (Syrena) aus den 60er, 70er Jahren. Einer von vielen Charakteren sagt: „Ich bin irgendwo zwischen 1945 und 2000 etwas“ ,Weihnachten und Ostern finden gleichzeitig statt. Alles ist sehr verwirrend. Die meisten Szenen scheinen auf den ersten Blick keinen Sinn zu machen. Die einzelnen Geschichten sind kaum miteinander verbunden; eine wirkt absurder, skurriler, abstrakter als die andere. Ein Motiv taucht allerdings häufig auf: zwei aufeinander rückende Mauern. In der Spalte zwischen diesen Mauern sind die Nachbarn gefangen, in einer Welt „zwischen 1945 und 2000 etwas“; Einer Welt in der die Zeit rückwärts gehen kann und Männer schwanger werden. Die Schließung eines Krankenhauses wird frenetisch gefeiert. Man wirft sich gegenseitig die Kohle auf dem Kopf. Bei einer Frau entdeckt man, dass sie zwei Herzen hat. In der Stadt verschwindet plötzlich der ganze Zucker. Der in Polen bekannte Bodybuilder Mariusz Pudzianowski (die polnische Antwort auf Arnold Schwarzenegger?) ist Priester und besucht die Bewohner, um mit ihnen zu beten. Ist es die Wirklichkeit oder ist es ein Traum? Ist die Spalte zwischen den Wänden, ähnlich wie das Kaninchenloch in „Alice in Wunderland“, das zu einer anderen fantastischen Welt führt?

Schon in seinen anderen Filmen zeigte sich der Altmeister Grzegorz Królikowski als ein radikaler Avantgardist, der offene Fragen liebt. Nicht anders verhält es sich mit „Nachbarn“, wo man verzweifelt nach Antworten sucht. Man kann natürlich die gute schauspielerische Leistung, die Bilder und die Musik loben. Aber eigentlich versteht man den Film nicht und kann ihm nicht folgen. Es ist also kein Film für ein breites Publikum. Als Zuschauer versucht man nicht dem Wahnsinn zu verfallen. Wenn man die vom Regisseur erschaffene Welt akzeptiert, kann man vielleicht auch Komik in diesen Mietshausszenen entdecken. Diese Komik ist typisch polnisch, denn in Polen muss nicht jeder Witz mit einer Pointe enden.

„Die rote Spinne“ – Im Netz der dunklen Seele

Krakau im Winter 1967. Am Rande eines Jahrmarkts entdeckt der junge Turmspringer Karol eine Kinderleiche. Die typischen Einschläge am Kopf deuten auf den Serienmörder hin, der die Stadt schon seit längerer Zeit in Atem hält: „Die rote Spinne“. Karol beschließt, auf eigene Faust zu recherchieren und kommt seinem Ziel bald gefährlich nahe. Wie es dem jungen Mann gelingen konnte, den Mörder, der als Tierarzt arbeitet, ausfindig zu machen, während die Polizei nach dutzenden Morden noch immer keine Anhaltspunkte zu haben scheint, bleibt offen. Es ist nur eine von vielen Ungereimtheiten, die das Spielfilmdebut des Regisseurs Marcin Koszałka begleiten.

Einen Serienmörder, der Polen in den 60er Jahren in Atem hielt, gab es wirklich. Als „Vampir von Kraków“ trieb er damals sein Unwesen. Die zweite Figur, die dem Mörder auf die Schliche kommt, entspringt Koszałkas Fantasie.

Akribisch klebt Karol Zeitungsberichte über die Morde in ein Album, denn auch in ihm schlummert eine dunkle Seite. Nachdem er den Mörder längere Zeit verfolgt hat, vergiftet er sogar seinen eigenen Hund, um Kontakt zu dem Tierarzt aufzunehmen. Es dauert es nicht lange, bis sich die beiden Männer durchschaut haben. Es entsteht eine seltsame Lehrer-Schüler Beziehung. Besonders folgsam ist Karol allerdings nicht.

Koszałka ist vor allem für seine Dokumentarfilme bekannt. Auch in „Die rote Spinne“ führt er selbst die Kamera. Der geübte Blick des Beobachters kann aber nur teilweise das nicht eingelöste Versprechen der Story wieder wett machen. Ein Psychogramm eines Mannes soll es sein, der eine Faszination für einen Serienmörder entwickelt. Tatsächlich auch einen eigenen Mord zu begehen, gelingt Karol nicht – der einzige Hinweis darauf, dass es eine Zerrissenheit in ihm geben mag. Den Ruhm und die Aufmerksamkeit wünscht er sich trotzdem. Schließlich behauptet er bei der Polizei, selbst die rote Spinne zu sein. Da er durch den eigentlichen Mörder Insiderwissen über die Morde verfügt, glaubt man ihm.

Bewusst zieht Karol seine Lüge durch, keine Spur von Zweifel oder Selbstreflektion. Tatsächlich wird sein Charakter dadurch uninteressanter, als er hätte sein können. Moralische Fragen werden nicht gestellt, Spannung kommt eigentlich nie auf. Darum geht es auch nicht, könnte man jetzt behaupten, konzentriert wird sich stattdessen auf die seltsame Beziehung der beiden Männer zueinander und zu ihrer Umwelt. Leider scheitert auch diese Darstellung, da die Handlungen der Figuren nicht wirklich nachvollziehbar sind. Teilweise wird noch versucht zu erklären: die Kommunikation zu seinen Eltern, mit denen Karol noch zusammen lebt, scheint gestört zu sein: eine wortkarge Mutter und ein ehrgeiziger, kalter Vater bilden weitere Rahmenfiguren der Handlung, deren Hintergründe jedoch nicht weiter beleuchtet werden. So bleibt das Gefühl einer verpassten Chance, vor allem bei der Charakterentwicklung.

Termine:

Die rote Spinne: 27.4., 21:00 ACUDKino

Radiobeitrag: „Sirenengesang“

„Sirenengesang“ ist eine Mischung aus Musical, romantischer Komödie, Erotik-, Horror- und Trashfilm. Eine absolut ungewöhnliche Geschichte, die das Leben zweier Schwestern in einem polnischen Tanzklub der 80er Jahre zeigt.

Das Besondere an den Schwestern: Sie sind Meerjungfrauen. Sobald Gold und Silber das Wasser verlassen, verlieren sie ihren Fischschwanz.

Im Tanzklub werden sie die neue Attraktion und bezaubern Künstler und Publikum. Schnell verliebt sich die blonde Silber in einen der Musiker.

Das Problem: Obwohl die beiden Meerjungfrauen einen weiblichen Oberkörper haben, ist ihre untere Körperhälfte geschlechtslos.

Nicht nur die fehlende Weiblichkeit macht Silber Probleme. Auch die Vorliebe ihrer Schwester, Männer aufzufressen.

Der erste lange Spielfilm der Regisseurin Agnieszka Smoczynska ist ein Wagnis. Für die oft blutrünstigen Szenen werden die Zuschauer mit poetischen Gesangseinlagen, glitzernden Bühnenshows und kunstvollen Kameraeinstellungen entschädigt.

So animalisch die Nixen in ihrer ursprünglichen Form, mit Fischschwanz und gelben Fangzähnen sind, so verführerisch unschuldig sind sie als zweibeinige Frauen.

Ausgezeichnet wurde „Sirenengesang“ unter anderem mit dem Spezialpreis der Jury des Sundance Filmfestivals.

 

„United States of Love“ oder „Die Krux des Begehrens“

Wenn der gelegentliche Kinogänger mit dem Wort „polnischer Film“ konfrontiert wird, dürften sich in seinem Kopf einige Assoziationen bilden. Dazu gehören farblose Bilder, triste Landschaften, trüb dreinschauende Akteure und die allgemeine Schwere des Seins. „United States of Love“ von Tomasz Wasilewski gehört zu den wenigen Filmen im Programm des diesjährigen filmPOLSKA-Festivals, der diesen Erwartungen entspricht. Hinter der Fassade aus entsättigten Farben und grauen Gemäuern wartet jedoch ein hypnotisches Kaleidoskop aus perfekt geschriebenen und inszenierten Emotionen.

„United States of Love“ oder „Zjednoczone stany milosci“ ist ein Triptychon. Angesiedelt ist er im Polen des Jahres 1990. Einem Jahr, das ob seiner antiquierten Standards viel weiter weg scheint, als es eigentlich ist. Wasilewski lässt uns in den Alltag dreier Frauen blicken. Agata ist in einer Ehe gefangen, die keinen der Partner glücklich oder zufrieden macht. Das wahre Objekt ihrer Zuneigung kreuzt regelmäßig ihren Weg, könnte aber genau so gut auf einem anderen Planeten sein.

Iza ist die Direktorin der ansässigen Schule. Sie ist eine resolute Frau, die von Kollegen und Freunden gleichermaßen respektiert wird. Ihre einzige Achillesferse scheint ihr Herz zu sein. Ein Mann, mit dem sie eine jahrelange Affäre führte, ist kürzlich zum Witwer geworden. Seine emotionale und körperliche Verfügbarkeit lässt dadurch jedoch weiter nach und Iza steigert sich in eine Raserei aus Herzensleid hinein. Hier illustriert Wasilewski höchst eindrucksvoll, wie sehr sich die Fassade eines Menschen vom Inneren unterscheiden kann.

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In der letzten und tragischsten Episode lernen wir Renata kennen. Eine liebe- und würdevolle ältere Dame. Wie ihre beiden Vorgängerinnen lebt auch sie in einem Käfig. Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht verschweigt sie, die Suche nach Nähe mündet in Enttäuschung und Einsamkeit. Ein radikaler Unterton schwingt in diesem letzten Kapitel des Films mit. Wir sehen einen Menschen, der sich allmählich und entgegen jeder Bemühung damit abfinden muss, den Rest des Lebens alleine zu verbringen.

Zwar wird Wasilewskis Dreigestirn nacheinander erzählt, trotzdem sind die Leben der einzelnen Frauen auf eine subtile Art und Weise verknüpft. Sie bauen nicht aufeinander auf, beeinflussen sich nicht direkt und ergeben sich auch nicht auseinander. Durch einen flüchtigen Blick oder einen unpersönlichen Gruß zwischen den Protagonistinnen spannt „United States of Love“ einen Kosmos, dessen Summe weitaus mehr ist als seine Teile. Die Themen des Films sind so universell und fundamental, dass sie Faktoren wie Geschlechterrollen oder politisches und soziales Umfeld übersteigen. Die Leidenswege der drei Frauen ergeben sich weniger aus einem brutalen Patriarchat und mehr aus den emotionalen Unzulänglichkeiten des Miteinanders. Wenn Julia Kijowskas Agata beim Beischlaf voller Verzweiflung „Berühr mich. Schau mich an.“ seufzt, erschließt sich nicht nur die Absicht des Films, sondern vielleicht auch ein Stück weit der Mechanismus der menschlichen Seele. Ein schwindelerregendes, herzbrechendes Meisterwerk.

Weitere Vorführungen:

Sonntag, der 24. April um 20:00 Uhr im Babylon

 

Retrospektive: „Moonlighting“

Ein Film über polnische Schwarzarbeiter im Ausland sollte es werden. Heraus kam ein Film, wie er zum Zeitpunkt des Erscheinens aktueller nicht hätte sein können. Wie so oft im Leben sind es Zufälle, die den Dingen eine besondere Wendung geben. So auch bei Jerzy Skolimowskis Film „Moonlighting“, der innerhalb der Retrospektive des filmPOLSKA Festivals gezeigt wurde.

Die Story des Films ist simpel: Anfang Dezember 1981. Vier Polen landen in London, nur der Vorarbeiter Nowak (Jeremy Irons) spricht Englisch. Sie haben den Auftrag, innerhalb eines Monats für einen Parteibonzen ein Haus zu renovieren. Kurz nach der Ankunft der Arbeiter in England wird in Polen das Kriegsrecht ausgerufen. Nowak beschließt, den anderen nichts von den politischen Vorgängen in der Heimat zu erzählen. Für den Vorarbeiter beginnt ein Spießrutenlauf. Die Baustelle muss fertig werden. Das Geld wird knapp. Und seit Wochen keine Verbindung zur Heimat, da die Telefonverbindung in die Volksrepublik gekappt wurden. Erst nachdem die Wohnung pünktlich zum 5. Januar fertiggestellt wird, sagt er seinen Arbeitern die Wahrheit.

Die Wahrheit verschweigen, um Andere zu schützen? Für Jerzy Skolimowski ein Thema, das ihn auch selbst betraf. Er lebte bereits einige Zeit im Londoner Exil, als er beim Brötchen holen auf eine Gruppe aufgeregter Polen stieß. In der Nacht zuvor hatte Jaruzelski das Kriegsrecht ausgerufen, wodurch den Reisenden der Rückweg nach Polen versperrt war. Um sich für unbestimmte Zeit in ein Hotel einzumieten, fehlte das Geld; sie waren verzweifelt. Skolimowski begann, die Gestrandeten bei seinen polnischen Freunden unterzubringen. Als dort alle Plätze verteilt waren, suchte er im Telefonbuch nach polnischen Namen und fragte nach Unterkünften. Auch er nahm jemanden auf, Herrn Genio. Um ihn nicht zu beunruhigen, ertappte sich der Regisseur immer wieder selbst dabei, wie er die englischen Nachrichten in geschönter Weise ins Polnische übersetzte.

Als das geschah, hatten die Dreharbeiten für „Moonlighting“ bereits begonnen. Beeinflusst durch die eigenen Erlebnisse änderte Skolimowski das Drehbuch. Beim Filmfestival in Cannes 1982 konnte er schließlich einen absolut aktuellen Film präsentieren und wurde für sein Drehbuch ausgezeichnet. Einige Kritiker hielten den Film sogar für Skolimowskis bis dato bestes Werk.

Ein Film mit klaren Bildern, wenig Musik oder Dialogen. Er ist beklemmend und lässt die triste Situation der Arbeiter und den Zwiespalt Nowaks mitfühlen. Zwischendrin finden sich aber immer wieder komische Szenen, mit denen Skolimowski dem Film eine ganz eigene Dynamik gibt.

 

„Efterskalv“ oder das Nachbeben des Gefängnisses

„Der Eindringling“ des Regisseurs Magnus von Horn ist ein gutes Beispiel für die allzu häufige Umbenennung ausländischer Filme. Der Originaltitel „Efterskalv“ lässt sich nämlich vielmehr mit dem Wort Nachbeben übersetzen, was einen entscheidenden Einfluss auf die Wahrnehmung des Films hat.

Der Teenager John (Ulrik Munther) kämpft nach der Entlassung aus dem Gefängnis mit seinem Umfeld, das ihn aufgrund seiner begangenen Tat stigmatisiert. Er wird nicht nur in der Schule ausgegrenzt, auch Zuhause sieht er sich mit dem zwiespältigen Verhalten seiner Familie konfrontiert. Zwar versucht sein Vater ihm anfangs die Rückkehr in sein altes Leben zu ermöglichen, angesichts der Ausgrenzung durch die dörfliche Gemeinschaft geht aber auch er zunehmend auf Distanz zu seinem Sohn.

Wenn im Titel nun von einem Eindringling die Rede ist, werden die Positionen von John und der Dorfgemeinschaft ins Negative verkehrt. So verschiebt sich der Fokus von den Folgen, die eine Haftstrafe auf den Bestraften haben kann, auf die vermeintliche Störung der Dorfgemeinschaft. John war bis zu seiner Straftat allerdings ein Teil eben dieser Gemeinschaft. Somit wird das zentrale Thema des Films deutlich: Der Umgang mit Schuld und Vergebung oder eben mit jenem Nachbeben, das auf einen Gefängnisaufenthalt folgt. Wie verhält sich die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen und welchen Einfluss hat eine Haftstrafe auf das Verhältnis zu den alten Freunden?

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Diesen Fragen geht Magnus von Horns in seinem Film mit viel Fingerspitzengefühl nach. Das Fehlen einer ansonsten allzu häufig im Übermaß verwendeten Musik sorgt für einen fast dokumentarischen Charakter des Films. In ruhigen Bildern und mit Bedacht zeichnet er Johns emotionale Welt nach und vermittelt so einen Eindruck davon, was es bedeutet, wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Es ist gerade diese unaufgeregte Form, die den Film besonders macht. Als Zuschauer taucht man in eine Welt ein, von der man hofft, sie nie erleben zu müssen.

„Efterskalv“ entstand als schwedisch-polnisch-französische Koproduktion unter der Führung der schwedischen Dependance von Lars von Triers Zentropa und orientiert sich an dem Dogma-Manifest von 1995. So verzichtet Magnus von Horn nicht nur auf den Einsatz von Musik, er siedelt die Handlung auch in einer unberührt wirkenden Umgebung an. Kein Anzeichen eines aufwändigen Szenenbildes – stattdessen dominiert das scheinbar Dokumentarische der einzelnen Motive. Als Zuschauer wird man in das karge Dorfleben hineingezogen und dazu ermutigt, sich selbst im Spiegel zu betrachten.

Das Debut „Efterskalv“, das im Jahr 2015 in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes seine Premiere feierte, läuft noch an weiteren Terminen im Rahmen von filmPOLSKA. Sollte man es in der kommenden Woche aber nicht mehr ins Kino schaffen — der Film wird vermutlich gegen Ende des Jahres in den deutschen Kinos anlaufen.

Weitere Vorführungen:
Montag, 25. April um 22 Uhr im FSK
Mittwoch, 27. April um 20:15 im Babylon


Trailer

 

„Demon“ und die seltene Kunst des perfekten Genremixes

Ein besonders spannender Trend des jungen polnischen Kinos ist die effektive Vermischung von Filmgenres, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. In „Sirenengesang“ hat Agnieszka Smoczynska alles in den filmischen Topf geworfen, was sie gefunden hat. Und die Rechnung ging auf. Ihr Landsmann Marcin Wrona nimmt sich mit „Demon“ etwas Ähnliches vor. Auch hier werden Elemente des Horrorfilms mit einem sehr amüsanten Humor kombiniert.

Dabei sieht man „Demon“ seine Gerissenheit zu Beginn keineswegs an. Piotr kehrt aus England nach Polen zurück, um dort seine geliebte Zanetka zur Frau zu nehmen. Das nahende Wochenende wird eine ausgelassene Hochzeitszeremonie plus anschließenden Empfang bieten. Zaneta, ihre Familie und die gesamte Gesellschaft sind voller Vorfreude. Piotr nicht. Irgendetwas stimmt mit ihm überhaupt nicht, selbst nach vollzogener Trauung sind seine Stresslevel auf dem Maximum. Allmählich wird seiner frischgebackenen Frau und vor allem seinen Schwiegereltern klar, dass hier etwas weitaus Fieseres am Werk ist, als eine Überdosis Vodka. Piotr ist vom Geist einer Frau besessen und wird in ein Delirium aus Wahnsinn und Zerfall getrieben.

Was macht man also, wenn der Bräutigam am Tag der Eheschließung von einem schalkhaften Dämon besessen wird, dessen Intentionen sich nicht ganz erschließen? Aus dieser Frage zieht Marcin Wrona die ungeheure Vielseitigkeit seines Films. Während einige Charaktere sich sorgenvoll und verzweifelt zeigen, geht es Anderen hauptsächlich darum, den Bräutigam möglichst diskret aus dem Rampenlicht zu befördern. In einem Raum psychologische Höllenqualen, im Nebenzimmer humoristisch inszenierte Lakonik. Dieses Bild könnte man im Lexikon neben den Begriff „polnischer Humor“ stellen. Dabei ist das wahre Kunststück der Regieleistung, dass Wrona beide Räume so inszeniert, dass sie für sich perfekt wirken können, sich aber niemals ins Gehege kommen.

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Die wunderbare Photographie, die man heute in beinahe jedem polnischen Film beobachten kann, gerät dabei fast in den Hintergrund. So traurig das auch sein mag, es ist verständlich. Denn neben dem gleichermaßen spannenden wie unterhaltsamen Genre-Spagat ist es vor allem die Leistung des Hauptdarstellers Itay Tiran, die den Film bestimmt. Seine Verkörperung des geplagten, zerrissenen Piotr gehört zu den besten, die das Genre jemals hervorgebracht hat.

Neben „Cosmos“ ist „Demon“ bereits der zweite von mir rezensierte Film, dessen Regisseur nicht mehr am Leben ist. Doch während Andrzej Żuławski auf eine lange und illustre Karriere zurückblicken konnte, stand Marcin Wrona am Anfang eines sehr vielversprechenden Lebenswerks, als er sich kurz nach der Premiere von „Demon“ das Leben nahm. Ein unschätzbar trauriger Verlust für das polnische Kino und die weltweite Gemeinde aus Cineasten und Filmschaffenden.

Weitere Vorführungen:

Montag, den 25. April um 20:00 Uhr im ACUDKino
Mittwoch, den 27. April um 20:30 Uhr im Babylon

Retrospektive: „Deep End“ – Die Swinging Sixties sind vorbei

Während der Eröffnungsveranstaltung der Jerzy Skolimowski-Retrospektive am Donnerstag sprach ein Zuschauer den Ehrengast direkt an. Der Film Deep End habe ihn über viele Jahre begleitet und so nachhaltig geprägt, dass er sich einfach persönlich bedanken müsse. Skolimowski quittierte das überschwängliche Lob mit einem höflichen Lächeln und äußerte die Hoffnung, dass es anderen auch so gehe.

Am gestrigen Samstag ging es vielen so: Der Film lief in der Reihe zu Ehren des polnischen Regisseurs im angenehm gefüllten Saal des Zeughauskinos. Seit seinem dürftigen Kinostart vor 45 Jahren, entwickelte sich Deep End im Laufe der Siebzigerjahre durch persönliche Empfehlungen und mithilfe engagierter KinomacherInnen zu einem Klassiker der Mitternachtsvorstellungen. Abseits ernsthafter Kassenzwänge gab es den nötigen Raum für solch morbide Schönheit und absurden Witz.

Anhand des 15-jährigen Mike, der nach seinem Schulabschluss in einen Job bei der örtlichen Badeanstalt stolpert, zeichnet Skolimowski ein gebrochenes Bild des Swinging London der 60er. Der Beginn einer neuen Dekade eröffnet den Blick auf eine übersexualisierte und durchtriebene Gesellschaft. So wird Mike gleich an seinem ersten Tag in der Badeanstalt von einer wasserstoffblonden Dame heftig bedrängt. Nachdem sie zum Orgasmus gekommen ist, schickt sie den verängstigten Jugendlichen mit den Worten „You’re no use for me now“ vor die Tür. Über die zehn Pfund Trinkgeld kann sich Mike nicht recht freuen.

Lediglich seine Mitarbeiterin Susan strahlt zunächst ein positives Bild von körperlicher Liebe aus. Sie umgarnt Mike und verbindet jugendlichen Leichtsinn mit selbstbewusster Sexualität. Jedoch muss er sich sowohl gegen ihren Verlobten als auch seinen alten Sportlehrer durchsetzen. Letzterer pflegt seit Jahren eine Affäre zur deutlich jüngeren Susan. Als Mike sie zusammen in der Umkleide sieht, weiß er sich nur noch mit dem Feueralarm zu helfen.

Auch jenseits der Badeanstalt ist Skolimowskis London ebenso durchtrieben. Eine Prostituierte mit Gipsbein, die ihr Zimmer mit allerhand Seilen und Flaschenzügen fernsteuert, hat es auf Mikes ersten Lohn abgesehen. Im Kino läuft ein absurder Aufklärungsfilm für Erwachsene, den Mike sich mit johlenden Männern anschaut, obwohl er eigentlich nur Augen für Susan in der Reihe vor ihm hat.

Die deutschen Krautrocker Can untermalen diesen abseitigen Strudel mit ausufernden Flächen, die Cat Stevens‘ Titellied, das von jugendlicher Unbedarftheit erzählt, schnell vergessen machen. Deep End ist Skolimowskis zweiter Farbfilm und nutzt gerade die Psychologie der Farben sehr bewusst. Während sich Mike immer tiefer in sexuelle Fantasien und realen Schund verwickelt, überstreicht ein alter Mann das abblätternde Grün des Schwimmbads mit grellem Rot. Es ist dasselbe Rot, das Mike aus Susans Ausschnitt blitzen sieht. Und ebenso ist es das rote Blut, das schließlich das Becken füllt und dem abseitigen Strudel ein drastisches Ende setzt.