Der Missionar der Filme

Es ist Mittwochabend und das 11. Festival des polnisches Films, filmPOLSKA, eröffnet unter der Moderation des langjährigen Filmkritikers Knut Elstermann. Im Rampenlicht des Berliner Babylon-Kinos steht der immer arbeitsame Elstermann, der für zahlreiche Hörfunk- und Zeitungsredaktionen dieses Landes Filme sichtet und beurteilt. Auch wenn er viele, viele Filmfestivals im Jahr besucht, hat filmPOLSKA für ihn einen ganz besonderen Reiz. Die Festivaleröffnung samt Verleihung der Ehrenpreise ist für ihn weniger Arbeit, als vielmehr ein Freundschaftsdienst: „Elf Jahre zeigen, wie gut sich dieses Festival etabliert hat und verdeutlicht, dass Polen weiterhin eine blühende Film-Landschaft ist.“

Am Morgen danach hält der Alltag wieder Einzug in Elstermanns Tagesablauf. Früh aufgestanden erstellt der 55jährige erste Beiträge für das Radio und findet bei einem Kaffee seines Lieblingsbistros Zeit für junge Filmkritiker, die sich in seinem neuen Radiostudio, ganz in der Nähe des Fernsehturms, eingefunden haben: „Schon als Jugendlicher haben mich die großen Fragen des polnischen Films interessiert. Als Kind der DDR fesselte mich vor allen Dingen das ‚Kino der moralischen Unruhe‛, geprägt von großen Regisseuren wie Wajda oder Polanski. Polnische Filme waren schon zur damaligen Zeit viel unideologischer als die heimische DEFA-Produktion.“

Nach der Wende musste sich Elstermann, zuvor Nachrichtenredakteur beim ND, umorientieren und begann seine Arbeit als Filmkritiker zu professionalisieren. Sein Weg führte ihn bis auf die Couch im Warschauer Wohnhaus von Andrzej Wajda, wo Elstermann den Ur-Vater des polnischen Films ganz persönlich treffen konnte. Ein Schlüsselmoment in seiner Beziehung zum Kino des östlichen Nachbarlands: „Es gibt heute noch zu viele Vorurteile gegenüber den Filmen aus Polen. Dabei sind die dortigen Produzenten viel mutiger als zum Beispiel ihre deutschen Kollegen, die vor allen Dingen Filme mit Fernsehästhetik produzieren. In Polen findet sich eine reiche Poesie wieder, die den Zuschauer visuell überrascht – schließlich erwarten die Zuschauer packendes, unterhaltsames Kino und keinen archaischen Museumsbesuch.

Knut Elstermann, Interview

Knut Elstermann lebt das Kino

In den Redaktionen deutschen Medien wird das Dasein von Filmkritikern immer wieder in Frage gestellt. Junge Filmkritiker müssen neue, mitunter sehr umständliche Wege gehen, um gehört zu werden. Und doch ist der Blick von Knut Elstermann in die Zukunft der Filmkritiker-Zunft optimistisch, wenn Filmkritiker weiterhin mit der nötigen Ernsthaftigkeit ans Werk gehen. Die Filmkritik sollte hierbei einzig und allein an das Publikum adressiert werden und nicht für den Regisseur oder Drehbuchautor formuliert sein. Der Begriff Beruf hat seinen Ursprung schließlich in Berufung und so ist es Elstermanns Mission gute Filme bekannt zu machen: „Ich möchte ein verlässlicher Ansprechpartner im Film-Dschungel sein und souveräne Urteile für das Publikum fällen – dazu gehören für mich auch Urteile über wenig bekannte Filme aus kleineren Produktionen.“ Krisen seines Berufs sieht er nur in dem immer weniger werdenden Austausch zwischen Leser (bzw. Hörer) und dem Filmkritiker. Die zunehmende Verschiebung zwischen Print- und Online-Journalismus hat für ihn dabei nicht nur Schattenseiten: „Ein eigener Internet-Blog mit Filmkritiken kann, wenn er gut gemacht ist, eine unfassbare Reichweite bekommen. Dass zeigen auch die Zugriffszahlen auf meinen Online-Podcast der zurückliegenden Radiosendungen.“

Knut Elstermann, immer mit einem Lächeln und dem zeitgleichen kritischen Blick bewaffnet, kann jedoch auch sehr wehmütig wirken. Nämlich dann, wenn Elstermann an die Zukunft des polnischen Kinos denkt: „Die aktuelle Lage in Polen bedrückt mich. Es gib eine neue Generation an polnischen Filmemachern, die sich nicht mehr als Opfer sehen will und im Stande ist neue Akzente zu setzen. Die restriktiven Mediengesetze in Polen machen es dieses kreativen Köpfen jedoch nicht besonders leicht.“ Elstermann hofft, dass er auch im kommenden Jahr das 12. Festivaljahr der filmPOLSKA mit einem breiten Lächeln eröffnen kann. Hoffen wir mit ihm.