Berlin: Tag 6 – Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen

Ich sitze wieder in meinem Wohnzimmer in Hamburg während ich diese Zeilen schreibe. Es ist der 9. Mai 2017, Tag 1 in der Post-Workshop Zeitrechnung. Ich tue mir schwer mit diesem letzten Eintrag. Erwartet keinen unerwarteten Twist am Ende à la M. Night Shyamalan zu seinen guten Zeiten (The Sixth Sense und Unbreakable). Hofft aber zugleich, dass es nicht wie das Ende der Matrix-Trilogie wird.

Gestern, also am 6. und letzten Tag unseres Workshops, habe ich den Vormittag im Hostel verbracht, weil es draußen regnete. Kurz vor 13 Uhr checkte ich aus und ging vorerst zum letzten Mal ins Polnische Institut. Mit dem Hostel (baxpax) bin ich zufrieden. Mein Anspruch war nicht hoch, meine wechselnden Zimmerkammeraden waren leise, das 5er-Zimmer hatte eine eigene Dusche und das Internet hat immer funktioniert – viel mehr kann man bei einem Preis von ca. 100 € für 5 Nächte nicht verlangen.

Im Workshop hantierten wir am filmPOLSKA Blog, um ihn auf den aktuellen Stand zu bringen. Das Redigieren der Texte dauerte etwas, weil alle zum Abschluss noch eine ganze Menge Texte produziert haben. Danach erst eine schriftliche und schließlich mündliche Evaluation der vergangenen 5 Tage.  Zum Schluss noch ein Gruppenbild als Erinnerung und auf geht’s zum Abschiedsessen.

Wir waren beim Japaner, eine Premiere für mich und deswegen war schnell klar, dass ich kein Sushi nehme. Miso-Suppe als Vorspeise und flambierter Thunfisch, natürlich mit Reis, als Hauptgang. Hauptgang schmeckt besser, die Suppe hatte bisschen wenig Geschmack. Wahrscheinlich weil sie ohne industrielle Geschmacksverstärker zubereitet wurde, dachte ich mir und bejahte die Frage, ob mir die Suppe schmecke.

Es ist 19 Uhr und ich muss zum Bahnhof, mein ICE kommt bald. Das WLAN im Zug funktioniert gut genug, um kleinere Sachen zu machen. Dabei hatte ich gar nicht so viel Zeit, denn in weniger als 2 Stunden war ich bereits in Hamburg. Kaum aus dem Zug ausgestiegen, vermisste ich die kreative Freiheit und Produktivität, die ich in den vergangenen Tagen in Berlin genoss. Hoffentlich kann ich diese Energie auch in der Hansestadt abrufen.

Am Ende bleibt mir nur, Danke! zu sagen. Danke Sophia. Danke Leon. Danke Heike. Danke Christina. Danke Katja. Danke Katharina. Und vor allem: Danke Nicole für die tolle Organisation und Durchführung des Workshops. Ebenfalls ein großer Dank geht an Detlef, der mit kritischem Auge all unsere Texte redigiert hat.

An dieser Stelle muss ich abbrechen. Der Alltag ruft, ich muss zur Uni.

Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.

Berlin: Tag 5 – Vogelkacke auf der Schulter

Sonntag, vorletzter Tag des Workshops. Das Wetter heute ist bombe, ein bisschen befürchte ich sogar, Sonnenbrand zu bekommen. Ich wundere mich, dass ich mich wundere, dass es im Mai so warm ist. Im Mai, dem Monat vor Juni, der für mich Sommer bedeutet. Das Wetter spielt Russisch Roulette. Wie Christopher Walkens Figur in The Deer Hunter hat es jeglichen Bezug zur Realität verloren. Ozonloch und Klimawandel schweben wie ein Damoklesschwert über der Menschheit, denke ich mir und bin etwas stolz auf diese Metapher.

Dieser Tagebucheintrag wird trotz des schönen Wetters nachdenklicher, ernster.

Ich sitze konzentriert und nichts Böses ahnend in der Sonne und schreibe an einem weiteren Text. Da bekomme ich von oben plötzlich ein Zeichen. Im Augenwinkel habe ich etwas gesehen, ganz kurz nur, aber lang genug um meine Aufmerksamkeit zu wecken. Ich drehe mich nach rechts und sehen auf meiner Schulter Vogelkacke. Für einen Moment komme ich mir vor wie in einem schlechten Adam Sandler Film (gibt’s auch einen guten? Ja, Punch-Drunk Love). Womit habe ich das verdient? Ist das die Rache dafür, dass ich mich in meinem ersten Tagebucheintrag über Vogelkacke lustig gemacht habe? Die Kack-Rache der Vögel – Hitchcock lässt grüßen. Manche sagen, es bringe Glück, von einem Vogel angekackt zu werden. Ich habe nur Glück, dass ich es gleich bemerkt habe und der Mist nicht genug Zeit hatte, sich in meine Kleidung zu fressen.

Heute Abend gehe ich ins Arsenal Kino am Potsdamer Platz, um mir Die rote Spinne anzusehen. Wie gestern, beschließe ich, zu Fuß zu gehen und bei der Gelegenheit etwas von der Stadt zu sehen. Ich mache einen kleinen Schlenker und begutachte den Bundestag. Selfie. Ich gehe weiter und komme am Brandenburger Tor vorbei. Selfie. Weiter die Ebertstraße runter steht das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Spontan entscheide ich mich, „hinein“ zu gehen. Ich bin berührt und trotz 22 Grad überfällt mich ein kleiner Schauer. Das Mahnmal besteht aus 2711 Beton-Stelen auf einer Fläche von 19.000 cm2. Die Stelen an und für sich sind nicht was mich rührt, es ist ihre Anzahl.

Ich mache kein Foto, und bestimmt kein Selfie. Kommt mir nicht richtig vor. Und während ich das denke, sehe ich zwischen den Stelen eine Schulklasse, die posiert und sich gegenseitig fotografiert. Ob sie überhaupt wissen, wo sie hier stehen? Wäre es Ignoranz, wenn sie es nicht wüssten? Wäre es Respektlosigkeit, wenn sie es wüssten? Und warum spiele ich mich hier überhaupt als moralische Instanz auf? Das sind Jugendliche. Und nicht nur das: es sind Jugendliche in einer Gruppe, da herrscht das eiserne Gesetz des Gruppenzwangs. Ich war früher nicht anders.

Die rote Spinne hat dramaturgische Schwächen und lässt mich mit vielen Fragen dastehen. Dafür war die Kameraarbeit superb, tolle Aufnahmen von Krakau der 60er Jahre.

Ich realisiere, dass morgen der Workshop zu Ende geht und ich wieder nach Hamburg muss. Schade. Ein nachdenklicher, aber wichtiger Tag geht zu Ende. Mit einem Bier und einer Folge Rick & Morty lasse ich den Tag ausklingen. Das Leben geht weiter.

Berlin: Tag 4 – Der Tag danach

Habe mir für heute keinen Wecker gestellt, bin ja gestern erst um 4 Uhr morgens ins Bett gefallen. Brauche meinen Schönheitsschlaf. Als ich dann endlich aufstehe, fühle ich mich etwas verkatert und wenig in der Lage, etwas Konstruktives über den Film (The Happiness of the Wolrd; Szczęście świata), den ich gestern vor der Party gesehen hab, zu schreiben. Kaufe mir eine Flasche Wasser, um den kleinen Aschenbecher in meinem Mund zu neutralisieren, gelingt nur bedingt.

Nach unserem Workshop-Treffen verspüre ich wieder einen gesunden Appetit und habe Lust auf Asiatisch. Ich lande beim Thailänder an der U-Bahn Oranienburger Tor (genauer weiß ich es nicht mehr). Tom Kha Gai als Vorspeise – ein Traum. Die Mischung aus Zitronengras, Ingwer und Koriander ergibt einen leicht pikanten Nachgeschmack. Er erinnere mich an meinen Thailand-Urlaub, der zwar schon etwas zurückliegt, aber an den ich eigentlich nur positive Erinnerungen habe – eine Magenverstimmung, die mich für 2 Tage flachlegte, gehört allerdings nicht dazu. Die knusprige Ente ist ebenfalls lecker. Bei dem großen Bier habe ich mich überschätzt, ein kleines hätte es auch getan. Auf dem Weg ins Kino liegt mir der halbe Liter Bier schwer im Magen.

Auf den Film (The Last Family; Ostatnia rodzina) freue ich mich. Er lief vor einem Monat an einem Sonntag in Hamburg, aber ich war leider anderweitig beschäftigt. Heute ist schönes Wetter, also gehe ich zu Fuß ins Kino, knapp 30 Minuten dauert der Spaziergang. Vor dem Kino (heute das FSK) steht eine lange Schlange. Ich habe Angst, nicht mehr reinzukommen. 2 Kolleginnen aus dem Workshop warten weiter vorne und sind bereits auf dem Weg in den Vorführraum. Sie sehen mich und winken mir zu, ich solle zu ihnen kommen, mit der Akkreditierung können wir trotz des überfüllten Kinosaals rein. Ich komme mir wichtig vor, setzte mein Gewinnerlächeln auf und schreite in Zeitlupe an den Wartenden vorbei. Jetzt nur nicht fallen, denke ich mir, das wäre peinlich.

Wir müssen auf dem unbequemen Boden sitzen. Mein knochiger Hintern schmerzt bereits nach wenigen Minuten, in immer kürzeren Zeitabständen ändere ich meine Sitzposition, aber ohne Erfolg. Ich fühle mich schlecht, weil ich das Ende des Films herbeisehne. Schlecht deswegen, weil der Film außergewöhnlich gut ist. Witzig, klug, traurig und immer perfekt inszeniert.

Auf dem Rückweg ins Hostel summe ich ununterbrochen das Lied aus dem Abspann. Ich kenne es, weiß im Moment aber weder den Titel noch Interpreten. Erst morgen werde ich herausfinden, dass es The Mortal Coil mit »Song to the Siren« ist. In meinem Zimmer angekommen, sehe ich, dass mein 5er Zimmer mit Hilfe eines Zustellbettes kurzerhand zu einem 6er Zimmer umgestellt wurde. Was solls, denke ich mir, sind ja nur noch 2 Nächte.

Tag 3: Please don’t stop the Music

Der 3. Tag in Berlin beginnt, wie die kommenden 3 Tagen auch beginnen werden: Mit Schreiben von Rezensionen über Filme, die ich am Abend zuvor gesehen habe. Gestern habe ich Foreign Body (Obce ciało) von Krzysztof Zanussi gesehen. Er hat mir nicht gefallen, in meiner Kritik schreibe ich sogar, er sei misogyn, eine Feststellung, zur der ich erst beim Schreiben gekommen bin und dessen Härte mich überraschte, aber ich stehe dazu.

Nachmittags Redigieren der Texte mit Detlef Kuhlbrodt. Aber wen interessiert das? Heute Abend findet die, so sagt man, legendäre filmPOLSKA-Party statt. In Gedanken dusche ich bereits, lege nicht gerade sparsam Deo auf und verleihe meiner Gesichtsbeharrung mit Hilfe eines wohlduftenden Bartöls etwas Glanz. Die Realität sieht dann doch etwas anders aus. Aber wen interessiert das?

Die Party findet dieses Jahr im Silver Wings Club statt. Freier Eintritt und freie Getränke, naja, 3 Freigetränke, aber das reicht, bin ja nicht gierig. Bereits nach wenigen Minuten bereue ich, so spät gekommen zu sein (aber ich musste mir noch einen Film ansehen, deswegen bin ich ja in Berlin). Der Grund: Der Live-Auftritt von Mary Komasa & Band. Das Wenige, das ich höre, fesselt mich. Die eindringlich minimalistischen Synthesizersounds gepaart mit der tollen Stimme der Sängerin laden zum rhythmischen Hin- und Herschwenken ein. Während ich diese Zeilen schreibe, draußen, in der Sonne, mit Kopfhörern im Ohr, lasse ich mich von Marys Musik inspirieren. Aber wen interessiert das?

Aber zurück zur Party. Viele nette Leute, viele nette Gespräche (und das meine ich ausnahmsweise nicht ironisch). Bisschen tanzen, leider ist die Musik nicht so tanzbar wie gewünscht. Zu viel Raucherecke. Immerhin treffe ich dort zwei Workshop-Teilnehmer aus dem vergangenem Jahr, wir tauschen Erfahrungen und Nummern aus.

Es ist kurz vor 3, die Party ist am Siedepunkt angelangt. Langsam leert sich die Location, die Musik ist aus und wir werden aufgefordert, unsere Jacken an der Garderobe abzuholen. Auf dem Weg zur U-Bahn rauche ich meine letzte Zigarette, unnötig, schmeckt gar nicht, aber weil ich betrunken bin, rauche ich sie aus.

Keine Party ist komplett ohne einen abschließenden Döner oder fettigen Burger. Am Zielbahnhof kaufe ich mir im Magges zwei Cheesburger. Weil sie günstig sind und ich nicht mehr Bargeld habe. Das Beste an diesem „Burger“ ist der Moment, wenn man auf das Stück Gürkchen beißt. Ahh… Aber wen interessiert das?

Es ist kurz vor 4 Uhr morgens. Ich muss morgen Vormittag eigentlich noch was schreiben. Ich greife zum Handy und schreibe meiner Freundin, was ich heute Abend alles erlebt habe. Sie interessiert das.

Tag 2: Diamanten, Döner und fremde Körper

Die Überambition dringt mir durch alle Poren. 7:30 Uhr klingelt mein Wecker, nach einmaligem Schlummertaste-Drücken steh ich auf. In meinem Zimmer (im Hostel baxpax) ist es stickig, ich gehe ins Bad und muss an die Anfangsszene von American Beauty denken – entscheide mich aber, den Gedanken nicht zu Ende zu führen.

Unser filmPOLSKA Programm beginnt heute um 11 Uhr, bis dahin jede Menge Zeit, um etwas über den gestrigen Eröffnungsfilm zu schreiben, denke ich mir und bin selbst überrascht, dass ich es in dieser kurzen Zeit geschafft habe. Der Programmpunkt um 11 Uhr mit der Referentin Joanna Łapińska ist der Geschichte des Polnischen Films gewidmet. Jeder der Kursteilnehmer bekam einen Klassiker des Polnischen Kinos zugeschickt und sollte darüber einen max. 5-minütigen Vortrag vorbereiten. Nachdem die technischen Probleme behoben wurden, konnten wir uns auch Ausschnitte aus solchen Filmkrachern wie z.B. Ashes and Diament von Andrzej Wajda, Knife in the Water von Roman Polański oder auch Ida von Paweł Pawlikowski ansehen. Leider begrenzte sich die filmgeschichtliche Sitzung auf die oberflächliche Präsentation der wenigen ausgewählten Filme. Auf der anderen Seite: wie will man in 2,5 Stunden 100 Jahre nationale Filmgeschichte unterbringen?

In der Mittagspause gibt’s einen Dürüm Döner, kredenzt mit körnigem Frischkäse, Dill (ein meiner Meinung nach unterschätztes Grünzeug) und einem Spritzer Zitronensaft. Mein Gaumen fühlt sich geschmeichelt.

Das anschließende Treffen mit Detlef Kuhlbrodt, mit dem wir in den kommenden Tagen unsere Texte redigieren werden, beschränkt sich auf einige organisatorische Punkte und ist wesentlich schneller vorbei als angesetzt, wodurch sich eine geplante 2-Stunden-Pause zu einer über 3-stündigen entwickelt. Der kreative Vibe der Stadt hat mich immer noch fest umarmt und flüstert mir zu: schreiben. Ich kann mich des sinnlichen Worts nicht entziehen und verfasse das, was jetzt als erster Tagebucheintrag bekannt wurde.

Den theoretischen Teil des filmPOLSKA Workshops beenden wir mit einer Einführung Alexander Koenitzs über den filmPOLSKA-Blog, was genau genommen eine Einführung in WordPress war. Parallel fand andernorts eine Technik-Einweisung von Tim Thaler für die Radio-Redaktion statt.

Danach noch ein Kinobesuch, diesmal Foreign Body (Obce ciało) Krzysztof Zanussi. Der Film gefällt mir nicht, ein Kinobesucher verlässt nach der Hälfte gar den Saal, ich aber bleibe bis zum Schluss. Noch nie habe ich das Kino vorzeitig verlassen, dafür habe ich zu viel Respekt vor dem auf der Leinwand Gezeigten (und das Eintrittsgeld gibt’s auch nicht zurück, also lieber sitzenbleiben und ggf. schlafen). Ich verlasse das Kino mit einem unbefriedigenden Gefühl und sehe, dass es immer noch regnet, ein ekliger Nieselregen, nicht stark genug, um den Schirm aufzuspannen, aber stark genug, um mich zu ärgern. Meine kreative Energie ist für heute aufgebraucht, ich habe keine Ahnung was ich über den Film von Zanussi schreiben soll, das wird ein kleiner Kampf morgen und, Spoiler, das war es auch.

Tag 1: Berlin – Traum und Realität

4:30 morgens, Wecker klingelt.

Schlaf aus den Augen reiben, Zähne putzen, noch ein letzter Gähner vorm Spiegel und auf geht’s zum Bahnhof.

Es ist Mittwoch, Strecke Hamburg – Berlin. Eine Jungfernfahrt.

Kaum am Berliner Hbf angekommen spüre ich den Vibe, von dem ich schon so viel gehört habe.

Die Sonne scheint 24/7, Hippster everwhere, die Stadt die niemals schläft, die Stadt, in der Vogelkacke die Autos reinigt, Leitungswasser wie Champagner schmeckt und die Penner den Passanten Geld aufdrücken. Der Himmel ist nicht über Berlin, Berlin ist der Himmel. Ich sollte die Sarkasmusschraube etwas lockern.

Ich bin in Berlin wegen dem filmPOLSKA, der sich nun in seinem 12. Jahr befindet. Genauer gesagt bin ich in Berlin, weil ich an einem Filmkritiker-Workshop teilnehme, der im Rahmen der Festivals angeboten wird. Der Workshop findet im Polnischen Institut Berlin statt, einem hübschen Gebäude an der Spree mit einem noch hübscheren Ausblick auf die Museumsinsel. Kaffee gibt’s dort gratis und auch Wasser, polnisches Wasser wohlgemerkt. Warum? Keine Ahnung, wird wahrscheinlich subventioniert, um die polnische Mineralwasserwirtschaft zu unterstützen.

Wir sind zu 7 im Worshop: Heike, Christina, Leon, Sophia, Katharina, Katja und ich, Tomasz. Alles Lokalmatadoren, einige auch hier aufgewachsen, aber alle leben sie hier. Ich komm wir vor wie ein Fremdkörper, die Coolness der Hauptstadt stößt mich ab. Ich wollte die Schraube doch lockern…

Nach der Einführung in das Festival, das Programm und den Workshop und der obligatorischen Vorstellungsrunde beginnt der Scheiß. Zuerst ein Überblick über Interviewtechniken mit Denis Demmerle, inklusive erneuter Vorstellungsrunde. Danach Mittagspause, zu kurz. Anschließend eine weitere Vorstellungsrunde gefolgt von einem Gespräch mit dem Filmkritiker Jan Schulz-Ojala über Formen, Formate und Funktionen der Filmrezension. Sehr spannende Sache, viele gute Impulse. Um 18 Uhr, kurz vor der feierlichen Festivaleröffnung, hatten wir noch ein Kollektivinterview mit Knut Elstermann, der uns den Beruf des freien Filmkritikers/-journalisten sehr schmackhaft macht. Ich habe Blut geleckt, die etwas idealisiert Darstellung des Jobs hat mir gefallen, ich muss aktiver an die Vermarktung meiner Texte gehen.

Endlich Festivaleröffnung. Natürlich stehen wir auf der Gästelist, ist ja eine geschlossene Gesellschaft. Das Motto dieses Jahr ist Freiheit, das spiegelt sich auch auf den Eintrittskarten wieder: freie Platzwahl. Ich liebe Freiheit! Bevor es mit dem Eröffnungsfilm losgeht mühselige Grußworte, langweilig. Mit einem Höhepunkt allerding: der unterhaltsamen Anekdote des Ehepaares Erika und Ulrich Gregor, die erzählten wie sie in den 60ern polnische Filme in Westberlin zeigten. Sie gewannen einen Ehrenpreis für die Förderung der polnischen Filmografie in Deutschland, genauso wie Knut Elstermann.

Der Film beginnt, es ist You have no Idea how much I love You (Nawet nie wiesz, jak bardzo cię kochem) von Paweł Łoziński. Ein Dokumentarfilm. Er gefällt mir. Der Workshopgruppe ebenfalls.

Es ist spät geworden, es war ein langer Tag. Wir verabschieden uns, Küsschen links, Küsschen rechts. Ich gehe in mein Hostel, beziehe mein Bett, putze mir die Zähne, gähne nochmal theatralisch in den Spiegel und lege mich hin. Facebook und Instagram gecheckt, Wecker gestellt. Das Schnarchen meines Zimmergenossen wiegt mich in den Schlaf. Ich träume von angetrockneter Vogelkacke am Auto, von Fusseln im Leitungswasser, von Obdachlosen, die um ein paar Cent betteln…die Realität hat mich eingeholt.

OPEN CALL: 4. DEUTSCH-POLNISCHES PROGRAMM „Über Filme schreiben ist über die Welt schreiben“, 03.-08. Mai 2017

In einem 2-tägigen theoretischen und einem 4-tägigen praktischen Teil bilden sich die Teilnehmenden weiter in modernen Formen filmjournalistischen Handwerks (mit einem Fokus auf Print, Online und Radio), befassen sich mit aktuellen Herausforderungen der filmjournalistischen Arbeit, diskutieren die Rolle der Medien bei der Vermittlung deutsch-polnischer Filmkultur und informieren sich über das aktuelle polnische Kinogeschehen.

Begleitend produzieren sie, gemeinsam mit Medienprofis, eigene Text- und Radiobeiträge über das Polnische Filmfestival filmPOLSKA, die in verschiedenen Medien veröffentlicht werden.

Zudem wird eine Jury unter den Teilnehmenden bis zu zwei Personen auswählen, die die exklusive Möglichkeit erhalten, vom 4.-7. August während des Filmfestivals New Horizons, dem größten internationalen Filmfestival in Polen, an dem Workshop „A Sunday in the Country“ in der Nähe von Wrocław teilzunehmen.

Das Journalistenprogramm bietet eine exzellente Gelegenheit, bestehendes Wissen zu vertiefen, neue Erfahrungen zu sammeln, Kontakte zu knüpfen und das eigene Portfolio zu erweitern.

Wer kann sich bewerben?

Der Workshop richtet sich an angehende Filmkritiker*innen und Journalisten*innen zwischen 20 und 26 Jahren aus Polen und Deutschland, die Lust am Polnischen Kino und bereits (erste) Erfahrungen im Schreiben und Berichten über Filme haben und sie im Rahmen des Festivals filmPOLSKA vertiefen möchten.

Bewerbung und weitere Informationen:

Bewerbung:            ausgefüllter Bewerbungsbogen (https://goo.gl/CJ2YkA) und Arbeitsproben bis 12. April 2017 an
Kontakt:                  medienworkshop(at)filmpolska.de oder Fax 030/ 24 75 81 30
Veranstaltungsort:  Polnisches Institut Berlin, Burgstraße 27, 10178 Berlin

Was ist noch wichtig?

Die Arbeitssprachen sind Deutsch und Englisch.

Der Teilnehmerbeitrag beträgt 25 EUR. Reise- und Unterbringungskosten in Berlin können leider nicht übernommen werden.

Ein eigener WLAN-fähiger Laptop. Sollte dieser nicht vorhanden sein, bitten wir im Vorfeld mit uns in Verbindung zu treten.

Falls eine eigene Videokamera vorhanden ist, kann diese ebenfalls mitgebracht werden. Es besteht die Möglichkeit Videos zu produzieren.

Alle Teilnehmenden sollten während des gesamten Workshops Zeit haben und sich aktiv einbringen.

Hier nochmal die ganze Ausschreibung als PDF.

„Zud“- Porträt einer Nomadenfamilie

Eine karge Landschaft, geprägt von Hügeln in der Ferne, einem staubigen Boden und den Viehherden der Nomaden, die sich in diesem Teil der Erde ein Zuhause geschaffen haben. Das Leben in der mongolischen Steppe ist hart. Mehrmals im Jahr kommt der Zud; ein Kälteeinbruch mit Sturm und Schnee, der viele Familien an ihre Grenzen bringt. Besonders das Viehsterben in Folge der extremen Kälte führt schnell zur Existenzbedrohung, denn die Tiere sind hier Lebensgrundlage.

Als der Zud unerwartet über den elfjährigen Sukbhat und seine Familie einbricht und viele ihrer Ziegen und Schafe erfrieren, steht sein Vater vor einer schwierigen Situation. Er hat Schulden und muss zu Geld kommen. Die Mutter muss sich um den kleinen Sohn kümmern, er selbst ist mit den Tieren beschäftigt. Plötzlich liegt es am älteren Sohn, Sukbhat, Geld für die Familie aufzubringen. Da im Dorf regelmäßige Pferderennen stattfinden, bei denen man viel Geld gewinnen kann, zwingt der Vater den Jungen, ein wildes Pferd einzureiten. Alle Hoffnung liegt nun auf ihm.

ZUD_Minorowicz_filmpolska_horse

Das Spielfilmdebüt von Marta Minorowicz erinnert an die Dokumentarfilme, mit denen sie berühmt geworden ist. Dass sie nun einen Spielfilm gedreht hat, überraschte bereits auf der diesjährigen Berlinale. Die ruhigen Bilder, welche die Charaktere in ihrem ganz alltäglichen Ablauf zeigen, könnten ebenso gut eine Dokumentation sein. Die Schauspieler sind Laien und teilweise auch im richtigen Leben miteinander verwandt. Warum Minorowicz sich dennoch für die Spielfilmvariante entschieden hat, ist nicht ganz klar. Gelegentlich fragt man sich, ob eine Dokumentation nicht doch die schönere Lösung gewesen wäre.

Es passiert nicht viel hier draußen, das Leben ist von Arbeit geprägt, das Zusammenleben mit den Tieren steht im Vordergrund. Der Vater schert die Schafe und versucht, das Fell zu verkaufen, Sukbhat trainiert sein Pferd und spielt mit seinem gleichaltrigen Freund, schließlich ist er trotz der Bürde, die ihm auferlegt ist, noch immer ein ganz normaler Junge, der sich kichernd über die Mädchen in seiner Klasse amüsiert. Zur Schule gehen kann Sukbhat ohne Geld aber nicht mehr. Die Mutter wäscht die Kinder und kocht, über der Steppe weht leise der Wind. Man muss sich einlassen auf die Stille, die mit diesem Leben und damit auch mit diesem Film einhergeht. Das kann sicherlich nicht jeder. Die intensivsten Szenen sind dann doch die wenigen mit Dialog, dann, wenn Vater und Sohn gemeinsam das Pferd trainieren und ihre Beziehung zueinander deutlich wird. Vor allem aber ist „Zud“ etwas fürs Auge. Ein Film, den man nur in der richtigen Stimmung anschauen sollte.

Termine:

Montag, 25.4. 20:30 Uhr, Bundesplatz Kino (zu Gast: Marta Minorowicz)

Dienstag, 26.4. 20:00 Uhr, FSK (zu Gast: Marta Minorowicz)

Filmkritiker – der beste Job der Welt?

Als Filmkritiker auf einem Festival unterwegs – ein Traumjob! Stimmt, fast immer. Denn nach der filmPOLSKA-Festivalparty hieß es für uns vom Medienworkshop schnell ausnüchtern, ran an die Texte oder rein ins Studio. Mit der Hilfe von BLN.fm-Chef Tim Thaler entstanden so Hörfunkbeiträge und Rezensionen zu den Filmen „Polish Shit“, „Sirenengesang“ und „New World“.

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Unser Radioreporter Maciej in unserem kleinen Studio in der Hochschule der Populären Künste.

So gilt es an jedem Morgen einen neuen Text zu schreiben, um ihn pünktlich zur Deadline bis 12 Uhr an unseren Chefredakteur Detlef Kuhlbrodt abzuliefern. Nach einer kurzen Besprechung der Texte ab 14 Uhr geht es dann für die Radio-Gruppe im Eiltempo zur Bahn, um pünktlich um 16 Uhr zusammen mit Tim Thaler und seinen Studenten an neuen Beiträgen zu arbeiten. Schnell haben wir gemerkt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man einen Text für den Blog oder das Radio verfasst — in der Kürze steckt die Würze. Unter der Anleitung von Tim und seiner Lehr-Redaktion konnten wir an unseren Texten feilen und an unserer Aussprache arbeiten. Bis zum — teilweise fortgeschrittenen Abend — entstanden so ein paar Beiträge, die schließlich den Weg in unseren Blog oder auf BLN.FM gefunden haben.