OPEN CALL: 4. DEUTSCH-POLNISCHES PROGRAMM „Über Filme schreiben ist über die Welt schreiben“, 03.-08. Mai 2017

In einem 2-tägigen theoretischen und einem 4-tägigen praktischen Teil bilden sich die Teilnehmenden weiter in modernen Formen filmjournalistischen Handwerks (mit einem Fokus auf Print, Online und Radio), befassen sich mit aktuellen Herausforderungen der filmjournalistischen Arbeit, diskutieren die Rolle der Medien bei der Vermittlung deutsch-polnischer Filmkultur und informieren sich über das aktuelle polnische Kinogeschehen.

Begleitend produzieren sie, gemeinsam mit Medienprofis, eigene Text- und Radiobeiträge über das Polnische Filmfestival filmPOLSKA, die in verschiedenen Medien veröffentlicht werden.

Zudem wird eine Jury unter den Teilnehmenden bis zu zwei Personen auswählen, die die exklusive Möglichkeit erhalten, vom 4.-7. August während des Filmfestivals New Horizons, dem größten internationalen Filmfestival in Polen, an dem Workshop „A Sunday in the Country“ in der Nähe von Wrocław teilzunehmen.

Das Journalistenprogramm bietet eine exzellente Gelegenheit, bestehendes Wissen zu vertiefen, neue Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und das eigene Portfolio zu erweitern.

Wer kann sich bewerben?

Der Workshop richtet sich an angehende Filmkritiker*innen und Journalisten*innen zwischen 20 und 26 Jahren aus Polen und Deutschland, die Lust am Polnischen Kino und bereits (erste) Erfahrungen im Schreiben und Berichten über Filme haben und sie im Rahmen des Festivals filmPOLSKA vertiefen möchten.

Bewerbung und weitere Informationen:

Bewerbung:            ausgefüllter Bewerbungsbogen (https://goo.gl/CJ2YkA) und Arbeitsproben bis 12. April 2017 an
Kontakt:                  medienworkshop(at)filmpolska.de oder Fax 030/ 24 75 81 30
Veranstaltungsort:  Polnisches Institut Berlin, Burgstraße 27, 10178 Berlin

Was ist noch wichtig?

Die Arbeitssprachen sind Deutsch und Englisch.

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 25 EUR. Reise- und Unterbringungskosten in Berlin können leider nicht übernommen werden.

Ein eigener WLAN-fähiger Laptop. Sollte dieser nicht vorhanden sein, bitten wir im Vorfeld mit uns in Verbindung zu treten.

Falls eine eigene Videokamera vorhanden ist, kann diese ebenfalls mitgebracht werden. Es besteht die Möglichkeit Videos zu produzieren.

Alle Teilnehmenden sollten während des gesamten Workshops Zeit haben und sich aktiv einbringen.

Hier nochmal die ganze Ausschreibung als PDF.

„Zud“- Porträt einer Nomadenfamilie

Eine karge Landschaft, geprägt von Hügeln in der Ferne, einem staubigen Boden und den Viehherden der Nomaden, die sich in diesem Teil der Erde ein Zuhause geschaffen haben. Das Leben in der mongolischen Steppe ist hart. Mehrmals im Jahr kommt der Zud; ein Kälteeinbruch mit Sturm und Schnee, der viele Familien an ihre Grenzen bringt. Besonders das Viehsterben in Folge der extremen Kälte führt schnell zur Existenzbedrohung, denn die Tiere sind hier Lebensgrundlage.

Als der Zud unerwartet über den elfjährigen Sukbhat und seine Familie einbricht und viele ihrer Ziegen und Schafe erfrieren, steht sein Vater vor einer schwierigen Situation. Er hat Schulden und muss zu Geld kommen. Die Mutter muss sich um den kleinen Sohn kümmern, er selbst ist mit den Tieren beschäftigt. Plötzlich liegt es am älteren Sohn, Sukbhat, Geld für die Familie aufzubringen. Da im Dorf regelmäßige Pferderennen stattfinden, bei denen man viel Geld gewinnen kann, zwingt der Vater den Jungen, ein wildes Pferd einzureiten. Alle Hoffnung liegt nun auf ihm.

ZUD_Minorowicz_filmpolska_horse

Das Spielfilmdebüt von Marta Minorowicz erinnert an die Dokumentarfilme, mit denen sie berühmt geworden ist. Dass sie nun einen Spielfilm gedreht hat, überraschte bereits auf der diesjährigen Berlinale. Die ruhigen Bilder, welche die Charaktere in ihrem ganz alltäglichen Ablauf zeigen, könnten ebenso gut eine Dokumentation sein. Die Schauspieler sind Laien und teilweise auch im richtigen Leben miteinander verwandt. Warum Minorowicz sich dennoch für die Spielfilmvariante entschieden hat, ist nicht ganz klar. Gelegentlich fragt man sich, ob eine Dokumentation nicht doch die schönere Lösung gewesen wäre.

Es passiert nicht viel hier draußen, das Leben ist von Arbeit geprägt, das Zusammenleben mit den Tieren steht im Vordergrund. Der Vater schert die Schafe und versucht, das Fell zu verkaufen, Sukbhat trainiert sein Pferd und spielt mit seinem gleichaltrigen Freund, schließlich ist er trotz der Bürde, die ihm auferlegt ist, noch immer ein ganz normaler Junge, der sich kichernd über die Mädchen in seiner Klasse amüsiert. Zur Schule gehen kann Sukbhat ohne Geld aber nicht mehr. Die Mutter wäscht die Kinder und kocht, über der Steppe weht leise der Wind. Man muss sich einlassen auf die Stille, die mit diesem Leben und damit auch mit diesem Film einhergeht. Das kann sicherlich nicht jeder. Die intensivsten Szenen sind dann doch die wenigen mit Dialog, dann, wenn Vater und Sohn gemeinsam das Pferd trainieren und ihre Beziehung zueinander deutlich wird. Vor allem aber ist „Zud“ etwas fürs Auge. Ein Film, den man nur in der richtigen Stimmung anschauen sollte.

Termine:

Montag, 25.4. 20:30 Uhr, Bundesplatz Kino (zu Gast: Marta Minorowicz)

Dienstag, 26.4. 20:00 Uhr, FSK (zu Gast: Marta Minorowicz)

Filmkritiker – der beste Job der Welt?

Als Filmkritiker auf einem Festival unterwegs – ein Traumjob! Stimmt, fast immer. Denn nach der filmPOLSKA-Festivalparty hieß es für uns vom Medienworkshop schnell ausnüchtern, ran an die Texte oder rein ins Studio. Mit der Hilfe von BLN.fm-Chef Tim Thaler entstanden so Hörfunkbeiträge und Rezensionen zu den Filmen „Polish Shit“, „Sirenengesang“ und „New World“.

IMG_5959

Unser Radioreporter Maciej in unserem kleinen Studio in der Hochschule der Populären Künste.

So gilt es an jedem Morgen einen neuen Text zu schreiben, um ihn pünktlich zur Deadline bis 12 Uhr an unseren Chefredakteur Detlef Kuhlbrodt abzuliefern. Nach einer kurzen Besprechung der Texte ab 14 Uhr geht es dann für die Radio-Gruppe im Eiltempo zur Bahn, um pünktlich um 16 Uhr zusammen mit Tim Thaler und seinen Studenten an neuen Beiträgen zu arbeiten. Schnell haben wir gemerkt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man einen Text für den Blog oder das Radio verfasst — in der Kürze steckt die Würze. Unter der Anleitung von Tim und seiner Lehr-Redaktion konnten wir an unseren Texten feilen und an unserer Aussprache arbeiten. Bis zum — teilweise fortgeschrittenen Abend — entstanden so ein paar Beiträge, die schließlich den Weg in unseren Blog oder auf BLN.FM gefunden haben.

Der Missionar der Filme

Es ist Mittwochabend und das 11. Festival des polnisches Films, filmPOLSKA, eröffnet unter der Moderation des langjährigen Filmkritikers Knut Elstermann. Im Rampenlicht des Berliner Babylon-Kinos steht der immer arbeitsame Elstermann, der für zahlreiche Hörfunk- und Zeitungsredaktionen dieses Landes Filme sichtet und beurteilt. Auch wenn er viele, viele Filmfestivals im Jahr besucht, hat filmPOLSKA für ihn einen ganz besonderen Reiz. Die Festivaleröffnung samt Verleihung der Ehrenpreise ist für ihn weniger Arbeit, als vielmehr ein Freundschaftsdienst: „Elf Jahre zeigen, wie gut sich dieses Festival etabliert hat und verdeutlicht, dass Polen weiterhin eine blühende Film-Landschaft ist.“

Am Morgen danach hält der Alltag wieder Einzug in Elstermanns Tagesablauf. Früh aufgestanden erstellt der 55jährige erste Beiträge für das Radio und findet bei einem Kaffee seines Lieblingsbistros Zeit für junge Filmkritiker, die sich in seinem neuen Radiostudio, ganz in der Nähe des Fernsehturms, eingefunden haben: „Schon als Jugendlicher haben mich die großen Fragen des polnischen Films interessiert. Als Kind der DDR fesselte mich vor allen Dingen das ‚Kino der moralischen Unruhe‛, geprägt von großen Regisseuren wie Wajda oder Polanski. Polnische Filme waren schon zur damaligen Zeit viel unideologischer als die heimische DEFA-Produktion.“

Nach der Wende musste sich Elstermann, zuvor Nachrichtenredakteur beim ND, umorientieren und begann seine Arbeit als Filmkritiker zu professionalisieren. Sein Weg führte ihn bis auf die Couch im Warschauer Wohnhaus von Andrzej Wajda, wo Elstermann den Ur-Vater des polnischen Films ganz persönlich treffen konnte. Ein Schlüsselmoment in seiner Beziehung zum Kino des östlichen Nachbarlands: „Es gibt heute noch zu viele Vorurteile gegenüber den Filmen aus Polen. Dabei sind die dortigen Produzenten viel mutiger als zum Beispiel ihre deutschen Kollegen, die vor allen Dingen Filme mit Fernsehästhetik produzieren. In Polen findet sich eine reiche Poesie wieder, die den Zuschauer visuell überrascht – schließlich erwarten die Zuschauer packendes, unterhaltsames Kino und keinen archaischen Museumsbesuch.

Knut Elstermann, Interview

Knut Elstermann lebt das Kino

In den Redaktionen deutschen Medien wird das Dasein von Filmkritikern immer wieder in Frage gestellt. Junge Filmkritiker müssen neue, mitunter sehr umständliche Wege gehen, um gehört zu werden. Und doch ist der Blick von Knut Elstermann in die Zukunft der Filmkritiker-Zunft optimistisch, wenn Filmkritiker weiterhin mit der nötigen Ernsthaftigkeit ans Werk gehen. Die Filmkritik sollte hierbei einzig und allein an das Publikum adressiert werden und nicht für den Regisseur oder Drehbuchautor formuliert sein. Der Begriff Beruf hat seinen Ursprung schließlich in Berufung und so ist es Elstermanns Mission gute Filme bekannt zu machen: „Ich möchte ein verlässlicher Ansprechpartner im Film-Dschungel sein und souveräne Urteile für das Publikum fällen – dazu gehören für mich auch Urteile über wenig bekannte Filme aus kleineren Produktionen.“ Krisen seines Berufs sieht er nur in dem immer weniger werdenden Austausch zwischen Leser (bzw. Hörer) und dem Filmkritiker. Die zunehmende Verschiebung zwischen Print- und Online-Journalismus hat für ihn dabei nicht nur Schattenseiten: „Ein eigener Internet-Blog mit Filmkritiken kann, wenn er gut gemacht ist, eine unfassbare Reichweite bekommen. Dass zeigen auch die Zugriffszahlen auf meinen Online-Podcast der zurückliegenden Radiosendungen.“

Knut Elstermann, immer mit einem Lächeln und dem zeitgleichen kritischen Blick bewaffnet, kann jedoch auch sehr wehmütig wirken. Nämlich dann, wenn Elstermann an die Zukunft des polnischen Kinos denkt: „Die aktuelle Lage in Polen bedrückt mich. Es gib eine neue Generation an polnischen Filmemachern, die sich nicht mehr als Opfer sehen will und im Stande ist neue Akzente zu setzen. Die restriktiven Mediengesetze in Polen machen es dieses kreativen Köpfen jedoch nicht besonders leicht.“ Elstermann hofft, dass er auch im kommenden Jahr das 12. Festivaljahr der filmPOLSKA mit einem breiten Lächeln eröffnen kann. Hoffen wir mit ihm.

 

Radiobeitrag zur Eröffnung des 11. filmPOLSKA-Festivals

Anlässlich der Festival-Eröffnung des 11. filmPOLSKA machten sich die Jungjournalisten auf den Weg ins Babylon. Vor Ort haben sie die ersten Portionen Festivalatmosphäre eingeatmet, das Publikum zum gezeigten Film befragt und in erster Linie den Abend genossen.

Hier sind ihre Ergebnisse, aufbereitet als Radiobeitrag:

Film-Feinkost aus dem Nachbarland

Am Mittwoch, den 20. April fiel in Berlin am Abend der Startschuss für ein Festival. Wer in unserer Hauptstadt lebt, sie kennt, oder schon von ihr gehört hat, weiß, dass das nichts Außergewöhnliches ist. Kulturelle Hoch-Events frequentieren Berlin in dichter Folge. Jedes Festival liefert aufs Neue einen Grund zum Feiern, die elfte Ausgabe des filmPOLSKA macht da keine Ausnahme. Weiterlesen

Warschau 44

Für mehr als zwei Stunden schauen die Zuschauer des Films “Warschau 44” das an, was der Verlauf des Warschauer Aufstandes im Sommer 1944 sein soll. Man sieht zerstörte Gebäude, unterschiedliche Waffen und Militärfahrzeuge, und vor allem sehr viel Blut. Nicht viel mehr. “Warschau 44” ist einer der teuersten Filme in der polnischen Filmgeschichte, das beweisen unter anderem die knapp zwei Minuten laufenden Titel der Sponsoren am Anfang. Aber mit welchem Zweck wurde dieser Film gemacht?

Von der ersten und bis zur hundertsiebenundzwanzigsten Minute des Films hat man ein starkes Gefühl von Künstlichkeit. Die Schauspieler – athletische Frauen mit rosigen Wangen und bewegungslosen Frisuren, muskulöse, körperhaarlose Männer mit perfektem Lächeln – tragen endlose Variationen vielfarbiger Klamotten, was mehr an eine Modekollektion erinnert als an die Bewohner einer zerbombten Stadt während des Krieges.

Auch die Handlung selbst scheint nicht viel mit der realen Welt zu tun zu haben. Die Kampfszenen wirken wie die traumhafte Fantasie eines von der Realität enttäuschten Filmemachers geht. Fliegende Kugeln in Slow-Motion – ist das ein Auszug aus dem neuen James Bond Film? – heldenhafte Rettungen von hungrigen Juden und weinenden Babys, alles ist da. Von Zeit zu Zeit ändert sich der Stil radikal: Plötzlich befinden sich die Figuren in einem Pop-Musikvideo mit langsam schwebenden Blütenblättern, dann nehmen sie an einem gewalttätigen Computerspiel teil, manchmal sind sie auch in einem Zombiefilm zu finden. Wer in der Produktion hat das erlaubt.

Alles, was die Protagonisten machen, ist so heroisch, so perfekt, so künstlich. Wollte der Regisseur einfach einen eigenen “Saving Private Ryan” machen? Ein anderer Grund für die Produktion dieses Films ist nicht zu finden. Aber die extreme Künstlichkeit sorgt für einen sehr großen Abstand zu der eigentlichen Geschichte. Alles ist einfach so unglaubwürdig, dass man sich während des ganzen Films fragt, welche Verbindung – wenn überhaupt – der Film mit der richtigen Realität hat.

Brauchen die Ereignisse während des Aufstandes einen grandiosen, heroischen Film, um existiert zu haben? “Warschau 44” stellt – vielleicht gar nicht so absichtlich – wichtige Fragen in Bezug auf die Geschichtsschreibung. Was ist im Laufe des Warschauer Aufstandes eigentlich passiert? Angesichts der langjährigen Recherche vor den Dreharbeiten sollte der Film diese Frage beantworten, oder zumindestens einige neue Daten präsentieren. Aber weißt man, nach dem Film mehr über den Warschauer Aufstand? Die traurige Antwort ist nein. Kann man überhaupt etwas sagen, außer dass mehrere Menschen gestorben sind? Auch hier – nein.

Der Filmemacher und sein riesiges Team hatten vielleicht die Absicht, einen Mythos für das polnische Volk zu erschaffen, oder den polnischen Beteiligten des Aufstandes eine Hommage zu schenken. Aber was sagt dieser Film? Warum sollte man ihn anschauen? Fünf Minuten nach dem Ende bleibt in den Köpfen der Zuschauer nicht mehr so viel übrig. Ein Tag danach einfach nichts mehr.

Schade.

Warschau 44; PL 2014; R: Jan Komasa; 127 Minuten

(Text: Itamar Gov)

The Days Run Away Like Wild Horses Over The Hills


Vor zwei Stunden ging der Film ‚In meinem Kopf ein Universum‘ im fsk zu Ende. Der Kinosaal war halbvoll, der Film sehr rührend und zu Recht weit über Polen hinaus auch international gefeiert. Absolut massentauglich also. Und dass ich wohl zu diesem ‚Massenpublikum‘ gehöre, fällt mir dann beim nächsten Film auf. ‚The Days Run Away Like Wild Horses Over The Hills‘. Allein wegen des wunderschönen Titels habe ich mir den Film ausgesucht.  Ist einem Gedichtband von Charles Bukowski an seine Geliebte entlehnt und wie eine Aneinanderreihung kleiner Gedichte soll auch der Film sein, verrät mir das Programmheft. Ich stelle mich auf einen leisen, feinen Film ein, mit rührenden Geschichten über das alltägliche Leben.

Es fängt auch alles sehr schön an, die Kamera hält mehrere Minuten lang in Schwarz-Weiß das Gespräch dreier junger Frauen fest, die sich über Sommersprossen unterhalten. Nichts aufregendes, aber irgendwie schön sie lachen zu hören und philosophieren, auf Englisch über ‚dots‘ und ‚freckles‘. Man würde sich gerne dazustellen. Die nächste lange Einstellung, ein typischer Mädelsabend. Die drei jungen Frauen tanzen, hören Janet Jackson und Sir Mix-A-Lot, allseits bekannte Musik. Denke an meine Freundinnen und mir huscht ein Lächeln übers Gesicht. In der nächsten Szene schmelze ich dann vollends dahin: Eine der Freundinnen ist Tagesmutter für ein etwa zwei Jahre altes Mädchen und Elise ist wirklich zuckersüß. Allein ihretwegen lohnt es sich dann eigentlich doch den Film anzuschauen. Irgendwie auch schön, dass die Darsteller den Figuren ihre Namen gaben. Also Elise, gespielt von einer Elise. 
Leider verliert der Film zumindest für mich, nach dieser tollen kleinen Geschichte dann aber auch fast abrupt seinen Reiz. Bisher ist nicht viel passiert, aber das Wenige hat einen berührt. In den nächsten Szenen passiert genau so wenig, aber statt positiver Gefühle verspüre ich vor allem Langeweile. Was soll das in mir auslösen, wenn ich minutenlang einer Frau beim Duschen zuschaue? Oder  einer Großmutter beim Fleisch schneiden? Auch der an sich schöne Effekt, während einer Einstellung langsam von Schwarz-Weiß in Farbe zu wechseln, kann mich nicht mehr  überzeugen. Gegen Ende hängt der Film dann auch noch mehrmals. Dafür kann der Regisseur natürlich nichts. Aber die Tatsache, dass anfangs niemand weiß, ob dieses Hängen jetzt ein technischer Fehler ist oder zum Film dazugehört, spricht finde ich nicht gerade für den Film. 
Kurz bevor ich tatsächlich einnicke, bin ich nach 71 Minuten erlöst. Ich schaue mich um, würde gerne in den Gesichtern der anderen sehen, ob nur ich enttäuscht bin. Aber die vier, fünf anderen Zuschauer verlassen sofort den Saal, noch bevor es hell wird. Nadine hat den Film zum Glück mit mir zusammen geschaut und erzählt mir jetzt, dass sie schon viele Filme von dieser Film- und Fernsehakademie Berlin gesehen hat, auf der auch Martin Malaszczak studiert hat, und dass alle diese Filme ähnlich seien. Lange Einstellungen, es passiert nicht besonders viel, aber dafür ist alles spontan und es entstehen Szenen wie die mit Elise, die wirklich kein Drehbuchautor hätte schöner schreiben können.   Mit diesen Erläuterungen kann ich den Film schon ein bisschen mehr wertschätzen. Schade, dass Malaszczak nicht wie angekündigt nach dem Film noch als Gast vorbeigekommen ist. Hätte gerne Nadines Fragen gehört und vor allem seine Antworten. So aber keine Erklärungen vom Macher selbst. 
Am nächsten Tag recherchiere ich noch ein bisschen im World Wide Web. ‚The Days Run‘ wurde auch auf der Berlinale gezeigt.  Das hätte ich vielleicht vorher wissen müssen. Habe mir bei der Berlinale nämlich auch schon öfters Filme abseits des Mainstreams angeschaut und die habe ich auch nie verstanden, während das Fachpublikum total begeistert war. Und deshalb schreibe ich jetzt auch keine Rezension.  
Falls Sie mit Kurzfilmen auf der Berlinale was anfangen können, begeistert sind von Abschlussfilmen der Film- und Fernsehakademie Berlin und vielleicht sogar bereits ein großer Fan von Malaszczaks  Filmen sind, schauen Sie sich heute Abend ‚The Days Run‘ im Babylon an. Wenn nicht, dann entscheiden sie sich vielleicht lieber für ‚Body‘. Der lief auch auf der Berlinale, hat aber zumindest in Polen ein Massenpublikum begeistert.  
Text: Lena Hauschild