Die Anziehungskraft der Gewalt

Die perverse Faszination mit Gewalt und Tod hat schon so manchen Filmhelden und Zuschauer in ihren Bann gezogen. Scheinbar unschuldige und brave Musterschüler oder fürsorgliche Familienväter werden von einer inneren vorzivilisatorischen Animalität übermannt, die sich in Folge eines unerwarteten Gewaltaktes in ihnen rührt. Der Gedanke ans Töten kann sich zu einem Wunsch entwickeln und die Identifikation mit einem tatsächlichen Mörder endet nicht selten mit einem Identitätsverlust. Vor einem solchen Dilemma steht Karol Kremer, der Protagonist in Die Rote Spinne (Czerwony pająk), dem Spielfilmdebüt von Marcin Koszałka.

Polen, 1960er Jahre: Karol ist ein erfolgreicher Turmspringer, der beste in Krakau, seiner Heimatstadt. Er ist Medizinstudent, gutaussehend und hat ein geregeltes Leben. Eines Abends wird er Zeuge eines Mords an einem Jungen und beschließt, dem Mörder zu folgen. Statt zur Polizei zu gehen, ist Karol zunehmend fasziniert vom Täter und beginnt, ihn zu beobachten.

Die Rote Spinne hat wenige Dialoge, die Stärke des Films liegt in seinen Bildern. Kameramann und Dokumentarfilmer Marcin Koszałka untermalt die Handlung mit wunderschön komponierten Aufnahmen. Das graue Krakau ist herrlich anzusehen, die präzise Kadrierung der Bilder und die langsamen Kamerafahrten deuten das Grauen an, das sich unweigerlich nähert.

So fesselnd und schön die Bilder auch sein mögen, so verwirrend und unmotiviert erscheint die Charakterisierung der Figuren. Warum Karol dem Mörder folgt und ihn nicht anzeigt, ist noch die einzig nachvollziehbare seiner Handlungen. Seine Vorgehensweise zum Ende des Films hingegen bleibt ein Rätsel. Ist es sein Schuldgefühl, das ihn plagt? Wenn ja, wo kommt es plötzlich her und warum zeigt es sich so extrem?

Der Film verweigert sich bewusst üblicher Genrekonventionen. Leider entsteht dadurch weniger Spannung als es dem Film gutgetan hätte. Koszałka hat sich bei seinem Spielfilmdebüt mit der Rolle des Kameramanns, Regisseurs und Drehbuchautors sichtlich übernommen. Die Rote Spinne, übrigens inspiriert von dem realen Fall eines Serienmörders der 60er Jahre, der als der „Vampir von Krakau“bekannt wurde, stellt viele Fragen, und beantwortet wenige. Es liegt am Zuschauer, die Puzzleteile zusammenzufügen und sich sein eigenes Bild zu machen – aber es ist gut möglich, dass einige Teile nicht auffindbar sind.

Selbsttherapie unter Bäumen

Der extravagante Unternehmer Forst hat keinen Bock mehr. Er steigt aus. Nach einer nur sehr kurz geratenen Charakterisierung, werden die Beweggründe dafür vorerst nicht deutlich. Geld, Autos und Macht erfüllen ihn nicht mehr und so ändert er schlagartig sein Leben und zieht als Eremit in den Wald. Klingt zunächst wie ein gewöhnlicher Aussteiger-Film, doch Forest, 4 AM ist definitiv kein Survival-Drama à la Into the Wild.

Nachdem Forst jahrelang all seine Probleme mit Drogen und Sex runtergespült hat, steht er an einem Wendepunkt. Selbstmordgedanken bestimmen sein Leben. So ist der Umzug in den Wald eine selbsttherapeutische Maßnahme.

Forst schläft in einem Loch im Waldboden und es scheint, als hätte er sich bereits sein eigenes Grab gebuddelt. Er isst alles, was ihm in den Weg kommt – egal ob Tier oder Mensch. Außerdem hat er ein Problem mit den Geräuschen von Reißverschlüssen.

Jan Jakub Kolski

Jan Jakub Kolski, Regisseur von Forest, 4 AM.

Kult-Regisseur Jan Jakub Kolski inszeniert Forst als einen zugleich skurrilen und gebrochenen Mann. Es gibt nur wenige Dialoge. So müssen oftmals die Bilder für sich sprechen – ein Konzept, das nicht ganz aufgeht und so hinterlässt der Film viele offene Fragen.

Statt Ruhe und Einsamkeit findet Forst, Nata, eine Prostituierte, deren Revier der Waldrand ist. Nata erinnert, mit ihrer weißblonden Perücke und ihrer Herzlichkeit, an die Rolle der Vivian Ward aus Pretty Woman. Doch auch sie hat es nicht leicht, Forst zu knacken – er redet kaum mit ihr, aber die Gesellschaft tut ihm gut. Als sie nach einiger Zeit verschwindet, steht plötzlich die 13-jährige Jadzia vor seiner Tür. Er nimmt sich der Waisen an und nach und nach entwickeln die beiden eine Vater-Tochter-ähnliche Beziehung. Forst sorgt für Verpflegung und Jadzia kümmert sich liebevoll um den dreibeinigen Hund Kroko. Doch die Idylle trügt.

So muss sich Forst mit den Problemen eines pubertären Teenagers auseinandersetzen, dabei ist Zwischenmenschlichkeit nicht gerade seine Stärke.

Als eines Morgens der Zuhälter von der verschollenen Nata auftaucht und Jadzia mitnehmen will, erwachen Beschützerinstinkte in Forst und so ertränkt er den Russen kurzerhand im See. Konsequenzen fürchtet er nicht.

Die Erlebnisse mit Jadzia erinnert Forst an seine verstorbene Tochter und so muss er schlussendlich lernen, mit dem Schmerz zu leben und mit dem Kapitel abzuschließen.

Durch wenige Rückblenden versucht Regisseur Kolski gegen Ende des Films doch noch Licht indie düsteren Abgründe Forsts Leben zu bringen – es bleibt leider bei einem Versuch.

Hiob, oder Steppenwolf?

Las 4 Rano (Forest, 4am)

Tätowiert, massig, egoman, sportlich, sexuell aktiv, zugekokst. Der Boss einer Agentur lebt 2 Fast 2 Furious. Dann kommt der Crash. Forst gerät aus der Bahn, rasiert sich seine Designer-Frisur und reißt sich seinen fetten Ohrring aus. Er wird zum Eremit. Irgendwo im Wald lebt er mit seinem dreibeinigen Hund Kroko – wie Krokodil, erklärt er – unter wilden Tieren. Ihn verroht dieses Leben in der Wildnis. Er jagt wilde Hasen, Bieber und isst Kiefer-Eichel-Suppe. Eigentlich isst er alles. Sein kleiner Verschlag bietet alles Nötige für das einsame Leben. Eine Schlange windet sich zu seinen Füßen. Ein Eichhörnchen klettert auf ihm herum. Ein einsamer Wolf besucht ihn ab und zu.

Forest, 4 AM - Spiegel

Steppenwolf

Forst wird selbst zum Steppenwolf. Er ist dem Wahnsinn nahe, kämpft immer wieder mit Selbstmordgedanken. Wie in Herman Hesses Erzählung baut sich der Protagonist gedankliche Brücken, die ihn vor dem Selbstmord bewahren. Ein kleiner Lichtblick in seinem Leben ist die Prostituierte Nata. Die Beiden entwickeln ein freundschaftliches Verhältnis. Sie sind verspielt, beinahe kindlich miteinander. Sie teilen kurze Augenblicke, in denen sich ihr eigentliches Leben ganz weit entfernt. Diese kleinen Inseln sind die Höhepunkte des Films. Sie sind atmosphärisch stark und laden zum Träumen ein.

Forest, 4 am

Hiob

Jan Jakub Kolski ist bekannt dafür, existenzielle Themen zu behandeln. In Las 4 Rano (Forest, 4am) führt er nicht nur Regie sondern ist auch Kameramann und – zusammen mit dem Hauptdarsteller Krzystof Majchrzak – Co-Autor des Drehbuchs. Der Wald als Schauplatz ist gelungen inszeniert und atmosphärisch fotografiert. Die Kameraführung und Bildgestaltung überzeugen. Leider hinkt die Charakterzeichnung. In einem Augenblick ist Forst eine Hiobsfigur, im Nächsten wirkt er psychopathisch. Die Übergänge zwischen geduldiger Selbstaufgabe und Raserei sind nicht glaubhaft. Darunter leidet der Film. Hiob-Zitate als Zwischentitel wirken zu dick aufgetragen. Die psychologischen Motivationen der
Protagonist*innen sind wenig einleuchtend, dagegen sind die Kurzschlussreaktionen auf den Punkt und glaubhaft inszeniert. Viele gute Ideen machen Las 4 Rano zu einem sehenswerten Film.

I got over all my loves

Wenn ein Kunsthistoriker und Kurator moderner polnischer Kunst und Filme sich entschließt selbst Filme zu drehen, erwartet man einen Film wie diesen. Das zweite Werk Łukasz Rondudas im Jahre 2015 (Performer)erzählt die Liebesgeschichte zweier außergewöhnlicher Menschen.

Łukasz Ronduda porträtiert die beiden fiktiven polnischen Künstler Wojciech Bąkowski und Zuzanna Bartoszek. Wojciech ist Performancekünstler, Sounddesigner und Zeitlupen-Rapper. Er entdeckt die noch unbekannte Hobbykünstlerin Zuzanna im Publikum bei einem Auftritt in einem dunklen Warschauer Club. Noch bevor er Zuzanna anspricht und sie bittet, mit ihm nach Hause zu gehen, verrät die Bildsprache ihre Verbindung. Beide Figuren haben eine Glatze und tragen schwarze Kleidung, bei Aufnahmen von hinten sind sie manchmal nicht zu unterscheiden, bereits vor ihrem Zusammentreffen wirken sie wie Doppelgänger.

Die Erzählung spielt vor allem in der Enge ihrer Wohnung ab, Ausnahmen sind die wenigen Ausflüge in Shoppingcenter, Clubs oder die eigene Ausstellung. Der Regisseur konzentriert sich auf die beklemmend kleine Wohnung, die sinnbildlich die Enge der Beziehung zeigt. Zwischen Freizeit und Arbeit, Privatleben und Kunst gibt es für die beiden keine Grenzen, doch bald zeigen sich die Grenzen ihrer Liebesbeziehung. Wer kopiert den anderen? Wer hatte die Idee ursprünglich? Hat man auf jede Äußerung ein Patent? Letztendlich ist es Zuzanna, inzwischen anerkannte Künstlerin, die das symbiotische Zusammenleben beendet. Glücklich läuft sie allein durch die Shoppingcenter und lässt die Wohnung und Wojciech hinter sich. Wojciech, verletzt durch die Trennung, verarbeitet seinen Liebeskummer in einer Performance, die gegen Ende des Films gezeigt wird. I got over all my loves kreiert er aus den Erinnerungsstücken aller Verflossenen. Es entsteht eine laute Geräuschkulisse, die bis in den Abspann des Films zu hören ist.

So altbekannt die Geschichte eines Liebespaares und dessen Alltagsprobleme sind, so ungewöhnlich ist die Gestaltung des Films. Die Glatzen der beiden Hauptfiguren wirken wie ein Verfremdungseffekt, jede Handlung der beiden wie eine ihrer Kunstperformances. Der gesamte Film wirkt wie ein gemeinsames Kunstprojekt Wojciechs und Zuzannas, das von der besonderen Tonspur des Films unterlegt wird. A Heart of Love verfolgt die Höhen und Tiefen einer normalen Liebesbeziehung zwischen zwei ungewöhnlichen Menschen und lässt eine einzigartige Performance entstehen.

Ein unbequemer Blick auf die Verwurzelung – Office For Monument Construction

Karolina Bregula, die junge Video- und Aktionskünstlerin, stellt ihren zweiten Spielfilm vor. Gedreht in Glasgow, als Synonym für irgendeine Stadt, die dem demografischen Wandel der Menschen und Gebäude unterliegt.

Der Film wird im K18 gezeigt, einem kleinen gemütlichen Off-Kino in Friedrichshain, mit Sofaeinrichtung und einem Eingang durchs Fenster.

Auch dieser Film ist sehr gut besucht, die neuen Formen des Kinos finden Begeisterung im Berliner Publikum. Dort ist die Regisseurin mit ihrem künstlerischen Hintergrund zu Hause.

In surealem Metaphern Film zeichnet sie, eine Welt mit obdachlosen Menschen, die versuchen ihren Platz zu finden.

Eine ältere Dame, die leidenschaftlich menschliche Zähne sammelt, ein dicker Herr, der ein Ticket für den Bus zu einem Ort kaufen möchte, den es nicht gibt, sind zwei der eigenwilligen Charaktere, die aufeinander treffen. Dialoge, die in ihrer Entrücktheit mal Bezug aufeinander nehmen, mal nicht. Es ist ein Spiel aus Wirklichkeit und Traumwelt.

Auf der Tonspur sind laute Regengeräusche in verschiedenen Klangbildern zu vernehmen, die zunehmend intensiver werden und so auch den Zuschauer nerven können, was explizit beabsichtigt ist. Das Unbequeme, das die Figuren in ihren merkwürdig neu konstruierten und sinnhaft umfunktionierten Räumen erleben, soll auch der Zuschauer körperlich spüren.

Der Film zieht sich. Trotz eines fehlenden Spannungsbogens fesseln die Protagonisten, die allesamt Laienschauspieler sind. Sie agieren in teils grotesk-komischen Situationen, die Kamera atmet mit ihnen, die Perspektiven sind oft statisch. Die Räume oder Plätze wirken wie Theaterbühnen, auf denen in mehreren Akten die Neukreationen und Einrichtungsprozesse der Menschen beobachtbar sind.

Die Bilder sind farblich exzellent durchkomponiert. Zuweilen verschwinden die Darsteller fast in ihrer Umgebung.

Karolina Bregula, die 2015 den Filmtrailer von filmpolska Festival erstellte, bietet neuartige Perspektiven auf menschliche Bedürfnisse: die Konstruktion eigener Monumente, in von Veränderung geprägten Zeiten

A Heart of Love: Die Kunst zu leben

“Ich will du sein”, dichtete Rainer Maria Rilke einst für Lou Andreas Salomé. Dieser Wunsch, völlig im Gegenüber aufzugehen, gleich zu sprechen, gleich zu gehen, sich so weit es nur geht dem Anderen anzunähern, ist ein verbreitetes Motiv der Liebe –die körperliche und geistige Verschmelzung als ultimative erotische Form.

Dem Anderen in der Beziehung immer ähnlicher zu werden, passiert manchmal ganz nebenbei oder bei langjährigen Paaren dann aus einem gewissen“Alterspragmatismus” (Huch, da haben wir uns doch tatsächlich die gleichen Regenjacken gekauft). Nicht aber bei dem Künstlerpaar Wojcieck und Zuzanna in A Heart of Love (Originaltitel: Serce Miłości)von Regisseurs Łukasz Ronduda. Es ist der zweite Film des polnischen Kunstkurators und lief, wie zuvor sein Debütfilm The Performer, auch im Programm der Berlinale.

Minimalistisch, monochrom, kantig. Wojcieck und Zuzannas Beziehung folgt einer strengen ästhetischen Form, die sich beide bewusst auferlegen. Dieser Formalismus trägt sie durch Krankheit und Konflikte. Zumindest eine ganze Weile, bis die Ausbrüche den ordentlich gesteckten Rahmen sprengen. Auch die Kamera in A Heart of Love folgt den ästhetischen Regeln seiner Figuren, mit klaren Farben, harten Kontrasten und Standbildern, die sich gleich ausdrucken und in die nächste Galerie hängen ließen.

Wojcieck ist Performancekünstler. Ausnahmslos alles in seinem Leben versteht er als Material, das über kurz oder lang Teil der Arbeiten wird. Von Zuzannas Träumen bis zum mondänen Einkauf im Möbelkaufhaus – jedes Detail findet Verwertung in seinen Installationen und Performances. Zuzanna fühlt sich benutzt und in ihrer eigenen Ausdrucksweise beschnitten (“Du sägst meiner Karriere damit die Beine ab”). Die sehr eigene Dynamik des Paars und ihr fortwährendes Oszillieren zwischen Kunst und Alltag ist faszinierend. Das Casting der zwei Hauptfiguren ist passgenau. In den Close-Ups von Zuzannas (Justyna Wasilewskas) Gesicht, kann man sich verlieren – so ausdrucksstark ihr Blick, so geschmeidig die Bewegungen ihres kahlen Kopfes auf der Leinwand.

Bis auf ein paar Szenen, in denen immer wieder ähnliche Eigenschaften der Figuren illustriert werden, hat der Film ein angenehmes Tempo, das die Zuschauer durch ein urbanes Setting trägt. Ob die beiden Figuren sich lieben, oder nur das eigene Ich im Anderen suchen, ob das Leben ein Kunstwerk ist, ob Kunst doch irgendwie Konsum bleibt und was es mit dem Fetisch für Ganzkörper-Katzenkostüme auf sich hat, muss wohl jeder Kinobesucher selbst beantworten.

Verworren im Walde

Forst (Krzysztof Majchrzak) könnte auch gut vor einem Berliner Underground-Technoclub stehen. Piercings, Irokesen-Schnitt, Schädeltattoo und roter Fächer. Der erfolgreiche Unternehmer mag es extravagant. Auf dem Spiegel seines Motorrads zieht er noch schnell eine Line, bevor er seinen Arbeitstag damit verbringt, Autorennen und Boxen auf zwei Bildschirmen gleichzeitig zu schauen.

Eines Tages reißt sich Forst seine Piercings raus, rasiert sich eine Glatze und geht in den Wald. Dort lebt er in einer kleinen Baracke und jagt Kaninchen und Biber. Doch hier scheint es ihm nicht besser zu gehen als in seinem alten Leben: Er ist verwahrlost und schrammt immer wieder knapp am Suizid vorbei.

Mit der Prostituierten Nata (Olga Bołądź), die an der Straße um die Ecke auf Freier wartet, beginnt er eine väterliche Freundschaft. Ihrer kindlichen Art lockt sie eine zarte und verletzliche Seite aus dem verbitterten Mann hervor. Als Nata von rivalisierenden Zuhältern erschossen wird, gräbt sich Forst kurzerhand in den Waldboden seiner Baracke ein.

Da steht auf einmal die 13-jährige Jadzia (Marysia Blandzi) vor seiner Behausung. Zusammen mit dem dreibeinigen Hund Kroko führen sie nun eine Art Familienleben im Wald. Aber immer wieder holen Forst die Geister seiner Vergangenheit ein und es braucht mehrere Anläufe bis er den wahren Wert seiner Beziehung zu Jadzia erkennt.

Forest, 4 am ist ein ungewöhnlicher Film über Familie und väterliche Liebe. Sein Hauptcharakter bringt durch sein merkwürdiges Verhalten eine bittere Komik in die dramatische Story. Doch die schauspielerische Leistung von Krzysztof Majchrzak kann den wenig nachvollziehbaren Plot leider nicht kompensieren.

Die Gründe für Forsts Ausstieg bleiben fast vollkommen im Dunkeln. Unklar ist auch, wie der schrille Unternehmer die nötigen Fähigkeiten erlernt hat, um völlig autark im Wald zu überleben. Es ist sehr unrealistisch, dass ein junges Mädchen ohne jegliches Zögern bei einem nicht gerade einladend aussehenden älteren Mann einzieht, der außerdem just aus einem Loch in der Erde gekrochen kommt. Nach dem Film bleiben viele Fragen offen. Diese regen jedoch nicht zum Nachdenken oder Fantasieren an, sondern erzeugen ein unbefriedigendes Gefühl. Mit wenig Dialogen und viel Verwirrung verschwendet der Regisseur Jan Jakub Kolski einen großartigen Schauspieler an eine vollkommen verworrene Geschichte.

 

Schreien, krampfen und kämpfen

Durch den Kinosaal hallen Schreie, Tonlage irgendwo zwischen einer Gebärenden und einem Tasmanischen Teufel. Doch nicht der Tasmanische Teufel, sondern Satan höchstpersönlich ist vermeintlich für all das verantwortlich und muss ausgetrieben werden. Dafür stehen gottseidank Profis zur Verfügung, die nach einem überarbeiteten Regelwerk von 1999 dem Bösen fachkundig den Garaus machen. In Polen gibt es derzeit rund 130 Exorzisten.

In der Dokumentation The Battle with Satan begleitet der Regisseur Konrad Szolajski drei polnische junge Frauen bei ihrem Kampf gegen das Böse in ihnen. Die Symptome der Besessenheit sind vielfältig. Basia etwa kann sich in ihrem Studium einfach nicht mehr konzentrieren. Da muss eindeutig der Teufel seine Finger im Spiel haben. Karolina hingegen plagen ihre homosexuellen Begierden, pikanterweise ist gerade eine Nonne Objekt ihrer Fantasien. Agnieszka glaubte früher nicht an Gott. Plötzlich entwickelte sie eine Angst vor ihrer Religionslehrerin und leidet nun, wie die beiden anderen jungen Frauen, an dämonischen Anfällen.

Wie absurd dies für einige Menschen auch klingen mag, der Leidensdruck ist groß. Mit ihren Exorzismusritualen verschaffen die Geistlichen Linderung, allerdings nur für wenige Tage. Dann kehrt das Böse zurück und muss von neuem ausgetrieben werden.

Die neuen Regeln verlangen, dass auch Psychologen zur Rate gezogen werden, um auszuschließen, dass es sich nicht doch um eine profane Krankheit handelt. Wissenschaft und Kirche haben sich gekreuzt, so ziehen nun Psychologen auch Priester hinzu und Priester bedienen sich der Psychologie. Im Prinzip gäbe es keinen Unterschied, erklärt ein Geistlicher, was in den Büchern stehe, sei gleich.

Nicht nur für Menschen, die an evidenzbasierte Medizin glauben, ist diese Vermischung schwer zu ertragen. Die Psychologin attestiert Besessenheit, doch selbst als Laie lässt sich vermuten, dass eine psychische Krankheit hinter dem Leiden der jungen Frauen steckt. Durch den Verlass auf den Exorzismus bleiben diese unbehandelt.

Eine Linderung verschafft dann möglicherweise die starke Ritualisierung ihres Alltagslebens. Es sind regelmäßige Abläufe und eine Lebensaufgabe, in diesem Fall der Kampf gegen den Teufel, die psychisch Kranken eine Art Stabilität geben können.  Das Weihwasser wird zur Allzweckwaffe, mit der auch mal der nicht funktionierende Fernseher bestrichen wird.

Die Besessenheit bietet sich als eine einfache Erklärung für Menschen an, deren Umfeld eine psychische Krankheit als eine größere Schande empfindet. Die jungen Frauen sprechen über ihre Anfälle, als gehörten diese nicht zu ihnen. Fast amüsieren sie sich wie viele Männer sie festhalten müssen, wenn „es“ sie mal wieder befällt. Die Annahme einer Besessenheit befreit die Familie von der unangenehmen Frage, ob das Leiden der Tochter nicht doch etwas mit der Kindheit zu tun haben könnte. Doch die jungen Frauen müssen weiter schreien, krampfen und kämpfen.

The Battle with Satan hält die Kamera immer noch drauf, wenn es schon richtig unangenehm ist. Ein wichtiger Film über verzweifelte junge Frauen, die in den religiösen Praktiken einer immer noch patriarchal geprägten katholischen Kirche Erlösung von ihren Qualen suchen.

 

Kinder sind die besseren Erwachsenen –Der Dokumentarfilm Komunia bricht Zuschauern das Herz

Ein modernes Aschenputtel. Nur der Prinz ist nicht in Sicht. Eigentlich gibt es auch keine böse Stiefmutter, nur eine überforderte und abwesende leibliche Mutter. Das Aschenputtel im polnischen Film Komunia (dt. Kommunion) heißt Ola Kaczanowska. Ola fegt die verdreckte Wohnung, heizt den Ofen an und schreibt Briefe für ihren Vater ans Sozialamt. Der kauft zwar ab und zu ein billiges Geschenk für sein Töchterchen, doch meist sitzt er in der engen Sozialwohnung und trinkt. Und sonst? Kriegt auch er nicht viel auf die Kette. Höchstens Zigaretten. Statt mit bösen Stiefschwestern teilt Ola ihren Alltag mit ihrem autistischen Bruder Nikodem. Der will alles, nur kein Mensch sein. Viel lieber wäre er ein Tier. Ein Löwe oder ein Bär. Aber das geht nur im Märchen und dieser Film ist kein Märchen. Denn in Märchen gibt es Wünsche, Träume, Hoffnungen und in Komunia gibt es nichts als die triste Realität und mittendrin zwei Kinder, die so haltlos und so verloren und dabei so unendlich stark sind. Olas Kindheit wurde vom Stundenplan gestrichen, als die Mutter die Familie verließ. Jetzt muss Ola die Mama spielen, mit all den Aufgaben und Verpflichtungen und Überforderungen, die ihr kranker Bruder Nikodem ihr unbewusst auferlegt. Ola liebt ihre Mutter trotzdem noch aus der Ferne. Am Telefon versucht das Mädchen, sie immer wieder zu überzeugen, ihre alte Familie zu besuchen. Auf die Absagen reagiert Ola mit erwachsenen Worten “Du warst immer zuhause und Vater hat gearbeitet. Jetzt musst du auch mal an dich denken und an dein Baby.” Doch wer denkt eigentlich an Ola und Nikodem? Die Kamera begleitet die zwei aufmerksam in der Einöde einer polnischen Kleinstadt und fängt so intime und geladene Momente ein, dass die Nähe beim Zusehen fast unerträglich wird. Komunia zeigt aber nicht nur ein besonderes Familienschicksal und eine besondere Alltagsheldin. Das Erstlingswerk der Regisseurin Anna Zamecka hält gleichzeitig den Finger auf das kaputtes System eines Landes, in dem Institutionen wie Kirche oder Jugendamt nicht mehr als leere Hüllen sind. Sie sind die Fassaden eines Polens, das janusköpfig auf der einen Seite den Wert der Familie hochhält und auf der anderen Seite seine verlorenen und ungewollten Kinder nicht aufzufangen weiß. Zurecht wurde Komunia auf Filmfestivals wie Locarno ausgezeichnet und zurecht wird dieser feine, leise und hoch emotionale Film nun im Rahmen des filmPolska Filmfestes auch in Berliner Kinos gezeigt.

Glaube ohne Hoffnung

Glaube kann bekanntlich Berge versetzen; nicht so im aktuellen Film des polnischen Regieveteranen Krzysztof Zanussi. In Foreign Body (Obce ciało) bringt jeglicher Glaube den Berg zum Einsturz.

Als die Polin Kasia (Agata Buzek) trotz vehementer Einwände ihres Vaters beschließt, Nonne zu werden, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die liebevolle Beziehung zum intelligenten, charmanten und gutaussehenden Italiener Angelo (Riccardo Leonelli) zu beenden. Dieser, selbst ein praktizierender Katholik, nimmt ihren Entschluss überraschend gelassen hin und beschließt kurzerhand, sich einen Job in einem großen Energiekonzern in Warschau zu sichern, um möglichst nahe an seiner Geliebten zu sein. Warum Angelo in die polnische Hauptstadt zieht, mag noch nachvollziehbar sein, die Motivation Kasias, ins Kloster zu gehen, bleibt hingegen ein Mysterium. Ihr Vater ist Atheist, ihre Beziehung mit Angelo ist perfekt. Der Italiener nimmt eine Stelle in einem großkapitalistischen Energieunternehmen an und muss sich mit seiner Vorgesetzten, der zynisch skrupellosen Kris (Agnieszka Grochowska), auseinandersetzen, die ihn einzig aus selbstsüchtigen und sadistischen Beweggründen schikaniert und dabei die wahre Gefahr für sich übersieht.

Angelo erträgt die Erniedrigungen, weil sein (religiöser) Glaube stark ist und die Hoffnung ihn antreibt, in naher Zukunft wieder mit Kasia vereint zu sein. Er wird als treuer und herzensguter Mann dargestellt, daran besteht kein Zweifel. Auch ist er das, was einer Identifikationsfigur am nächsten kommt, denn Kasias Figur bleibt nicht nur vage gezeichnet, sondern hat auch schlicht zu wenig Leinwandzeit, um als Zuschauer eine Beziehung mit ihr einzugehen. Kris ist der personifizierte Teufel, und der Durchschnittszuschauer ist kein Satanist. Zanussi stilisiert Angelo (dessen Name nicht zufällig Engel bedeutet) als eine Art Jesus auf dem Leidensweg auf den Hügel Golgota. Dort angekommen verliert Angelo alles, woran er geglaubt hat; sein Wille wird gebrochen. Aber da ist es schon zu spät. Das Zuschauerinteresse an Angelo ist unwiederbringlich gesunken, seine letztendlich doch naive Sichtweise auf die Welt und seinen Glauben raubt ihm den letzten Funken an Glaubwürdigkeit.

Falls Zanussi die Absicht hatte, starke und emanzipierte Frauenfiguren zu zeigen, die sich in einer patriarchalen Welt behaupten und ihre eigene Entscheidungen treffen können, dann ging das nach hinten los. Die Frauen sind die Bösen und Selbstsüchtigen, die den gutherzigen Mann ruinieren, nicht weil er es verdient hätte, sondern weil sie es können. Fernab vom Feminismus, ist Zanussis 83. Regiearbeit ein pessimistisches und misogynes Werk.